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Mobil, aber mit deutlich weniger Pkw
Erhöhte Staugefahr: In Baden-Württemberg sind derzeit sechs Millionen Fahrzeuge zugelassen. Das soll sich in absehbarer Zeit ändern. Foto: dpa
14.11.2017 - 00:00 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist stolz darauf, den bundesweit ersten Strategiedialog zur Zukunft der Automobilindustrie in Gang gesetzt zu haben. Die Stiftung Baden-Württemberg liefert jetzt eine wesentliche Grundlage für die auf sieben Jahre angelegte Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Die allerdings dürfte vielen nicht gefallen: Baden-Württemberg wird im Kampf gegen die Erderwärmung nur dann bestehen, wenn es deutlich weniger Autos gibt.

Von einem "völlig neuen Format" schwärmte der Regierungschef, als er vor der Sommerpause seine Vorstellungen von dieser "institutionalisierten Zusammenarbeit" vorstellte. Die Probleme allerdings sind seit langem bekannt: Mit einem Anteil von 32 Prozent ist der Verkehrssektor der größte Verursacher des Kohlendioxid-Ausstoßes im Land. "Und da stehen die Zeichen noch immer in die falsche Richtung", sagt Brigitte Dahlbender, die Landesvorsitzende des Bunds für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Die Sozialdemokratin, die auch im Ulmer Gemeinrat sitzt, gab 2015 den Anstoß zu der umfassenden Untersuchung. Auf fast 300 Seiten werden, wie es im Untertitel heißt, "Wege der Transformation zu einer nachhaltigen Mobilität" aus verschiedensten Blickwinkeln analysiert.

Vor dem Hintergrund der nationalen und internationalen Klimaverpflichtungen des Landes ist tauglich nur das weitestgehende der drei entwickelten Szenarien. Und das sieht eine drastische Reduktion des Bestands von Fahrzeugen - von derzeit rund sechs Millionen - bis 2030 um 30 Prozent und bis 2050 sogar um 85 Prozent. "Mobilität wird durch ein attraktives öffentliches Verkehrssystem mit unterschiedlichsten Fahrzeuggrößen (,Ridesharing') sichergestellt", heißt es. Ergänzend nähmen Bike- und Carsharing-Angebote zu. Als eine "Benchmark" wird Wien genannt: In zwei Jahrzehnten hat Österreichs Hauptstadt einen ÖPNV-Anteil von 40 Prozent erreicht. Was allerdings einhergeht mit der "Bereitschaft", den Individualverkehr zurückzudrängen.

Eigentlich wollte Kretschmann die von der Baden-Württemberg-Stiftung finanzierte Mobilitätsstudie selbst in Stuttgart vorstellen. Die Jamaika-Sondierungen hielten ihn in aber gestern Berlin fest. Die Vorsitzenden der Regierungsfraktionen Andreas Schwarz (Grüne) und Wolfgang Reinhart (CDU) wollen von Restriktionen allerdings nichts wissen. Für Ersteren steht fest, dass die Studie "die Hausaufgaben" aufzeige. Ziel müsse es sein, Baden-Württemberg zum "Wegbereiter einer modernen und nachhaltigen Mobilität zu machen". Schwarz hofft auf den Bund und die "Blaue Plakette". Reinhart wiederum beklagte zwar die Versäumnisse der "vergangenen 70 Jahre" beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. "Wir sind in eine Stauregion hineingeraten", sagte der CDU-Fraktionschef. Von Einschränkungen hält er dennoch nichts. Er vertraue der Industrie. Und die Bürger müssten mit "attraktiven Angeboten" mitgenommen und mit dem "Faktor Zeit" überzeugt werden, etwa wenn der Zug deutlich schneller ans Ziel komme als der Pkw.

Wiebke Zimmer vom Öko-Institut, eine der Autorinnen der Studie, erinnert dagegen an die "Grundsätze der planetaren Grenze". Wer die Klimaziele ernst nehme, werde um Einschnitte nicht herumkommen. "Ich wünsche mir", so die Wissenschaftlerin, "dass die Studie zum Nachschlagewerk für den Strategiedialog wird." Denn: "Wir haben nicht nur zusammengetragen, welche Konsequenzen aus der Entwicklung für Umwelt gezogen werden müssen, sondern auch für die Ökonomie und die soziale Teilhabe im Land."

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