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"Die Empörung ist wohlfeil"
Claudia Roth. Foto: dpa
16.05.2018 - 00:00 Uhr
Berlin - Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) findet das Treffen der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan "extrem unglücklich". Aber die Empörung sei wohlfeil, sagt Roth im Gespräch mit BT-Hauptstadt-Korrespondent Hagen Strauß.

BT: Frau Roth, kann man von Fußballern erwarten, dass sie sich immer politisch korrekt verhalten?

Claudia Roth: Nein, erst recht nicht mehr als von anderen auch. Man muss auch Fußballern zugestehen, dass sie sich treffen, mit wem sie wollen. Dass sie sich einbringen und auch politisch positionieren, unabhängig davon, ob mir diese Position gefällt. Es wird oft gesagt, Fußballer sollten Fußball spielen und sonst nichts. Blödsinn! Sie sind selbstverständlich mündige Bürger.

BT: Haben sich Özil und Gündogan wie mündige Bürger verhalten?

Roth: Ich hätte mir sehr gewünscht, dass die beiden sich nicht instrumentalisieren lassen von Präsident Erdogan für seinen Wahlkampf und vielleicht ja auch seine Bewerbung um die Fußball-Europameisterschaft 2024. Özil und Gündogan hätten sich im Gespräch mit Erdogan auch solidarisieren können, zum Beispiel mit dem deutsch-kurdischen Fußballprofi Deniz Naki. Der hat mal bei St. Pauli gespielt und ist in der Türkei und in Deutschland bedroht und angegriffen worden, weil er seine Meinung gesagt hat. Leider haben die beiden sich stattdessen einspannen lassen von einem Politiker, der die Türkei längst zur Autokratie gemacht hat.

Interview

BT: Sie finden das Treffen der beiden Nationalspieler mit Erdogan gar nicht so schlimm, oder?

Roth: Noch einmal: Ich fand das Treffen extrem unglücklich. Aber die Empörung ist wohlfeil und Ausdruck doppelter Standards.

BT: Wie meinen Sie das?

Roth: Warum erheben wir plötzlich Ansprüche an zwei Fußballer, die wir sonst nicht geltend machen? Gab es eine "Bild"-Kampagne, als Kanzlerin Merkel vor zwei Jahren offen Wahlkampf für Präsident Erdogan gemacht hat? Ist es in Ordnung, wenn die Bundesregierung millionenschwere Rüstungsgüter in die Türkei exportiert, eine unbedarfte Trikotübergabe hingegen nicht? Und wer regt sich eigentlich auf, wenn Herr Seehofer und die CSU mal wieder Herrn Orban hofieren? Wir müssen aufpassen, dass uns die Maßstäbe nicht verrutschen. Zumal die Hetze jetzt ja schon losgeht von Politikerinnen und Politikern, die immer schon gegen eine Nationalmannschaft gewettert haben, in der auch Spieler mit Migrationsgeschichte spielen.

BT: Aber kann man für Deutschland kicken, wenn man Erdogan ein Trikot schenkt mit der Widmung: "Für meinen verehrten Präsidenten"?

Roth: Das war von Gündogan extrem naiv. Er hat sich dazu erklärt. Und eines darf man nicht vergessen: Seine Großeltern kommen aus der Türkei, er hat die doppelte Staatsbürgerschaft. Ob es einem gefällt oder nicht, Präsident Erdogan ist auch ein Stück weit Repräsentant eines Landes, das eng mit der Biografie von Gündogans Familie verwoben ist.

BT: Ja oder nein?

Roth : Wer spielen darf oder nicht, entscheidet immer noch Jogi Löw. Und der richtet sich bestimmt nicht danach, ob jemand blöde Fotos von sich hat machen lassen.

BT: Die nächste Debatte könnte sein, ob die beiden die Nationalhymne singen oder nicht. Wie sehen Sie das?

Roth: Jeder kann, keiner muss singen. Alles andere ist doch absurd und mal wieder eine dieser Scheindebatten von rechts, mit der wir den Sport nur nationalistisch aufladen. Unsere Nationalspieler sollen zuallererst mal den Ball reinmachen und gute Pässe spielen. Singen ist optional.

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