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Mit "Bienenstrom" in die Zukunft?
06.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Lennart Stock

Manchmal fährt Ingo Hiller nach Feierabend hinaus an ein Feld nahe seinem Hof bei Münsingen. Dann nimmt sich der Landwirt Zeit und lauscht: In der Nähe piepst eine Wachtel, Grillen zirpen und Wildbienen summen. "Man merkt einfach, dass das Feld lebt", sagt Hiller. Wo sonst Grünland und Mais sprießen, leuchten dieses Jahr lila Malven, helle Buchweizenblüten und einzelne Sonnenblumen strecken ihren Kopf aus dem Feld heraus. "Aber man muss schon noch bei Tageslicht kommen, sonst schlafen die Bienen schon", betont der Bauer.

Tatsächlich ist seine Wiese ein besonderer Flecken Erde, den es so auf der Schwäbischen Alb bislang kaum gibt. Zusammen mit zehn Kollegen nimmt Hiller in diesem Sommer an einem Pilotprojekt teil und baut statt Monokulturen verschiedene Blühpflanzen an. Die Landwirte schaffen so auf insgesamt 14 Hektar kleine Eldorados für Schmetterlinge, Schwebfliegen, Hummeln und kleine Säugetiere.

"Die Wiese sieht alle 14 Tage anders aus", berichtet Hiller. Für ihn ist seine bunte Blumenwiese ein doppeltes Experiment: Zum einen will er so etwas gegen das Insektensterben tun. "Da stehen wir Landwirte ja schnell im Fokus." Zum anderen will er die Mahd für die Biogasproduktion verwenden.

Allerdings bringen die blühenden Wildkräuter voraussichtlich weniger Biomasse als etwa herkömmliche Maispflanzen. Die Ausbeute ihres Ökostroms ist daher geringer. "Kein Landwirt kann sich erlauben, nebenberuflich Naturschutz zu machen. Da braucht es Unterstützung", weiß Achim Nagel, Leiter der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Zusammen mit den Stadtwerken Nürtingen haben die Naturschützer ein Modell entwickelt, um den Landwirten unter die Arme zu greifen.

"Die Stadtwerke unterstützen die Bauern mit einer Förderung", erklärt Manfred Albiez, Projektleiter bei den Stadtwerken. Aus dem Erlös ihres "Bienenstroms", wie die Initiatoren ihren Ökostrom nennen, fließt ein Cent pro Kilowattstunde als "Blühhilfe" in einen Topf, aus dem die Landwirte eine Entschädigung für ihren Ertragsverlust bekommen. "Wir wollen so Nutzer und Schützer zusammenbringen", ergänzt Nagel.

Dabei hatten die Projektpartner zunächst Schwierigkeiten, überhaupt Bauern und Biogasanlagenbetreiber für die Idee zu gewinnen. Es gab Vorbehalte wegen der Bewirtschaftung und der Ernte. "Wir haben versucht, gleich die harte Nuss zu knacken", erinnert sich Rainer Striebel, der das Projekt beim Biosphärengebiet leitet.

Hilfe kam vom Biogasverband und zwei Pionieren aus dem Allgäu, die mit Rat zur Seite standen. "Wir haben dann alle auf ein Feld eingeladen, sich das mal anzugucken", berichtet Striebel.

Mittlerweile wollen so viele Landwirte mitmachen, dass eine Warteliste geführt werden muss. Zudem erreichen die Pioniere Hunderte Anfragen aus ganz Deutschland: "Wie habt ihr das gemacht?" Und: "Welche Saat benutzt ihr?" seien die häufigsten Fragen, die die Initiatoren erreichen, erzählt Achim Nagel.

"Dann bist du nicht der böse Biogaslandwirt"

Für Landwirt Hiller stand schnell fest, dass er dabei ist. "Ich wollte mitmachen, denn dann kannst du auch mitreden", betont der 40-Jährige. Seine übrigen Felder bewirtschaftet er mit Getreide, Grünland und Mais. Letztere sind daran zu erkennen, dass jedes ein Sonnenblumen-Streifen umgibt. "Ich finde das einfach schön", sagt Hiller. Da auch beim "Bienenstrom" einzusteigen, lag für ihn quasi auf der Hand - zumal es auch der Imagepflege diene: "Du musst mit den Leuten schwätzen und denen die Landwirtschaft zeigen. Dann bist du nicht der böse Biogaslandwirt, sondern kommst mit ihnen in einen Dialog."

Doch Hiller weiß auch, beim Stichwort Insektensterben kommt die Sprache schnell auf die Landwirtschaft. Im vergangenen Jahr sorgte eine Studie im Fachmagazin "Plos One" für Aufsehen. Demnach ist die Masse der Fluginsekten in den vergangenen 27 Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Ein Grund dafür sei, dass Flächen mit hoher Biodiversität, wie etwa Streuobstwiesen, seit den 1960er-Jahren drastisch zurückgegangen seien, erklärt Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. Wildbienen etwa, die nicht so weit fliegen wie Honigbienen, hätten es schwerer, das ganze Jahr über ausreichend Nektar zu finden.

"Vor rund 100 Jahren hatten wir Landschaften mit vielen Früchten und Brachflächen dazwischen. Zu der Zeit hat ein Bauer zehn bis zwölf Kulturpflanzen angebaut. Heute hat er meist nur noch ein bis zwei", erzählt Rosenkranz. Doch auch auf Gemeindeflächen und in Privatgärten werde noch wenig naturnah gearbeitet. "Wer den Garten alle zwei Wochen mäht, der verhindert Biodiversität", verdeutlicht Rosenkranz und verweist darauf, dass jeder zu Natur- und Bienenschutz beitragen könne.

Ein Anfang wurde vor kurzem etwa in Stuttgart gemacht. Dort startete ein Schutzprojekt im Zoo Wilhelma und in Parkanlagen, bei dem Wildbienen und Insekten künftig mehr Platz in der Stadt erhalten sollen.

Der ökologische Nutzen der Blühflächen scheint klar, aber wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit aus? Was die mögliche Biomasse angeht, ist Hiller optimistisch: "Wenn die Pflanzen ordentlich Wasser haben, dann ist der Ertrag hier mit Mais vergleichbar." Doch in diesem Jahr macht die Trockenheit auch Hillers Blühpflanzen zu schaffen. "Da fehlen noch zwei Drittel", sagt Hiller. Seine Blumen reichen ihm gerade mal bis zur Hüfte. Im Herbst wollte er eigentlich mähen und ernten. Doch daraus wird wohl nichts. Stattdessen will er noch ein Jahr warten. Wenn die Pflanzen im Herbst ihre Samen verteilen, so hofft Hiller, werde seine Wiese nächstes Jahr doppelt so dicht.

Fünf Jahre soll die Blühwiese vorerst bleiben. Dann werde man weitersehen, sagt Hiller. "Wir sind immer offen für neue Sachen." Vielleicht könnten es die blühenden Kräuter schon bald tatsächlich mit dem Mais aufnehmen. Beim Saatguthersteller in Unterfranken tüftelt man bereits an neuen Mischungen, um einen noch besseren Ertrag zu erzielen - für Bienen und Bauern.

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