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Als ob man selbst von der Schanze springt
13.01.2018 - 00:00 Uhr
Von Jürgen Volz

Sinzheim - Es ist, als würde der Fernsehzuschauer selbst vom Schanzentisch abheben und bis auf 140 Meter hinuntersegeln: Eine neue Technik einer Firma aus Sinzheim hat die Übertragung von Skispringen im Fernsehen revolutioniert: Erstmals bei der Vierschanzentournee kam vor kurzem bei ARD und ZDF eine "fliegende" Kamera zum Einsatz, die eine völlig neue Perspektive auf die faszinierende Sportart eröffnet. Ermöglicht hat dies die S-DynaX5 Solution GmbH.

Zehntausende Zuschauer im Skisprungstadion und Millionen an den Fernsehschirmen waren hellauf begeistert, als die deutschen Asse Richard Freitag und Andreas Wellinger sowie der spätere Tournee-Sieger Kamil Stoch aus Polen in Oberstdorf erstmals in den Fokus der neuartigen Technik rückten. Aufgehängt an einem rund 1000 Meter langen Seil flog eine Kamera parallel zu den Springern den Skihang hinunter und lieferte außergewöhnliche Bilder. "Das sieht natürlich spektakulär aus, aber die Realisierung ist extrem schwierig", sagt Firmenchef Reiner Ellwanger. Etwa drei Jahre lang hat er zusammen mit zwei Ingenieuren und einem Informatiker getüftelt und getestet, ehe die Anlage nun erstmals bei einem offiziellen Wettkampf zum Einsatz kam. "Alles lief reibungslos", freut sich Ellwanger über die geglückte Premiere. Schon am nächsten Wochenende bei der Skiflug-Weltmeisterschaft - ebenfalls in Oberstdorf - sollen weitere Einsätze folgen. Dann an einer noch größeren Schanze, die Flüge bis weit über 200 Meter zulässt.

Genau solche Herausforderungen liebt der umtriebige Unternehmer. Wenn andere kapitulieren, wird bei ihm der Ehrgeiz erst richtig geweckt. "Das war schon immer so", sagt er. Dennoch: Ohne eine Portion unternehmerisches Risiko, verbunden mit einer Millioneninvestition, hätte sich die "fliegende Kamera" letztendlich nicht realisieren lassen.

Schritt in die Selbstständigkeit

Der heute 64-Jährige wagte im Jahr 2000 den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete die Firma Rese Video mit Sitz im Industriegebiet Sinzheim-Kartung. Erfahrungen in der Branche brachte er zwar reichlich mit - etwa als Marketingleiter einer Firma, die auf elektronische Werbung spezialisiert war. Für das technische Know-how holte er sich jedoch Partner ins Boot. "Natürlich hat alles erstmal ganz klein angefangen", erinnert sich Ellwanger. Beispielsweise mit Bildschirmen in Zelten und Hallen, über die bei Großveranstaltungen Informationen und Werbung flimmerten. Dann kam die revolutionäre LED-Technik - und Ellwanger spezialisierte sich auf großflächige Videoleinwände.

Eine erfolgreiche Bewerbung beim Deutschen Bob- und Schlittenverband für die Weltmeisterschaft 2003 in Winterberg war für die noch junge Firma der Türöffner zu einem großen Markt: dem Wintersport. Ellwanger machte sich mit seinen LED-Wänden einen Namen und wurde schließlich vom Deutschen Skiverband für die Vierschanzen-Tournee der Skispringer verpflichtet. Jetzt hatte die Firma aus dem Badischen endgültig den Durchbruch geschafft. Bei zahlreichen Veranstaltungen des Bob-, Rodel- und Alpinsports werden seither die Zuschauer auf bis zu 100 Quadratmeter großen Videowänden informiert und unterhalten. Aber auch außerhalb des Wintersports ist das Unternehmen erfolgreich unterwegs - etwa bei den traditionellen Pferderennen in Iffezheim.

Breitgefächertes Portfolio

Die Gründung der S-DynaX5 Solution GmbH im Jahr 2013 gab der Rese Group einen enormen Schub. Ellwanger baut nun nicht nur technisch anspruchsvolle Anlagen für seine mobile Kamera, sondern bietet auch eigene Video-Produktionen mit Drohnen-Flügen an oder ist als Regisseur bei Fernsehübertragungen wie zuletzt bei der Vierschanzen-Tournee tätig. Dort arbeitete er bei den Livebildern Hand in Hand mit den Verantwortlichen der übertragenden Fernsehsender. "Das ist eine Aufgabe, die mir sehr viel Spaß macht".

Im Fokus steht zurzeit allerdings die mobile Kamera-Anlage für die großen Skisprung-Schanzen. Ihre Installation ist enorm aufwändig, berichtet der Unternehmer. Etwa zehn Tage erfordert das computergesteuerte Einmessen der Anlage, das Setzen der Masten und der Aufbau des Seilzugs. Allein die Maschine, die das Laufseil für die Kamera steuert, wiegt rund vier Tonnen. Sie ist das Herzstück der Anlage, in ihr steckt das gesamte Know-how des hochkomplexen Systems. Sobald die Sportler noch vor dem Wettkampf ihre ersten Trainingssprünge absolvieren, läuft auch die Testphase der fliegenden Kamera. "Dann zeigt sich, ob wir präzise gearbeitet haben", sagt Ellwanger. Während sich in Deutschland der Bob- und Schlittenverband sowie der Skiverband langfristig die Dienste der Sinzheimer Firma bereits gesichert haben, bekundet jetzt auch der Weltskiverband FIS sein Interesse. Gut möglich, dass die badischen Tüftler bald die gesamte Weltcup-Saison begleiten werden.

Zuvor steht für Ellwanger jedoch ein wichtiger Termin an: Im April präsentiert seine Entwicklungsschmiede ihr Kamerasystem dem Fachpublikum auf einer Messe in Las Vegas.

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