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Frech an der Nase herumgeführt
21.03.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Kennen Sie den? Fläzt sich ein feister Würdenträger rücklings auf dem Kanapee mit der Schnapsflasche am Hals - und kommentiert wird die Szene mit dem Untertitel: "Der Amtmann von Krähwinkel liegt in den letzten Zügen". Oder die junge Dame zieht den Verehrer kräftig an seinem langen Zinken - und "führt ihren Galan an der Nase herum". Die Magd fährt ihrer im Gras liegenden Herrschaft - wortwörtlich - mit dem Speichenrad des groben Karrens übers Maul.

Der Spott im Biedermeier war direkt und handfest. Zwischen den behaglichen, feinen Möbeln und der Hausmusik wurde in den Wohnstuben des frühen 19. Jahrhunderts frech gelacht, vor allem über die lustigen Grafiken. Die verhöhnten nicht mehr den Adel, sondern hatten das aufkommende Bürgertum und sein wildes Treiben zum Ziel. Die Zeichner nahmen altehrwürdige Sprichwörter dafür her, um sie mit spitzer Feder zu verballhornen. Im Mittelpunkt der biedermeierlichen Karikaturen standen die "Krähwinkler", die "Ostfriesen" des frühen Humors.

Diese fiktiven Bürger als Inbegriff spießbürgerlicher Beschränktheit nachzuäffen, zu veräppeln, zu verkaspern und auch ganz aggressiv bloßzustellen, stand im Kern der Satirezeichnung mit feinem Pinsel und konventioneller, aber effektvoller Bildsprache. Der Romantiker Jean Paul hat die "Krähwinkler" aufgebracht, in August von Kotzebues Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter fanden sie 1802 weite Verbreitung, bis hin zu Heinrich Heine. Der Hit aber waren die handkolorierten Karikaturen, in ihnen fanden die Kleinbürger auf Einzelblättern und in Alben reißenden Absatz; es war die Zeit, als sich die Zeitschriften als Massenmedien zu etablieren begannen.

Die tolle Bilderwelt über die "Krähwinkler" ist ab kommenden Samstag im Baden-Badener Museum LA8 für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts unter dem Titel "Gediegener Spott - Bilder aus Krähwinkel" zu sehen. Hauptleihgeber der Ausstellung ist Grafik-Sammler Dieter Ante. Einige Blätter stammen auch aus der Sammlung des Deutschen Museums für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover.

Auf rund 200 Einzelblättern werden die verlotterten Sitten des vermeintlich selbstbewussten Bürgertums fast schon anarchistisch vor Augen geführt - Ziel des Spotts sind Besserwisserei, Großtuerei, nicht nur des Militärs und genauso akademisches Geschwafel; nicht ganz inaktuell, diese Themen. Gleichzeitig verschafften sich die Bürger zu Zeiten des Deutschen Bunds auch Luft, denn der kleine Mann musste sich trotz beachtlichen Wohlstands und akademischen Aufstiegs in der von den Habsburgern monarchistisch gefestigten Ordnung politisch bevormunden lassen. Erstaunlicherweise gelangte das Gespött aus "Krähwinkel" an der Zensur vorbei.

Spott auf Erden für die sieben Todsünden

Im Grunde folgen die Karikaturisten noch den klassischen Bildthemen der Kunst, den sieben Todsünden, natürlich nicht todernst. "Schon kindlich direkt und mit Spielwitz werden die Tugenden, die noch in der Klassik bis um 1800 Gültigkeit hatten, in den Zeichnungen aufgegeben", erklärte Museumsdirektor Matthias Winzen. Passte ehedem der Text noch zum Bild und proklamierte eine christliche Moralvorstellung, so wird im "Krähwinkel" die ganze schöne Maxime "wortwörtlich" veralbert. So spinnt sich der rote Faden in der Baden-Badener Ausstellung vom Hochmut, von der Wollust, der Gier bis zur Faulheit weiter - am Ende droht nicht die Hölle, sondern der Spott auf Erden.

Die "Krähwinkler"-Karikaturen gab es zwischen 1815 (der Restaurationszeit nach dem Wiener Kongress) bis zur bürgerlichen Revolution von 1848. Dann war Schluss mit der eher harmlosen Witzelei. Die Bilderserien im Museum LA8 stammen vor allem aus der Hochzeit der 1820er und 30er Jahre. Damit liefert das Museum von Wolfgang Grenke im Jubiläumsjahr der Revolutionen (1848er, 1968er) einen amüsanten Exkurs in diese Zeit des aufkommenden Liberalismus und Nationalismus, als er in einem Klima der Stagnation erstickt wurde. Und die Flucht ins private Idyll angetreten wurde.

Rückzugsort des Bürgers war seine mit herrschaftlichem Anspruch eingerichtete feine Stube - ein Idealort, so putzig wie eine Puppenstube. Das Schweizer Sammler-Ehepaar Henriette und Rudolf Brugger steuerte für die Schau einige solcher Kostbarkeiten aus dem 19. Jahrhundert bei. Diverse elegante Sitzgruppen aus der Biedermeierzeit machen die Epoche zudem anschaulich.

Der Besucher fühlt sich ein bisschen wie hineingefallen in die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, dem Urvater des deutschen Comics, der allerdings gut 30 Jahre nach den "Krähwinklern" wirkte. Mit seinen fein gezeichneten strammen Figuren begann er, schon wieder zu moralisieren. Gar nicht altbacken wirken Buschs großteils unbekannt gebliebenen Vorläufer. Mit ihren "Bildern aus Krähwinkel" nehmen sie die Tugendbolzen gehörig aufs Korn. Wer ganz genau hinschaut, dem erschließt sich so mancher überdauerte Witz. Für den Schnelldurchgang ist die Schau mit den vielen feinen Bildideen nicht gemacht. Sie läuft auch bis 2. September.

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