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Angenehmer Aufenthalt im Gedankenraum
Der Malereiprofessor Ernst Caramelle aus Tirol verlässt die Karlsruher Hochschule. Im Lichthof sind seine Zeichnungen aus der 24-jährigen Amtszeit ausgestellt: 'Ganz unbewusste Sachen'. Foto: Thomas Viering
28.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

"Alles, was ich mache, ist eine Rückschau - auch, wenn ich nach vorne blicke", resümiert Ernst Caramelle, der Rektor der Karlsruher Akademie der Künste und Professor für Malerei, selbst seine Arbeit. In drei Semestervorträgen gibt er Einblicke in den Prozess seiner Künstlerwerdung seit der Kindheit in einem Tiroler Dorf nahe Kitzbühel, erzählt von geradezu exzessiven Zeichenübungen auf der Fachschule für Glasmalerei daheim in Tirol und von der Kunstakademiezeit in Wien und Boston. Morgen ist der letzte Vortrag.

Wie seine Kunst sind diese Werkbetrachtungen nachdenklich und angenehm, leicht ironisch, die Poesie im Alltag erkennend, ein bisschen aberwitzig, fast dadaistisch; so fügen sich die ganz persönlichen Zusammenfassungen nicht nur zu einer beachtlichen Künstler-Autobiografie, sondern sind selbst konzeptuelle Arbeit. Seit über 40 Jahren verarbeitet Caramelle eigenwillige, konstruktivistische Konzepte zu Installationen, Videofilmen, Zeichnungen wie Wandmalerei. Es geht ihm um "Wahrnehmung", nicht unbedingt nur objektive, sondern eher um Intuitives.

Noch in diesem Jahr werde er die Karlsruher Akademie verlassen, wie er im BT-Gespräch sagt. Für seine kleine Abschiedsschau unter dem Titel "Ernst Caramelle '94 - '18" im Lichthof der Kunstakademie hat der Konzeptkünstler Schriftsätze aus Sitzungen, Prüfungen, Gesprächen ausgewählt, bei denen er so ganz für sich kleine Zeichnungen aufs offizielle Papier brachte: "Telefonzeichnungen", nennt er sie - "ganz unbewusste Sachen", die eher weniger mit dem tatsächlich Verhandelten zu tun haben, mehr assoziativ sind. Eine Zeichnung bezieht sich auf eine Prüfungssituation mit Dia-Projektion, die Bilder des Studenten hat er als Gedankenstützen skizziert; manchmal sind es banale Sachen, die er mit dem Einsatz der Rohrfeder veredelt und als "sinnliches Fest" betitelt. Über 200 Skizzen und auch ausgeformte Zeichnungen hat er dafür zusammengestellt - "nichts Vertrauliches", wie er betont.

"Die Zeichnung ist in meinem Werk ein ganz wesentlicher Teil der Bildfindung, auch der Selbstfindung." Zeichnen sei fast wie eine Art "Inkontinenz" bei ihm. Es sei die schnellste künstlerische Form der Formalisierung - "wenn man etwas im Kopf hat, auch das Suchen nach Ideen ist Zeichnung." So hat er sich 24 Jahre Zeit gelassen, für die einzige Leinwand in der Akademie-Schau, die ein wenig an die wilden Pinselstriche der Informel-Künstler mit ihren abstrakten Formauflösungen erinnert. Nach dem Credo: "Ein guter Strich ist mehr als tausend schlechte", fügt sich die Mischtechnik "1994 - 2018" doch zu einer Farb- und Strichharmonie.

Große Retrospektive im Herbst in Wien

Wie das kam, erklärt er so: "Ich bin '94 an die Akademie gekommen, in mein Dienstatelier gegangen und habe eine leere Leinwand hinter einem Schrank vorgefunden. Diese leere Leinwand habe ich, jedes Mal, wenn ich in dieses Atelier gegangen bin, mit ein paar Strichen verändert, ohne, dass ich hingeschaut habe - das ist das Ergebnis von 24 Jahren Spuren, quasi eine Zeitkapsel."

Hinter Ernst Caramelles künstlerischen Ideen steht die Auseinandersetzung mit dem Bild, einer Situation und dem Raum. "Der Gedankenraum ist für mich auch ein Raum. Alles hat eine Räumlichkeit, die Malerei auch, das ist überhaupt eine grundsätzliche Frage der Kunst: was ist Raum, was Fläche." Und die Kunst ist es, diese Konzepte nicht spröde umzusetzen, nicht nur kopfbezogen, sondern auch eine visuelle Wirkung zu erzielen.

Parallel zu Karlsruhe läuft im spektakulären Frank-Gehry-Museum Marta Herford bis Ende August eine Werkschau von Caramelle mit neu gebauten Installationen und Kunst-Spielen unter dem Titel "Very angenehme Konzeptkunst". "Man erlebt auch etwas im Raum", sagt der Professor. Seine Idee: etwas zu schaffen, das gleichzeitig Raum und Bild ist. Es gibt Tunnelsituationen, einen Wanddurchbruch, Stellwände und Spiegel, geometrische Formen verschieben sich perspektivisch. Auch die Schau im Marta hat er wie immer selbst eingerichtet.

Im Herbst folgt seine Retrospektive im Wiener Mumok - dem Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig: sein größtes Projekt. Für die Schau über zwei Stockwerke in dem österreichischen Bundesmuseum jedoch sind ihm Grafiker und Kuratorin beiseite gestellt. "Ich bin schon recht nervös", erklärt der Karlsruher Akademierektor. Viele Zeichnungen, Videoarbeiten, frühe Lichtarbeiten, neue Wandmalerei will er zeigen.

Bald wird er mehr Zeit dafür haben. Dann will er sich aus Karlsruhe endgültig nach Frankfurt zurückziehen, wo er einst auch als Städel-Professor lehrte. Ein Atelier in New York hat er noch seit seiner Studentenzeit, 1976. Die Karlsruher Schau läuft bis 2. Juni; morgen um 19 Uhr spricht er im Vortragssaal der Akademie.

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