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Der Jäger des geheimen Selbst
'Man muss nicht um jeden Preis einen Film machen': Istvan Szabo reizen nur große Filmstoffe wie er bei der Verleihung des 'Master of Cinema' in Mannheim erklärt. Foto: Mertens
14.11.2017 - 00:00 Uhr
Von Markus Mertens

Als das "Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg" noch "Kultur- und Dokumentarfilmwoche" heißt und eine hochkarätige Jury mit Ikonen wie Fritz Lang 1964 in der Quadratestadt residiert, um einen Film zu sehen, der auf der Leinwand ein mutiges "Alter der Träumereien" prophezeit, ist der Ungar Istvan Szabo 26 Jahre alt - und wird in seinem Leben dennoch bereits für reichlich Aufsehen gesorgt haben. Als einer von zehn aus 1 000 Bewerbern erhält er einen Studienplatz an der Filmakademie in Budapest, als einer von etlichen gefolterten Jungintellektuellen wird er der Geheimpolizei AVH als Spitzel dienen. Szabo als Reizfigur, die polarisieren würde.

Dabei ist der Ungar doch einer, der als Regisseur eher zurücktritt und seine Schauspieler sagen lässt, wozu es seine Worte scheinbar gar nicht mehr benötigt. Doch mit seiner Forderung nach mehr Träumerei in einem mental depressiven Zeitalter kommt er an, erreicht aus Mannheim heraus das Gehör einer Weltöffentlichkeit - und spürt die realen Konsequenzen dieses Schritts umgehend. Das erste große Fernsehinterview mit Ulrich Gregor folgt noch in der Quadratestadt, ein Jahrzehnt später landet er mit den "Budapester Legenden" 1975 das erste Mal in Cannes: Szabo hat es geschafft. Doch nicht, indem er mit Filmen um sich wirft, sondern sie in die Sehnsüchte der Menschen einbettet, für deren Suche er seinen Protagonisten bis tief in die Seele bohrt. Unbequem und gnadenlos, doch immer authentisch und vor allem: wahrhaftig.

Festivaldirektor Michael Kötz hat die "mysteriöse Suche nach den unbequemen Innerlichkeiten" bei der Verleihung des "Master of Cinema" an Istvan Szabo für sein Lebenswerk am vergangenen Sonntagabend beim Internationalen Filmfestival im Mannheimer Kino ganz zu Recht gepriesen - denn leicht hat es sich dieser epische Leinwandkünstler, der stets das kleine Wort zu großen Gesten erhebt, niemals gemacht.

Ganz so wie 1980, als der ungarische Filmemacher langsam aber sicher zum Kosmopolit cineastischer Progressivität avanciert. "Der grüne Vogel" erscheint in den Kinos, präsentiert uns Hannelore Elsner als Ärztin, die als Gefangene einer Liebe zwischen Seelenheil und Eisernem Vorhang fast zermahlen wird: Die Kritik und das Publikum jubilieren - und sollten spüren, dass dies erst der Anfang einer Bewegung ist, die der heutige Ehrenbürger Budapests noch kaum vollzogen hatte.

Noch im gleichen Jahr gewinnt Szabo mit "Zimmer ohne Ausgang" den Silbernen Bären in Berlin, und schon 1981 erscheint mit "Mephisto" jenes dunkle Oscar-Meisterwerk, das die vernichtende Faszinationskraft Adolf Hitlers als ästhetisches Momentum fassbar macht. Dabei wundert es keinen Augenblick, warum Szabo sich gerade Klaus Maria Brandauer als Mimen (Hendrik Höfgen) auserwählte, der nicht nur den verführerischen Teufel, sondern in "Oberst Redl" und "Hanussen" auch zwischen militärischem Drill und obskurem Prophetismus Gestalt verleihen würde: Weil er sich auf die Abgründe verstand, ohne die Szabos Filme nur ihre Hälfte wären. Die Fallhöhe, das Risiko, die ästhetische Waghalsigkeit: In Kauf genommenes Programm.

"Man muss nicht um jeden Preis einen Film machen", wird Istvan Szabo in Mannheim sagen, als er die Festival-Trophäe als "Master of Cinema" erhält - und damit ebenso Gewichtiges wie Mutiges ausgedrückt haben. Denn in einer Szene, die von Produkten und deren Vermarktung lebt, erhebt hier ein Kunstautor das Wort, der auf seinen Film entweder für immer unverkennbar den eigenen Abdruck hinterlässt, oder auf Ruhm verzichtet. Für jede Form der Konvention war und ist das der Abgesang, doch die entstandenen Dramen bleiben ein Konzentrat filmischer Bannkraft mit Ewigkeitscharakter. Im neuen Jahrtausend wird "Der Fall Furtwängler" zum ebenso eindringlichen wie empfindsamen Post-NS-Drama, während "Being Julia" nach Somerset Maugham der Schauspielkunst selbst als strahlende Hommage dient.

Mit der Schau von "Hinter der Tür" beweist Szabo in Mannheim nicht nur, dass er selbst eine noble Autorin mit einer nur scheinbar verschrobenen Hausdame auf kongeniale Art und Weise zu Anverwandten machen kann: Er zeigt, wie empathisch und hingebungsvoll, unbeugsam und poetisch es geschehen kann. Vielleicht geschehen muss, damit da am Ende nicht nur Ingmar Bergmann und Akira Kurosawa als Inspiration, Martina Gedeck und Helen Mirren als Schauspielerinnen auf der Leinwand offenbar werden, sondern der Jäger des geheimen Selbst seine Beute erlegen darf. Am Ende ist Szabos Geschichte eine Mannheimer Geschichte internationaler Tragweite. Alpha und Omega, frühes Vertrauen und später Ruhm: Die Krone einer Karriere.

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