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Die Revolte wird gefeiert
14.03.2018 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer

1818, 1848, 1918, 1948 und dann noch 1968 - irgendetwas muss die 8 haben, dass sie in der deutschen Geschichte so oft vorkommt. Hat mit Revolution, mit Aufbruch oder Umbruch zu tun, vor allem in Baden: 200 Jahre badische Verfassung, 200 Jahre Badischer Kunstverein, 170 Jahre Badische Revolution, 100 Jahre Novemberrevolution, 70 Jahre Parlamentarischer Rat. Und die Revolte, die im letzten Jahrhundert noch einmal einen Neuanfang wagte und entscheidende Impulse in die Gesellschaft gab. Immer ging es um den Kampf neuer gegen alte Strukturen, oft ging es um Gleichheit und Freiheit, um neue Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

"Umbrüche, Aufbrüche, gleiche Rechte für alle" lautet denn auch das Thema der 24. Europäischen Kulturtage (EKT), die vom 20. April bis 5. Mai in Karlsruhe fast alle kulturellen Häuser und Initiativen der Stadt vereinigt, vom Garten der Religionen bis zum Badischen Staatstheater, von der Gedok bis zum Literaturmuseum, vom Stadtjugendausschuss bis zur Kinemathek. Neu als Partner dabei ist das Bundesverfassungsgericht: Passend zum Thema hält Bundesrichterin Susanne Baer am 20. April den Eröffnungsvortrag im Rathaus.

Viel Geschichte gibt es: Das Stadtmuseum zeigt in "Bewegt euch!" mit der Beteiligung vieler Augenzeugen, dass auch in Karlsruhe 1968 ein wenig Unruhe aufkam, gegen die Notstandsgesetze protestiert wurde und ein erstes Jugendzentrum entstand. Das Badische Landesmuseum versucht mit einem Spiel und neuen Ausstellungsformen, der Frage nachzugehen, ob heute auch noch revolutionäres Potenzial vorhanden ist. Es wird an vergessene Komponistinnen wie Ethel Smyth und an das erste deutsche Mädchengymnasium in Karlsruhe erinnert und an die Liebe zwischen dem Karlsruher Anarchisten Gustav Landauer und der Dichterin Hedwig Lachmann. Das Generallandesarchiv schaut von 1818 auf 1918 und fragt: "Demokratie wagen?"

Doch die Europäischen Kulturtage sehen nicht nur zurück. Schon der Badische Kunstverein präsentiert seine lange Geschichte in Ausstellungen, die auch nach vorne schauen und überlegen, welchen Stellenwert Kunst heute noch hat. Seine erste, große Jubiläumsausstellung wird im Rahmen der EKT das polnische Künstlerduo Kwie-Kulik gestalten, die in Polen durch ihre politischen Performances Furore gemacht haben.

Die Gedok untersucht unter dem schön provokativen Titel "Botox für alle", was aus der Forderung der Frauen nach Selbstbestimmung über ihre Körper geworden ist. Die Kinemathek hat ein ausführliches feministisches Programm zusammengestellt, unter anderem werden die Klassiker "Tausendschönchen" von 1966 und "Die grausame Frau" von 1985 vorgeführt, und die Städtische Galerie im ZKM-Hallenbau präsentiert Werke von Marlene Dumas und Rosemarie Trockel, zwei Künstlerinnen, die es mit ihrer Kunst an die Weltspitze geschafft haben.

Im Badischen Staatstheater kreisen mehrere Inszenierungen um die Frage, wie es um die Rechte der Frauen und um die Revolution überhaupt bestellt ist. "Die Ehen unserer Eltern" ist ein Dokumentartheaterstück über die Karlsruher 68er und ihre Kinder (wir berichteten). "Jugend ohne Gott" zeigt die Manipulationsfähigkeit der Jugend, das Volkstheaterstück "Radikale Akte" verwebt Momente der Karlsruher Frauengeschichte mit den Erfahrungen von Frauen, Mädchen und "genderfluiden" Menschen, die in Karlsruhe leben und mit auf der Bühne stehen - eine Uraufführung am Eröffnungsfreitag. Und das Musical "Hair" greift noch einmal die Glücksmomente der Flower-Power-Bewegung auf. Es gibt aber auch ein Gastspiel aus dem Iran: "I am a woman. Do you hear me?", das vom Glück und Leiden iranischer Frauen von heute erzählt.

"Tiger und Löwe" erzähle von einem anderen "Rand Europas", wie der Generalintendant des Badischen Staatstheaters, Peter Spuhler, gestern bei der Programmvorstellung erklärte, von den stalinistischen Säuberungen in Georgien 1937, bei denen alle nichtkonformen Musiker, Autoren und Schauspieler ermordet wurden. Und "Your Love is Fire" (in arabischer Sprache) spielt im kriegszerrütteten Damaskus: Hala will nach Deutschland fliehen, ihre Freundin Rand kann aber nicht mit, weil ihr Freund Khaldoun als Soldat seine Pflicht erfüllen muss. Und dann tritt noch der Autor des Textes auf, der das Stück in einem Flüchtlingslager in Deutschland schreibt.

Viel Kunst ist also bei den Europäischen Kulturtagen wieder zu sehen, aber auch sehr viel Politik. Denn, so Staatstheater-Intendant Spuhler: "Wir sind in den letzten Jahren politischer geworden, das steht der Stadt des Rechts aber auch gut zu Gesicht."

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