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"Charakterlich entspricht mir die Rolle 100-prozentig"
'Man sieht Mozart selbst im Papageno': Rolando Villazón probt derzeit im Festspielhaus die Partie des berühmten Opern-Harlekins. Foto: Thomas Viering
03.07.2018 - 00:00 Uhr
Rolando Villazón, derzeit berühmtester Tenor der Welt, singt zum ersten Mal den Papageno in der konzertant aufgeführten "Zauberflöte" der Baden-Baden-Gala. Gestern haben die Proben für die sechste Oper des Mozart-Zyklusses mit einem Starensemble im Festspielhaus begonnen. Am Sonntag ist Premiere, tags zuvor starten die Sommerfestspiele. BT-Redakteurin Christiane Lenhardt sprach mit Rolando Villazón, der im Januar 2019 auch seine erste Salzburger Mozartwoche als Intendant verantwortet, über sein Gespür für Mozart und den beliebtesten Opern-Spaßmacher.

BT: Herr Villazón, bei der sechsten Baden-Badener Mozart-Gala geben Sie Ihr Papageno-Debüt: Was hat Sie gereizt, diese populäre Rolle, eigentlich eine Bariton-Partie, zu übernehmen?

Rolando Villazón: Unser Baden-Baden-Mozart-Zyklus ist ein ganz besonderes Projekt, bei dem wir seit 2011 die letzten sieben Opern Mozarts konzertant aufführen und für die Deutsche Grammophon aufnehmen. Im "Figaro" habe ich speziell für dieses Aufnahme-Projekt den Basilio gesungen (Baden-Baden-Gala, 2015, Anm. d. Red.). Für die "Zauberflöte" haben wir gemeinsam überlegt, wie wir die Besetzung angehen wollen. Natürlich ist Tamino der Tenor-Part und das wäre eine leichte Entscheidung gewesen. Aber dann hatte das ganze Team um Dirigent Nézet-Séguin die Idee: "Was wäre, wenn Du den Papageno singen würdest? Das wäre doch wirklich etwas Besonderes." Natürlich habe ich am Anfang gesagt: "Moment!" Aber jetzt mache ich es, weil es eine der tollsten, großartigsten Partien ist, die es gibt. Charakterlich entspricht mir die Rolle 100-prozentig und sie ist wunderbar zu singen und zu gestalten.

Interview

Und als Zweites, und das ist auch ganz wichtig: Natürlich kennen wir diese Rolle in unseren Tagen von wunderbaren Baritonen gesungen, und das ist auch toll. Sie ist aber eigentlich nicht für einen Bariton geschrieben, sondern in der Uraufführung für den Textdichter und Schauspieler Emanuel Schikaneder. Sie ist in dieser Tonalität geschrieben, weil er kein professioneller Sänger war, sondern ein echtes All-round-Talent und ein außergewöhnlicher Künstler. Jedenfalls hat die Idee uns alle fasziniert - und jetzt bin ich voll drin in der Rolle. Wir wollen diesen Projekten ja immer eine ganz besondere Qualität geben. Unsere "Zauberflöte" hat eine wunderbare Besetzung, und ich bin ganz glücklich darüber.

BT: Warum wollten Sie den Tamino nicht singen?

Villazón: Es ist nicht, dass ich ihn partout nicht singen wollte - aber die Rolle reizt mich weniger. Die Musik ist wunderschön, aber dramatisch ist Papageno interessanter für mich. Tamino ist ein eher passiver Charakter. Papageno hat viele Farben. Das ist eine Rolle mit vielen Dimensionen. Er ist lustig und ganz menschlich, dramatisch. Vielleicht lachen alle am Ende, wenn er versucht, sich umzubringen, aber es muss ganz ernsthaft gespielt sein und ist sehr berührend. Ich habe nichts gegen Tamino, es ist einfach ein persönliches Gefühl.

BT: Es scheint, in komödiantischen Nummern fühlen Sie sich zu Hause. Möchten Sie nicht nur sängerisch, sondern auch darstellerisch gefordert sein, auch wenn die Aufführung konzertant ist?

