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Schreien in höchster Intensität
06.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Georg Etscheit

Theater muss weh tun. Diese Prämisse von Frank Castorf muss das Premierenpublikum der Salzburger Festspiele am Samstagabend hautnah erfahren. Der Berliner Regisseur bringt in der Alten Salzsiedehalle der Perner-Insel in Hallein, der Off-Spielstätte der Festspiele, unter dem Titel "Hunger" eine Adaption zweier Romane des norwegischen Autors und Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun auf die Bühne. Viereinhalb Stunden Spieldauer bei anfänglich 35 Grad Außentemperatur sind angekündigt, sechs werden es.

Es ist bereits nach Mitternacht, als Castorf die Ovationen seiner Fans entgegennimmt. Viele Unzufriedene haben dagegen schon während der Aufführung den Saal verlassen. Es ist die dritte Inszenierung des früheren Intendanten der Berliner Volksbühne bei den Salzburger Festspielen nach Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" (2000) und Pitigrillis "Kokain" (2004).

Dass Hamsun, Hitler-Fan und Kollaborateur der Nazis im deutsch besetzten Norwegen während des Zweiten Weltkrieges, es ausgerechnet dem DDR-Urgestein Castorf angetan hat, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch von den braunen Verstrickungen abgesehen, liegt der knarzige Skandinavier in vielerlei Hinsicht auf Castorfs Linie. Er war antiamerikanisch, antibürgerlich und antikapitalistisch. In seinem autobiografischen Roman "Hunger", erschienen 1890, verarbeitet Hamsun eigene Erfahrungen von Heimatlosigkeit, Ausgestoßensein, Armut und Hunger - eine Steilvorlage für Castorfs immerwährende Kritik am amerikanisch-westlichen Konsumparadies, in dem sich eine Minderheit prächtig eingerichtet hat, während die Welt-Mehrheit weiter darben muss.

Held in "Hunger" ist ein an Hamsun erinnernder Journalist und gescheiterter Amerika-Auswanderer, der im damaligen Kristiania (heute Oslo) hungernd durch die Straßen streift. Während hier noch ein klares Handlungsgerüst zu erkennen ist, driftet das zwei Jahre später erschienene Buch "Mysterien" ins Surreale. Der Held scheint derselbe, nur ist er diesmal ein reicher Mann namens Nagel, der sich in einem norwegischen Küstenkaff niederlässt und die Bevölkerung aus ihrer bürgerlichen Alltagswelt herauskatapultiert.

Castorf lässt beide Handlungsstränge simultan ablaufen. Der großartige Marc Hosemann, ein langjähriger künstlerischer Gefolgsmann Castorfs an der Berliner Volksbühne, verkörpert den zwischen Inspiration und Hungerdelirium dahin vegetierenden Schriftsteller, der schließlich in einem schaurigen Akt in den eigenen Finger beißt.

Die Figur des Johan Nagel dagegen hat Castorf auf das gesamte Team verteilt, aus dem die zart-zupackende Sophie Rois und der ungemein körperliche Daniel Zillmann besonders hervorstechen. Wie immer scheint die ganze Castorf-Truppe in höchster Intensität zu spielen, was oft fasziniert, oft auch schrecklich nervt, zumal mehr geschrien als gesprochen wird. Wie so oft hat Aleksandar Denic eine Bretterbude auf die Drehbühne gezimmert, als norwegische Holzkate, darin eingebaut eine abgewetzte McDonalds-Filiale und die Schreibstube des Schriftstellers.

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