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"Geschichtsvergessener Beschluss"
16.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Heidelberg - Sahra Wagenknecht hat unter großem Interesse der Meinungsöffentlichkeit und kritischem Blick der Parteioberen ihre Sammlungsbewegung "Aufstehen" gestartet. Sie will darin alle linken Kräfte bündeln, auch Sympathisanten von SPD und Grünen ansprechen. Parallel dazu entzündet sich an einem scheinbar unbedeutenden Vorgang in der SPD Protest. Das Unbehagen ist noch kein Sturm, sondern bislang eher ein Lüftchen. Aber der Protestauslöser scheint einen Nerv zu treffen.

Die Frage, ob wie vom SPD-Vorstand beschlossen, die Historische Kommission ("HiKo") der Partei aufgelöst werden soll, berührt offenbar den Markenkern der traditionsbewussten, ältesten deutschen Partei. Es geht um das Selbstverständnis - und Selbstbewusstsein der SPD.

Einen Offenen Brief, den die Schriftstellerin Christina Morina Anfang August an den Parteivorstand richtete, haben inzwischen mehr als 900 Personen unterzeichnet. "Als Historikerinnen und Historiker, mit oder ohne SPD-Parteibuch, halten wir diesen Schritt für einen schweren politischen Fehler", heißt es darin. Angesichts von "Populisten und Nationalisten sind die geschichtlichen Erfahrungen der Sozialdemokratie von essenzieller Bedeutung", steht in dem Brief, der den SPD-Vorstand auffordert, "diesen geschichts- und gegenwartsvergessenen Beschluss" zu revidieren.

Unter den Unterzeichnern sind auch Historiker der Universitäten Heidelberg, Mannheim und Freiburg - mit oder ohne SPD-Parteibuch.

Auch Dr. Katrin Hammerstein, nicht SPD-Mitglied, hat den Brief unterzeichnet. "Gerade die SPD als Partei mit der ältesten Geschichte müsste wissen, dass Demokratie Geschichtsbewusstsein und historische Reflexion braucht", meint sie. "Aus der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, für die die Kommission stand, könnte die SPD auch neues Selbstbewusstsein und damit neue Stärke ziehen", sagt Hammerstein, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Heidelberg und im Staatsarchiv Freiburg. Die "HiKo" habe viele wichtige Debatten angestoßen und sich eingemischt, etwa beim Historikerstreit 1986/87. Die Wissenschaftlerin regt an, die Kommission weiterzuführen, eventuell verjüngt - auch in den Arbeitsformaten. "Neben klassischen Formaten wie Tagungen und Publikationen könnten auch die sozialen Netzwerke eine Plattform für die Arbeit der Kommission sein." So könne die "HiKo" helfen, "die Echoräume geschichtsrevisionistischer Gruppen aufzubrechen oder zumindest mit historisch fundierten Argumenten zu stören".

Ähnlich argumentiert Joachim Brenner. Die Reaktionen auf die Auflösung der "HiKo" seien ein Zeichen dafür, "dass nach wie vor viele Menschen sich der Sozialdemokratie verbunden fühlen und sich um deren historisch gewachsenen Werte sorgen", meint der 22-jährige Geschichtsstudent, der an der Uni Heidelberg studiert und für die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte Heidelberg arbeitet.

Historische Forschung, so Brenner, sei immer auch ein Kampf um die historische Deutungshoheit. "In Zeiten, in denen Rechtsnationalisten und -populisten versuchen, die deutsche Geschichte und ihre Erinnerungskultur ,neu' zu bewerten, ist die Auflösung der Historischen Kommission umso bitterer. Geschichte sollte nie der extremen Rechten und ihren Demagogen überlassen werden - besonders nicht die deutsche", sagt Brenner.

Die SPD müsse zudem an einer neuen Leitidee arbeiten, fordert der Student. "Was fehlt, ist die sozialdemokratische Zukunftsvision, ein progressives linkes Leitbild für das 21. Jahrhundert. Ohne ein solches erscheinen selbst die löblichen Reformschritte wie der Mindestlohn oder die Mietpreisbremse als isolierte Einzelreformen". Gelinge diese Zukunftsvision der SPD nicht, warnt Brenner, "haben die Menschen leider vollkommen zu Recht Angst vor Globalisierung und Digitalisierung".

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