Villazón: Man kann viel mit der Stimme und im Zusammenwirken mit den anderen Kollegen machen. Das ist das Wunderbare an dieser Musik, denn sie ist dramatisch gemeint. Mozart liebte das Theater. Deswegen glaube ich, dass auch die anderen Opern, die wir konzertant aufgenommen haben, beim Publikum ein Erfolg waren, weil die dramatische Intensität und die Farben nicht nur musikalisch, sondern auch durch unsere Körpersprache ausgedrückt wurden. Wir sind ganz konzentriert bei der Sache. Man spürt diese Energie und Konzentration im Raum.

Unser Projekt ist eine Hommage an den großen Mozart. Natürlich braucht Theater auch Regie, aber die Oper lebt dadurch manchmal in eine andere Richtung. Wir haben hier die Verantwortung, ganz genau zu sein, wie es Mozart geschrieben und musikalisch gemeint hat, durch die Interpretation der Sänger - und die sind alle wunderbar.

"Es gibt auch ein paar Überraschungen"

BT: Bei der "Zauberflöte" wird der Schauspieler André Eisermann mitwirken. Welche Rolle spielt er?

Villazón: Er erzählt die Geschichte. Es wird auch ein paar Überraschungen auf der Bühne geben, unterhaltende Elemente, damit der Erzählfluss des Stücks gegeben ist. Da es keine Regie gibt, wird der Schauspieler eingesetzt, um alles zusammenzubringen. Er schlägt die dramatische Brücke zwischen den musikalischen Momenten und wird die Geschichte insgesamt verbinden.

BT: Vier Monate nach der Uraufführung der "Zauberflöte" 1791 ist Mozart gestorben. Wie hat er sie eingeschätzt? Hat er das Stück geliebt?

Villazón: Er kam immer wieder in die Aufführungen seiner "Zauberflöte". Manchmal ging er mitten ins Orchester. Es gibt die Geschichte, als Papageno spielen sollte und plötzlich fragte: "Wer ist da?" Und der Mozart war da und machte Spaß mit ihm. Natürlich gibt es unterschiedliche Einschätzungen darüber, welche die letzte Oper Mozarts ist - "Tito" oder "Zauberflöte"? Mozart hatte die Struktur der "Zauberflöte" schon, dann musste er schnell den "Tito" fertigmachen (für das Krönungsfest in Prag, des neuen Kaisers Leopold II. zum König von Böhmen, Anm.d.Red.). Und er dachte das wäre ganz wichtig für seine Karriere. Dann hat er zwischen "Tito" und der "Zauberflöte" eine Pause gemacht und erst danach an ihr weitergearbeitet. Aber das Letzte, was wir auf der Bühne von ihm gesehen haben, war die "Zauberflöte".

Eine Sache ist ganz wichtig für den Papageno: Man sieht Mozart selbst im Papageno. Er hatte eine große Beziehung zu dieser Rolle und großen Spaß daran und großes Interesse, die Musik dafür zu machen.

BT: Kommt sein Papageno aus der Tradition der Wiener Volksoper?

Villazón: Ja. Der Charakter steht komplett in der Tradition des Harlekins.

BT: Wer hat Papageno den Charakter verpasst? War es Mozart oder Schikaneder?

Villazón: Beide. Die Texte kommen von Schikaneder, aber Mozart hat immer ganz intensiv mit den Librettisten gearbeitet. Mozart hatte ein gutes Gespür für den Text. Er beschäftigte sich intensiv damit und auch mit der dramatischen Richtung der Oper. Aber er war kein Diktator. Wenn er eine gute Idee hatte, wusste er, wie sie umgesetzt werden sollte. Mozart arbeitete bei jedem Konzert mit anderen zusammen, mit den Musikern und den Sängern. Jede Sinfonie war für ein bestimmtes Orchester, jede Oper für bestimmte Sänger komponiert. Die Freundschaft mit den Librettisten war für ihn wichtig. Auch die Zeit, die sie verbracht haben mit Champagner, mit Büchern, mit Gesprächen über Literatur war wichtig. Aber am Ende ist er ein Genie gewesen - und ein Genie weiß, was sein soll.

