http://www.initiative-wertvolle-zukunft.org/wvz2016/erbschaft/
Schritt für Schritt das Jagen einstellen
16.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Baden-Baden - Mit seinem Konzept für das Wildtiermanagement scheint der Nationalpark Schwarzwald Brücken zwischen Jägern und Naturschützern schlagen zu können. Dies geht aus Fragen, Antworten und Stellungnahmen im Beteiligungsportal hervor, das gestern seine Online-Pforten geschlossen hat. Eine erste Bilanz:

"Management" - der Begriff steht unter anderem auch für das Töten von Wildtieren, zum Beispiel bei Drückjagden. Dieses Vorgehen widerspricht eklatant dem Ziel des Nationalparks, Natur Natur sein zu lassen. Die Verwaltung weiß um das Glaubwürdigkeitsproblem und beteuert: "In einem Nationalpark sollten die Tiere nicht nur ein Recht auf Leben haben, sondern auch das Recht, den Lebensraum, den sie brauchen, zu der Tages- und Jahreszeit zu nutzen, wie es ihrer Natur entspricht." Das Töten von Lebewesen entspreche diesem Grundsatz nicht, so die Stellungnahme auf die Frage eines Users, warum Tiere ermordet werden müssen.

Friedrich Burghardt, Leiter des Wildtiermanagements, erklärt, dass bei der Gründung des Schutzgebiets 2014 zwei wichtige Vorbedingungen erfüllt sein mussten: professionelles Borkenkäfermanagement und professionelles Wildtiermanagement. "Negative Auswirkungen durch Borkenkäfer oder Rothirsche aus dem Nationalpark auf die Anrainer sollen so gering wie möglich gehalten werden." Nicht umsonst nehmen diese beiden Management-Module im Nationalparkplan großen Raum ein.

Das Schutzgebiet zwischen Plättig und Alexanderschanze ist ein Entwicklungsnationalpark. Erst nach einer Übergangszeit von 30 Jahren (also im Jahr 2044) soll auf 75 Prozent der Fläche keine menschliche Nutzung mehr stattfinden. Derzeit werden mit dem Aufbau des Moduls Wildtiermanagement die Voraussetzungen für den ersten Schritt geschaffen: "Bis 2020 soll auf etwa 30 Prozent der Fläche die Jagd eingestellt werden", erläutert Burghardt. "Auf 70 Prozent wird weiterhin gejagt."

Bereits seit 2016 erarbeitet die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg Grundlagen für ein großräumiges Management des Rothirschs im Nordschwarzwald. Bis 2020 soll die Konzeption anwendungsbereit sein. Das Gebiet ist mit rund 105000 Hektar das größte der fünf Rotwildgebiete in Baden-Württemberg. Es erstreckt sich über sieben Landkreise (siehe Grafik). Der Nationalpark liegt mittendrin. Er ist ein Teil der Gesamtkonzeption. Diese soll Grundlagen liefern, um mit den Anrainern zusammen die jagdfreie Fläche im Park nach und nach ins Umfeld zu verlagern.

"Wann wird der Nationalpark jagdfrei sein?", lautet eine Frage im Online-Portal. Mit der Antwort tun sich die Experten naturgemäß schwer. Wichtig sei die Akzeptanz des Managements bei den Anrainern, vor allem den Waldbesitzern, argumentiert Burghardt. Sie befürchten Schäden durch eine zu große Vermehrung des Rothirschs. Ein weiterer Punkt wird laut Burghardt unterschätzt: "Wenn Bürger das dringende Anliegen haben, dass es in ihrem Land einen Bereich geben soll (auch wenn er so winzig klein ist wie der Nationalpark), in dem Wildtiere entsprechend ihrer natürlichen Ansprüche leben können, und dieses Anliegen an Verbände, Lokal-, Regional- und Landespolitik weitergeben, so kann es durchaus sein, dass die Vision von einem weitgehend jagdfreien Nationalpark schneller Wirklichkeit wird, als wir uns das gegenwärtig vorstellen können."

Hintergrund

"Auf dem richtigen Weg" sieht der Naturschutzbund NABU den Nationalpark und lobt dessen Jagd-Methodik. Im Vergleich zur hergebrachten Jagd werden Störungen erheblich reduziert: Es seien nur wenige, dafür aber hochkompetente Schützen im Einsatz. "Die Eingriffe erfolgen gezielt und sind mit dem sofortigen Rückzug nach dem Abschuss verbunden." Jagdruhezeiten seien ausreichend lang. Und sogar die speziellen "Entnahmetechniken" heißt der NABU gut. Der von der Nationalparkverwaltung entwickelte "Synchrondoublettenabschuss" von Alttier und Kalb beim Rotwild sei "professionell ausgearbeitet". In der Jagd-Fachpresse war diese Jagdtechnik Anfeindungen ausgesetzt.

