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Klang der Heimat oder Lärm?
02.12.2017 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Karlsruhe - Die beiden Kirchen wollen mit einer bundesweiten Kampagne "Hörst Du nicht die Glocken" den Wert des Glockenklangs mehr ins Bewusstsein rufen. "Glocken stehen für Heimat", sagte der evangelische Landesbischof von Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, gestern Nachmittag zum Start der bundesweiten Aktion.

Die Kampagne sollte eigentlich begleitet werden durch einen öffentlichen Glockenguss der traditionsreichen Karlsruher Gießerei Bachert vor dem Schloss. Doch die Glocke konnte nicht gegossen werden, da der Ofen nicht die nötige Temperatur erreichte. Nun soll sie kommende Woche gegossen werden; sie ist für eine ökumenisch genutzte Kirche in Mannheim bestimmt.

Cornelius-Bundschuh hatte zuvor vor der Presse die Bedeutung der Klangkörper unterstrichen. "Glocken unterbrechen unseren Alltag. Wir hetzen von Termin zu Termin. Der Glockenklang widerspricht dieser Hetze", betonte er. Der Glockenklang wolle sagen: "Lass Dich nicht total einspannen, sondern halte regelmäßig inne, dadurch behältst Du Deine innere und äußere Freiheit." Der emeritierte Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch nannte Glocken "unsere Schätze". Sie seien Zeugen der Geschichte. "Wir sind froh, dass wir sie haben." Er verwies auf die Datenbank der Erzdiözese, die sich seit 2012 im Aufbau befindet (siehe zum Thema).

Hans Schnieders, Delegierter der Deutschen Bischofskonferenz im Beratungsausschuss für das deutsche Glockenwesen, zeichnete ein düsteres Bild vom Ist-Zustand. "Vielen sind die Glocken schlichtweg egal. Sie sind so vertraut. Man hört sie, ohne sie wahrzunehmen. Wer hört schon seinen eigenen Atem?", fragte er. Noch vor 20, 30 Jahren hätten Glocken allerorts bis zu fünfmal am Tag geläutet, heute geschehe dies vielerorts nur noch einmal am Tag, nämlich mittags. Man ist quasi auf dem Rückzug, "und zwar nicht nur aus vorauseilenden Lärmschutzgründen", sondern auch, weil manche Glocken marode seien, die Klöppel Risse hätten und für die Sanierung Geld fehle. "Der Glockenklang nimmt ab. Werden sie irgendwann ganz schweigen?", fragte Schnieders. Dabei sei der Klang dringend erhaltensbedürftig. Das sei nicht nur eine Angelegenheit der Christen, sondern aller. Glocken seien "internationales Kulturerbe schlechthin". Auch in der tibetischen, hinduistischen und japanischen Tradition gebe es den Kult. Es handele sich um einen "neutralen Klang". Zudem bestehe die handwerkliche Tradition des Glockengießens seit mehr als 5000 Jahren. Das Handwerk wieder ins Bewusstsein zu rufen, stärke auch das Brauchtum und die Kunst. Seit 1500 Jahren würden Glocken im Christentum als Rufinstrument und als Zeichen für liturgische Handlungen eingesetzt.

Die Kirchenverantwortlichen, die ihre Kampagne gestern mit einigem Stolz der Öffentlichkeit vorstellten, wissen um die problematischen Seiten des Glockenklangs. Ein Leitfaden für Kirchengemeinden erläutert daher, wie Verantwortliche vor Ort mit dem Thema umgehen sollten. Es gehe nicht darum, mehr als bisher am Tag, sondern "bewusster" zu läuten - was auch immer das bedeuten mag. Die Einwände bedenkt der Leitfaden gleich mit. "Muss die Kirche einen solchen Lärm veranstalten?", lautet die oft gestellte Frage.

Gegnern des Glockenklangs will man mit Argumenten entgegentreten. In dem Leitfaden heißt es vorsichtig bis verunsichert: "Ein begründeter Umgang mit öffentlichen, unverwechselbaren Signalen des Glaubenslebens kann überzeugen - und zur Diskussion auffordern." Diese stand gestern allerdings nicht im Mittelpunkt. Lieber wurde geworben, öffentlich gefeiert und eventmäßig zelebriert.

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