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Surreale Verlockung
20.07.2018 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

In Polen gilt sie längst als Klassikerin und wichtigste Bildhauerin des Landes im 20. Jahrhundert mit starkem Einfluss auf die jüngere Künstlergeneration. Auch international fand das Werk von Alina Szapocznikow in den letzten Jahren wachsende Beachtung. Die Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, die heute Abend eröffnet wird, bestätigt diese Entwicklung. Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit The Hepworth Wakefield. Die in dem britischen Kunstinstitut bereits vor Monaten gezeigte Ausstellung war eine Kooperation mit dem Museum für moderne Kunst in Warschau.

Gegenüber dieser umfangreichen Präsentation ist die Baden-Badener Ausstellung reduziert und dennoch die bislang größte Werkschau im deutschsprachigen Raum. Weil in den Kabinetträumen der Kunsthalle zurzeit die Dachfenster erneuert werden, ist sie mit ihren mehr als 50 Skulpturen und Zeichnungen sowie einer Fotoserie räumlich auf die beiden großen Oberlichtsäle begrenzt.

Alina Szapocznikow wurde 1926 als Tochter einer Arztfamilie in Kalisz geboren. Als sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs im Ghetto in Lodz lebte, war sie noch ein Kind. Als Jugendliche durchlebte sie traumatisierende Jahre in den Vernichtungslagern Auschwitz und Bergen-Belsen, wo sie mit ihrer Mutter als Krankenpflegerin arbeitete. Nach dem Krieg erfuhr sie eine klassische Bildhauerausbildung in Prag und in Paris, wo sie von 1947 bis 1951 und dann von 1963 bis zu ihrem frühen Tod 1974 lebte. In Paris verkehrte sie in den Kreisen der Nouveaux Réalistes. Von ihnen ließ sich die Bildhauerin ebenso inspirieren wie von der Pop Art und dem Surrealismus. Posthum waren Werke von ihr bei der Documenta 12 und der Documenta 14 zu sehen.

Die zentrale Bedeutung des menschlichen Körpers für ihre skulpturale Kunst mag mit den frühen traumatisierenden Erlebnissen zusammenhängen: der Erfahrung von Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. "Von allen Äußerungen des Vergänglichen", schrieb sie einmal, "ist der menschliche Körper am verwundbarsten": als "einzige Quelle aller Freude, allen Leidens und aller Wahrheit". "Hauptaustragungsort ihrer Kunst" nennt ihn Luisa Heese, die Kuratorin der Schau. Alina Szapocznikows Werk stellt Heese, nebenbei, auf eine Stufe mit dem Å’uvre von Künstlerinnen wie Louise Bourgeois und Eva Hesse.

Die Auseinandersetzung mit dem verletzlichen, vergänglichen Leib durchzieht Alina Szapocznikows Schaffen von Anbeginn. Im Frühwerk entstehen in der Abkehr vom klassischen Körpermodell und Schönheitsideal figurative Skulpturen aus Bronze, Gips und Stein. So die Frauengestalt der Bronze "Erste Liebe", die ein wenig an Henri Laurens gemahnt und in der schon ihr ganzes Können aufblitzt. Eine überdimensionale Hand ist der ausdrucksstarke Entwurf für ein Denkmal für die Helden des Warschauer Aufstands. Die aufgebrochene Handfläche lässt an die Wundmale Christi denken.

Erste Experimente mit Polyester

Bemerkenswert ist der rasche Wandel der Formensprache bei Alina Szapocznikow. Auf die figürlichen Skulpturen folgen bereits Ende der 50er-Jahre ans Abstrakte streifende Schöpfungen wie "Vogel" oder "Ballett". "Der Philosoph" ist eine verwachsene und ins Unförmige gewendete Gestalt auf einem Bein - Sinnbild einer existenziell prekären, aus dem Lot geratenen Daseinsform.

Von 1962 datiert ein erster erhaltener Abdruck ihres eigenen Körpers: Das eigene Bein bis zur Hüfte formt die Künstlerin in Gips ab, um es später, in Bronze gegossen, als surreale Verlockung auf rohem Granitstein zu präsentieren. Das Werk ist darin eine Zäsur, dass Körperabdrucke fortan ein wesentliches Element ihrer Skulpturen sind. Wie in "Bouquet", einer mumienartig von Plastikfolie eingehüllten Gestalt ohne Arme. Der Kopf setzt sich aus mehreren fragmentierten Gesichtern zusammen, aus denen Abformungen eines Mundes wachsen. Erogene Zonen bleiben unverhüllt - unverkennbar hat das Werk, indem es die Frau als eine Art Konsumobjekt darstellt, eine feministische Komponente. Die Deformierung und Fragmentierung des Körpers geht später bis zu seiner Zerlegung in einzelne Teile wie Lippen, Brüste, Bauch und Gliedmaßen. Abformungen von Mund und Brust werden Bestandteil elektrischer Lampen, "Desserts" und Aschenbecher haben die Gestalt von Frauenköpfen.

Bemerkenswert ist auch Alina Szapocznikows Experimentierfreude. Als eine der ersten verwendet sie für ihre Skulpturen Polyester - seit ihrer Krebsdiagnose 1969 auch in Gestalt von "Tumoren": unförmigen Gebilden, in denen unter dem durchsichtigen Kunststoff Fotografien hervor scheinen. Hier oder in "Alinas Begräbnis" finden existenzielle Themen bestürzende Gestalt. Nicht zuletzt zeigt die Ausstellung die Künstlerin als sensible und innovative, zwischen Figürlichkeit und Abstraktion changierende Zeichnerin.

Die Sommerausstellung in der Baden-Badener Kunsthalle läuft bis 7. Oktober.

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