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Modernes Tableau einer familiären Zerrüttung
Stühle rücken um die lange Tafel bei Familie Clausen: Berth Wesselmann (rechts) gibt dem Senior viele Facetten. Foto: Klenk/Theater Baden-Baden
10.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Ute Bauermeister

"Kinder, was für Kinder?", ruft der zornige Vater erbittert und enttäuscht, denn die eigene Brut hat ihn kurzerhand entmündigt, zu seinem Besten, wie sie vorgibt. Der Grund: ihr 70-jährige Vater, seit drei Jahren Witwer, liebt seine junge Praktikantin. Das verzeihen ihm seine Kinder nicht. Ger-hart Hauptmann (1862-1946) hat die Familientragödie "Vor Sonnenuntergang" geschrieben als er selbst etwa im Alter seines Protagonisten, dem Verlagschef Matthias Clausen, war - und in ähnlicher Situation wie dieser: geschieden von seiner ersten Frau, mit der er drei Kinder hatte, und liiert mit einer deutlichen Jüngeren.

Großer Tisch als stummer Hauptakteur

Nun hat Rudi Gaul das Stück im Theater Baden-Baden als modernes Tableau einer familiären Zerrüttung inszeniert. Stummer Hauptakteur der von Mitchel Raper eingerichteten Bühne ist ein höhenverstellbarer Tisch, der mal längs, quer oder schräg auf der Bühne steht und mal als Laufsteg, als Tafel oder Leichenbahre benutzt, besprungen oder bekrabbelt wird. Drumherum ist großes Stühle-Rücken angesagt: Mal sitzt die Familie aufgereiht nebeneinander oder u-förmig wie in der Schule, da scheint noch alles in Ordnung. Drei Lichtbänder erhellen grell bis dramatisch oder auch sanft und atmosphärisch das Ambiente. Fast könnte man meinen, die James-Turrell-Ausstellung im benachbarten Museum Frieder Burda finde hier eine kleine Hommage.

Ein wenig zäh kommt das Drama in die Gänge. Berth Wesselmann gibt dem Seniorchef viele Facetten, beherrscht die leisen, warmherzig-verliebten Töne ebenso wie das autoritär Abgeklärte. Alle sind im Business-Look in Anzügen gekleidet, nur der jüngste Sohn Egmont (Simon Mazouri glänzt vor allem als verschlafener Tunichtgut) trägt zerrissene Jeans und Sakko.

Sohn Wolfgang, dem Max Ruhbaum fahrige Strenge verleiht, lehnt ebenso wie seine Frau Paula (von Nadine Kettler mit abgeklärter Reife gespielt) die neue Beziehung des Vaters strikt ab. Tochter Bettina (von Constanze Weinig mit strenger Fürsorge ausgestattet) ist ebenfalls entsetzt, zumal sie den Papa bemuttert und sich verraten fühlt. Tochter Ottilie (Maria Thomas) stimmt den Geschwistern zu und gehorcht ihrem Mann Erich, der als Juniorchef den Verlag modernisieren will und die Eskapaden des Alten als rufschädigend fürchtet. Patrick Schadenberg darf in dieser Rolle ein bisschen mehr poltern als die anderen.

Lilli Lorenz mimt die blonde Kurzhaar-Praktikantin, die auch eher als gestandene Business-Frau auftritt. Rosalinde Renn verkörpert die Oma der Praktikantin mit starker Mimik und darf als Einzige wirklich emotional differenziert agieren. Michael Laricchia ist der Diener Wuttke und vermag mit kleinen Handbewegungen zu überzeugen, während Sebastian Mirow als Hausarzt die große Palette langhaariger Intellektuellen-Schwafelei ziehen darf. Mattes Herre gibt den zwiespältigen Anwalt mit schmieriger Attitüde, und Rainer Haring ist als langjähriger Freund des Seniors ein giggelnder Alter.

Der Regisseur presst seine Darsteller in uniformierte Kostüme und Gesten, die ihnen wenig Freiraum lassen. Wohl dosiert wird auch mal chorisch gesprochen, wie bei den großen griechischen Tragödien, dann Musik eingespielt oder die Lichtbänder nach unten gefahren. Die querstehende Tafel erinnert an das Abendmahl. Doch alles bleibt ein wenig leblos und statisch.

So recht will man den Clausens ihren Familienzwist nicht nachempfinden. Obwohl Zitate von Seneca und Marc Aurel das Geschehen philosophisch untermauern, fühlt es sich eher an als wohne man einer Aufsichtsratssitzung bei denn einem eskalierenden Familienkonflikt, der einem zu Herzen geht. Dass der Mensch so furchtbar zwiespältig sei, sagt der alte Claussen einmal. Doch genau diesen Zwiespalt, das weidwund Verletzliche, fehlt dieser leicht unterkühlten Aufführung, die dennoch immer wieder mal durch intime Zwiegespräche punktet. Nach der zweieinhalbstündigen Premiere spendete das Publikum viel Applaus.

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