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Verlockung und Ausdruck
Lustwandeln wie einst die Schauspieler des Kabuki-Theaters: Der Farbholzschnitt 'Heimliche Verabredung im Schnee' (1823) von Utagawa Kunisadas. Foto: Axel Killian
07.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Der Japonismus des 19. Jahrhunderts hatte auch in Freiburg eine freilich eher bescheidene Filiale. Kurz vor der Jahrhundertwende knüpfte der Freiburger Ethnologe und Ostasien-Kenner Ernst Grosse geschäftliche Kontakte nach Edo. Für Verkaufsausstellungen orderte er unter anderem japanische Farbholzschnitte, die, so scheint es, reißenden Absatz fanden. Als Kurator der Städtischen Kunstsammlungen führte Grosse auch diesen zahlreiche Ostasiatika zu. Unter anderem kam ein Konvolut von gut 60 japanischen Farbholzschnitten, heute Teil der Ethnologischen Sammlung des Museums Natur und Mensch, in städtischen Besitz. Teils frisch restauriert werden die Holzschnitte in einer Ausstellung im Haus der Graphischen Sammlung dargeboten.

Zwei Blätter fehlen in der Präsentation. Sie hängen sozusagen um die Ecke, im Augustinermuseum: in der Ausstellung mit Werken von Julius Bissier. Bei dem jungen Künstler hatte Grosse Interesse an der Kultur Ostasiens geweckt, wofür die beiden Druckgrafiken als Belege dienen sollen. Kurator der Schau ist der Zürcher Kunsthistoriker Hans Bjarne Thomsen. Thomsen hatte zu der Bissier-Ausstellung einen Katalogtext beigesteuert und im Zuge der Recherchen den Wert des Freiburger Konvoluts erkannt.

Nicht chronologisch oder nach Künstlern ist die Schau aufgebaut, sondern nach den motivischen Genres japanischer Farbholzschnittkunst. Aus China kommend fand die Technik des Holzschnitts in Japan seit dem 8. Jahrhundert zunächst für religiöse Zwecke Verwendung: für die Vervielfältigung buddhistischer Texte und bildlicher Darstellungen. Seit dem 16. Jahrhundert war der Holzschnitt dann Medium künstlerischer Darstellung und diente nach und nach für die Herstellung von Druckerzeugnissen aller Art: von Romanen und Reiseführern über Werbeplakate bis hin zu Bonbonpapier.

Zwei Genres des japanischen Farbholzschnitts erfreuten sich in Europa besonderer Beliebtheit: Szenen mit Frauen und mit Landschaften; dabei hatte sich die Darstellung von Naturräumen in Japan selbst vergleichsweise spät etabliert: mit Hokusais "36 Ansichten des Berges Fuji" und Hiroshiges "100 Ansichten berühmter Orte Edos". In ebenso eigenwilliger wie origineller Perspektive bringen zwei Blätter Hiroshiges den Fuji ins Bild: einmal im Blick durchs Fenster aus dem Zimmer einer Kurtisane, sodann zwischen den vertikalen Bahnen von im Freien aufgehängten Stoffen. In Hokusais Ansicht des Suwa-Sees ist der Berg Bestandteil einer malerisch in Preußisch Blau entfalteten Szenerie.

Die erotisch-exotische Verlockung japanischer Frauen, von der noch Puccinis "Madame Butterfly" kündet, erklärt den Erfolg von Blättern wie Utamaros Darstellung der Kurtisane Karauta oder seine belebte Szene mit "Darbietungen von Geishas". Sein ausdrucksvolles Blatt "Gespräch der Liebenden" übertrifft er in künstlerischer Hinsicht noch mit einer hinreißenden Darstellung der berühmten Kurtisane Hanamurasaki. In glänzender Komposition wiederum treten in Utagawa Kunisadas "Tanz im Restaurant" die drei Frauen im Vordergrund zu dem dominant ins Bild reichenden Tapetenmuster sowie den Tanzenden in der Tiefe in Beziehung.

Die bei weitem erfolgreichste Gattung des Farbholzschnitts waren in Japan selbst Porträts von Schauspielerstars des Kabuki-Theaters. In dramatischer Aktion auf der Bühne oder in lebensnahe Situationen versetzt werden sie dargestellt - in Kunisadas "Winterszene" mit leicht groteskem Einschlag. Denn wie alle Schauspieler des Kabuki-Theaters sind die vornehm mit Schirmen auf einer Brücke vor einer Winterlandschaft lustwandelnden Frauen - lauter Männer, geschminkt und als Frauen kostümiert.

Bis 30. September zu sehen.

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