Hochzeit für Strapsträger
Amüsement beim 'Time Warp': Columbia (Holly Atterton, links), das Dienerpaar Riff Raff (Stuart Mathew Price, Mitte) und Magenta (Anna Lidman), dahinter die Frischverlobten Janet (Jenny Perry)und Brad (David Ribi). Foto: Thomas Viering
11.06.2018 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Die Strapsträgerinnen und Strapsträger sind wieder auf Tournee, Richard O'Brien's "Rocky Horror Show" machte auch im Festspielhaus Baden-Baden Station. Das rockige Kultmusical zieht noch immer viele Fans, darunter genügend hartgesottene, an, die es sich nicht nehmen lassen, selbst Strapse anzulegen oder den "Time Wrap" mitzumachen bei den Aufführungen der brillanten Show. Die skurril-überdrehte, keiner Logik folgende Handlung der "Rocky Horror Show" speist sich aus der Vorlage vieler B-Movies der 50er Jahre, oftmals unsäglich schlechter Filme aus dem Horror-Science-Fiction-Genre wie "Tarantula". Auf diese stützt sich die durch Schwarz-Weiss-Filmeinspielungen unterstützte, auch gelegentlich mit einem leicht ironischen Zungenschlag aufwartende Inszenierung von Sam Buntrock.

Magentas Song "Science Fiction Double Feature" erklingt als "Klammer" der routinierten Aufführung zu Beginn und als "Nachspann" und bezieht sich direkt auf jene B-Movies. Ein altes Filmstudio (Austattung David Farley) dient denn auch der Inszenierung als Spielort. Der Choreografie von Matthew Mohr gelingt es hingegen, manchmal "modernere" Elemente in das Geschehen einzuschmuggeln. Der hohe Wiedererkennungswert der Musik, von knackigem frühen 70er- Jahre-Rock'n'Roll hin zu leicht schmalzigen Balladen ist ein weiteres Pfund, mit dem jede Aufführung der Musicals wuchern kann. In Baden-Baden sorgte die im Bühnenhintergrund auf einer Balustrade postierte Band zudem für den nötigen Drive.

Martin Semmelrogge als rotziger Erzähler

Das Musical trifft die sexuelle Aufbruchstimmung der 70er Jahre mit ihrer Verschiebung von Geschlechteridentitäten mit viel Witz und Überzeichnung. Das frisch verlobte, furchtbar spießig-verklemmte Paar Brad Majors und Janet Weiss, die es nach einer Autopanne in das Anwesen des "Wissenschaftlers" Frank'n'Furter, eines bisexuellen Aliens vom Planeten Transsexual in der Galaxie Transylvania verschlagen hat, erlebt hier sein sexuelles Coming-out. Beide werden von dem charismatischen Frank'n'Furter mit den nahezu identischen Worten verführt, die Szene wird geschickt als Schattenspiel im Festspielhaus gezeigt.

Jenny Perry, der die Wandlung von der Bigott-Verklemmten zur Sexhungrigen - nach dem Erlebnis mit Frank'n'Furter macht sie sich gleich an dessen Geschöpf Rocky ran - ebenso fulminant gelingt, wie sie sängerisch auch mit ihrer etwas piepsigen Stimme geschickt zu agieren weiß, stiehlt dem Brad von David Ribi fast etwas die Schau, wobei dieser sängerisch einiges zu bieten hat.

Im Haus des Straps-tragenden Frank'n'Furter und seiner skurrilen Entourage ist die Verführung der beiden unerwarteten Gäste aber eher eine Nebensache: Frank'n'Furter hat mit dem superblonden und muskelbepackten Rocky (Ryan Goscinski) sein neues Lustobjekt in der Nachfolge von Eddie (Daniel Fletscher) geschaffen, den er zuvor kurzerhand getötet hat. Was Riff Raff, der in dieser Aufführung durch Stuart Mathew Price zwar sängerisch aufgewertet wird, darstellerisch aber etwas blass bleibt, und der ausstrahlungsstarken Anna Lidman als Magenta übel aufstößt. Das scheinbare Dienerpaar macht sich daran, eine Palastrevolution anzuzetteln und auf den Planeten Transsexual zurückzufliegen. Dass der im Rollstuhl sitzende Wissenschaftler Dr. Scott (blässlich Daniel Flechter) den Aliens auf der Spur ist, mag ein weiteres Argument sein, die Erde fluchtartig zu verlassen.

Aber ohne den lästigen Frank'n'Furter, der ebenso wie sein Geschöpf Rocky oder die stets betrunkene Columbia der witzigen Holly Atterton noch eliminiert werden müssen. Gary Tushaw gibt den Frank'n'Furter mit der nötigen Ausstrahlung, einer geschickten Mischung aus Herrenmensch und Verführer, wobei die dämonisch-bedrohlichen Züge eher im Hintergrund bleiben. Vor der Abrechnung mit Frank'n'Furter gibt es aber noch ein herrliches Show-Finale mit Janet als peitschenschwingender Domina in Lack und Leder, Brad, den es in eine Burleske-Show verschlagen zu haben scheint und der ganzen sonstigen durchgeknallten Mannschaft des Hauses.

Die englischsprachige Aufführung nutzt auf der Tournee wechselnde Erzähler wie beispielsweise Sky du Mont. In Baden-Baden ist es Martin Semmelrogge, der mit seinem Hang zur Vulgärsprache und seiner rotzigen Art einführt, erste Zwischenrufe ("Langweilig? Das heißt boring. Oder kannst Du kein Englisch?") abzuschmettern. Er spielt geschickt mit den hochgestochen wirkenden, literarisches Niveau vortäuschenden Zwischentexten und entlarvt ihren Schwulst recht geschickt. Scheinbar spontane Witze über die unendliche Geschichte des Baus des Berliner Flughafens finden ebenso die Zustimmung des Publikums wie sein "Zeit schinden" für die Umbaupausen. Kein Wunder, dass er ebenso wie die gesamte Aufführung gefeiert wurde.

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