Der Landesjagdverband betont in seiner Stellungnahme, dass der Plan nicht nur dem Rotwild als "Hauptart" gewidmet sein, sondern weitere Arten einbeziehen sollte, vor allem Rehwild und Schwarzwild. Die Verwaltung des Parks argumentiert dagegen, dass man sich im Wildtiermanagement immer nach einer Leittierart richte. Das ist meist die Tierart, die im jeweiligen Gebiet die wichtigste und, was das Management betrifft, die anspruchsvollste ist. Im Schwarzwald ist das der Rothirsch. Rehwild und Schwarzwild werden mit berücksichtigt.

Weitgehend ausgeblendet werde das Auerwild, kritisiert der Landesjagdverband weiter. Es sei nur am Schluss in einem Nebensatz erwähnt. Hier sagt die Verwaltung, dass für das Auerwild im Nationalpark bereits sehr viel getan werde. Auf großer Fläche werden in der Management- und Entwicklungszone Habitatpflegemaßnahmen durchgeführt. Diese Arbeiten kämen auch immer gleichzeitig dem Rotwild zugute und umgekehrt.

Zum Rotwild selbst weist der Jagdverband darauf hin, dass sein Schwerpunktvorkommen im Nordschwarzwald im Bereich des Nationalparks liege. Eine Veränderung beziehungsweise Aufgabe der Bejagung werde Konsequenzen für Waldbau und Jagd auf angrenzenden Flächen haben. "Es muss gewährleistet sein, dass das Rotwild im Nordschwarzwald als Art erhalten bleibt und sein Lebensraum ausgeweitet, nicht weiter eingeengt wird. Das ,Einsperren' in feste ,Rotwildgebiete' entspricht ohnehin nicht mehr geltenden internationalen Artenschutzvorgaben und ist wildbiologisch nicht sinnvoll."

Weitere Informationen gibt es unter https://beteiligung.nationalpark-schwarzwald.de.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Gaggenau
--mediatextglobal-- Hat am kommenden Samstag, 21. Juli, letztmals geöffnet: Die Bäckerei Oliver Braun in Oberweier.  Foto: Jahn

14.07.2018
Bäckerei in Oberweier schließt
Gaggenau (uj ) - In Oberweier schließt mit der Filiale der Bäckerei Oliver Braun der letzte Laden. "Leider bin ich aus betriebswirtschaftlichen Gründen zu diesem Schritt gezwungen", so der Bäckermeister.Am Samstag, 21. Juli, hat das Geschäft in der Freiburger Straße letztmals geöffnet (Foto: uj). »-Mehr
Freiburg / Baden-Baden
Heiligsprechungsverfahren auf Eis

14.07.2018
Heiligsprechung gestoppt
Freiburg/Baden-Baden (as) - Aus dem seligen Bernhard, Schutzpatron Badens (Foto: av), wird kein Heiliger. Der Vatikan hat das von der Erzdiözese Freiburg angestrengte Heiligsprechungsverfahren für Bernhard von Baden gestoppt, weil es eine Wunderheilung nicht anerkennt. »-Mehr
Berlin
30 Milliarden für Ruheständler

14.07.2018
30 Milliarden für Ruheständler
Berlin - Ein stabiles Rentenniveau, höhere Altersbezüge für kinderreiche Mütter und Erwerbsgeminderte sowie Entlastungen für Niedrigverdiener - das sind die zentralen Elemente des Rentenpakets der Bundesregierung, das Sozialminister Hubertus Heil (SPD, Foto: dpa) gestern vorstellte . »-Mehr
Rastatt
--mediatextglobal-- Für besondere Anforderungen im Sozialverhalten von Kindern stockt die Stadt Rastatt das Personal mit Erzieherinnen auf.  Foto: dpa

12.07.2018
Zusätzliche Erzieherinnen
Rastatt (ema) - Die Stadt Rastatt will das Personal in ausgewählten Kindertagesstätten verstärken. Nach einem Beschluss des Gemeinderats werden drei Vollzeitstellen geschaffen. Eingesetzt werden die zusätzlichen Kräfte in den Kindertagesstätten Amalie Struve und Biber (Foto: dpa). »-Mehr
Baden-Baden
´Erhebliche Rückschläge´

12.07.2018
DFB prüft Nachwuchsförderung
Baden-Baden (red/pa) - Ein Jahr nach den Triumphen der U 21 und des jungen Confed-Cup-Teams steht nach dem WM-Aus der Nationalmannschaft auch die viel gerühmte Talentarbeit im deutschen Fußball auf dem Prüfstand. Mehr Eigenverantwortung sei gefragt, hieß es (Foto: dpa). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Die UEFA vergibt die Fußball-Europameisterschaft der Männer 2024 entweder an Deutschland oder die Türkei. Sollte Deutschland nach der Weltmeisterschaft 2006 erneut Ausrichter sein?

Ja.
Nein.
Die Türkei soll erstmals eine EM ausrichten dürfen.
Ich interessiere mich nicht für Fußball.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1