"Als Nächstes singe ich den Idomeneo"

BT: Dieses beschriebene Zusammenwirken kennzeichnet auch die Gala. Die Konstante des Projekts sind neben Ihnen der kanadische Dirigent Yannik Nézet-Séguin, der den Mozart-Zyklus in Baden-Baden seit 2011 leitet, und das Chamber Orchestra of Europe. Geht das Projekt jetzt zu Ende?

Villazón: Nach der "Zauberflöte" kommt noch "Idomeneo". Natürlich ist Nézet-Séguin inzwischen der musikalische Direktor der Metropolitan Oper in New York geworden, was mich als sein Freund und als Künstler sehr glücklich macht. Aber er ist immer noch mit Freude dabei. Die Konstante des Mozart-Projekts ist Yannick Nézet-Séguin unbedingt. Nach der Erfahrung des "Don Giovanni" 2011 haben wir uns vorgenommen, die letzten sieben Mozart-Opern zu machen. Aber ich habe auch betont: Das ist nur möglich, wenn Yannick Nézet-Séguin die musikalische Leitung bei allen Opern übernimmt. Es ist seine Vision, ein ästhetisches und musikalisches Universum des Dirigenten. Natürlich wollte ich unbedingt dabei sein. Nur deswegen habe ich Basilio gesungen und freue mich auch auf diesen Papageno. Es sind besondere Umstände.

BT: Werden Sie nächstes Jahr den Idomeneo singen?

Villazón: Nächstes Jahr pausieren wir. Auf den Idomeneo kann ich auch ein bisschen warten, der Erste, der die Rolle gesungen hat, war 63. Da habe ich auf jeden Fall noch ein bisschen Zeit. Es gibt natürlich noch eine Konstante mit dem Festspielhaus in Baden-Baden, das dürfen wir nicht vergessen - und die Deutsche Grammophon, ohne die gäbe es das Projekt nicht.

BT: Die bislang fünf Mozart-Galas in Baden-Baden sind sehr gut aufgenommen worden und auf CDs festgehalten worden. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Villazón: Absolut. Bis jetzt ist es eines der Projekte, auf das ich mehr als stolz bin. Das Niveau ist hoch, das Orchester ist absolut wunderbar. Das erste Projekt war mit dem Mahler Chamber Orchestra, und seitdem ist das Chamber Orchestra of Europe dabei. Die beiden Orchester werden in den nächsten fünf Jahren bei meinen Mozartwochen in Salzburg dabei sein. Weil ich finde, dass sie eine unglaublich hohe Qualität haben und einen fantastischen Mozartklang.

Und natürlich sind die Kollegen in Baden-Baden auch großartig. Es ist hier eine Mozart-Familie entstanden. Immer klappt es natürlich nicht, manchmal gibt es auch Absagen, aber jeder Sänger beteiligt sich in der Regel mehr als einmal an diesem Projekt. Am Ende werden wir alle an diesem schönen Box-Set mit diesen sieben wunderbaren Mozart-Werken mitgewirkt haben.

BT: Welche Mozart-Rollen werden Sie noch live singen?

Villazón: Die nächste neue Rolle wird dann der Idomeneo sein. Ich habe viel Verdi und Puccini gesungen, aber keinen anderen Komponisten so oft wie Mozart. Papageno wird nun meine neunte Mozart-Oper sein.

BT: Nach all der Erfahrung, auch des Briefe-Studiums: Singen Sie Mozart jetzt anders?

Villazón: Mein Gefühl für Mozart hat sich entwickelt und entwickelt sich auch immer weiter, je mehr ich mich mit ihm beschäftige. Das spüre ich als Sänger aber auch sonst. Man muss sehr genau sein bei seinen Kompositionen. Es gibt keinen Platz, sich zu verstecken, und man muss trotzdem eine Rolle spielen. Es ist eine Kombination aus dieser ganz perfekten musikalischen Linie mit der Intensität und mit den Gefühlen, die die Rolle braucht. Man kann das auch verlieren, wenn man versucht, diese musikalische Perfektion zu genau zu verfolgen. Die Gefahr besteht dann, dass man das Leben dieser Rolle verliert. Und umgekehrt auch: Wenn man zu viel Leben der Rolle in seine Interpretation hineinbringt, kann man das musikalische Ideal verlieren. Diese Balance ist schwierig zu finden. Mozart ist der Schwierigste von allen.

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