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"Europas Wirtschaft wird unterschätzt"
Geld einfach unters Kopfkissen zu legen, ist der falsche Weg: DVAG-Chefvolkswirt Ralf-Joachim Götz im BT-Gespräch. Foto: H. Vetter
14.09.2017 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Wie lange hält die Europäische Zentralbank die Zinsen auf einem derart niedrigen Niveau und strapaziert damit die Nerven der Sparer? Und was kann man tun, um sein Geld noch irgendwie gewinnbringend anzulegen? Ralf-Joachim Götz, Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensverwaltung AG (DVAG), hält die Zeit für reif für einen Kurswechsel der EZB. Allerdings geht er von eher moderaten Zinsschritten aus, wie er im Gespräch mit BT-Redakteur Jürgen Volz sagt.

Interview

BT: Herr Götz, die Sparer in Deutschland warten sehnlichst darauf, dass die EZB endlich die Zinsen anhebt und sie wieder etwas mehr Geld auf dem Sparkonto haben. Glauben Sie, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen werden, zumal die US-amerikanische Notenbank bereits vorangegangen ist?

Ralf-Joachim Götz: Bei den Bundesanleihen sind sie es ja bereits, wenn auch nur leicht. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Europa nie allzu lange von der Zinsentwicklung in den USA hat abkoppeln können. Doch dem steht die Europäische Zentralbank mit ihrer Zinspolitik und ihrem gigantischen Anleihekaufprogramm noch entgegen. Ein stärkerer Zinsanstieg in naher Zukunft ist daher unwahrscheinlich. Auf mittlere Sicht kann jedoch auch hierzulande wieder mit höheren Zinsen gerechnet werden. Ein genauer Zeitpunkt dafür lässt sich aber nicht benennen. Generell befinden wir uns in einer - mit Unterbrechungen - seit Sommer 1981 anhaltenden Zinssenkungsphase. Damals gab es auf Bundesanleihen sage und schreibe mal 10,75 Prozent Zins.

BT: Warum tut sich die EZB so schwer mit Zinsanhebungen, wo doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Europa sich generell verbessert haben und auch die Inflation wieder spürbar ist?

Götz: Die Wirtschaft in Europa wird meines Erachtens im Vergleich zu den USA unterschätzt. Auch die Staatsverschuldung ist hierzulande geringer. Allerdings haben noch nicht alle Länder die von der EZB angestrebte Inflationsrate von nahe zwei Prozent erreicht, die sie als Messlatte für Preisstabilität ansieht.

BT: Wie können Anleger die Zeit überbrücken, bis die Zinsen wieder steigen?

Götz: Das kommt auf die persönlichen Ziele und die Risikobereitschaft des Anlegers an. Wer sein Geld kurzfristig benötigt, etwa für notwendige Anschaffungen, sollte auf ein Tagesgeldkonto zurückgreifen. Als Faustregel gilt, dass man dort etwa zwei Monatsgehälter parken sollte, um flexibel zu bleiben. Anders ist es bei denen, die einen langfristigen Anlagehorizont haben. Wer etwa fürs Alter vorsorgen möchte, der sollte heute aufgrund der Zinssituation in ein etwas größeres Risiko gehen und sich damit langfristig bessere Ertragschancen eröffnen. Das geht zum Beispiel mit fondsgebundenen Lebensversicherungen oder mit Aktienfonds. Generell gilt: je langfristiger die Anlage, desto mehr Risiko kann man eingehen. Es gibt sowieso keine risikofreien Zinsen mehr. Die Menschen müssen heute anders über Geldanlagen denken als früher. Viele haben Angst vor dem Risiko. Aber bei einer langfristigen Betrachtung sind Verlustrisiken mit einem gut gemischten internationalen Aktienportfolio - am besten mit Aktienfonds - nahezu ausgeschlossen.

BT: Und wenn man sein Geld einfach unters Kopfkissen legt, was viele Deutsche gerade tun?

Götz: In der Tat ist die Bargeldhaltung der privaten Haushalte in den letzten Jahren deutlich stärker gestiegen als das gesamte Geldvermögen. Aktuell dürften so rund 180 Milliarden Euro in Geldbörsen oder auch unterm Kopfkissen lagern. Ich finde aber, Geld einfach liegen zu lassen, ist der falsche Weg. Denn es bringt keinerlei Verzinsung und führt schon bei den aktuellen Inflationsraten zwischen 1,5 und 2 Prozent zu einem realen Kaufkraftverlust.

BT: Die Bundesregierung hat aktuell die Betriebsrente gestärkt. Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Kritik an der Riester-Rente. Wie stehen Sie dazu?

Götz: Die Betriebsrente wird durch die gesetzlichen Anreize für viele interessanter. Sofern Menschen im Rentenalter tatsächlich nur die staatliche Grundsicherung beziehen, wurde ihnen bislang eine Betriebs- oder Riester-Rente darauf angerechnet. Künftig wird es einen Freibetrag geben. Das ist ein gutes Signal. Zudem werden auch die Zulagen zur Riester-Rente von 154 Euro auf demnächst 175 Euro angehoben. Das ist ein deutliches Bekenntnis der Bundesregierung zur Riester-Rente. Auch ich persönlich bin von der Riester-Riester als Einstieg in die private Altersvorsorge überzeugt. Sie ist insbesondere aufgrund ihrer staatlichen Förderung sozial und - gerade auch in der jetzigen Niedrigzinsphase - sehr attraktiv. In bestimmten Fällen kann man so bereits mit fünf Euro im Monat dabei sein und etwas für seine Altersvorsorge tun.

BT: Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Welche Erwartungen haben Sie an die künftige Regierung?

Götz: Als Ökonom bin ich ein Freund möglichst wenig staatlicher Regulierung. Natürlich muss sie in einem gewissen Maß sein, aber sie darf nicht überborden, sonst ist sie schädlich und kann auch dazu führen, dass sich wichtige Dienstleistungen stark verteuern oder gar nicht mehr angeboten werden. Das Bankwesen ist hierfür ein gutes Beispiel. Dort ist nach dem Finanzcrash eine Menge an Aufsicht und Regulierung draufgepackt worden. Das hat bei den Banken wiederum zu erheblichen Kosten und zum Rückzug aus dem einen oder anderen Standort und Beratungsgeschäft geführt.

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