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Die Angst vor dem einen Wolf
12.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Bad Wildbad - "Uns fragen Gäste, ob sie beim Wandern noch sicher sind. Und besteht eine erhöhte Gefahr, wenn man sein Kind in den Waldkindergarten schickt?" Mit Sorgen wie diesen sieht sich die Stadt Bad Wildbad nach Angaben von Bürgermeister Klaus Mack (CDU) konfrontiert, seit in der Nacht auf den 30. April nach einer Wolfsattacke 44 Schafe aus einer Herde starben. Am Montagabend stellten sich etwa 30 Experten der Naturschutzverwaltung des Landes in dem Kurort den Fragen von rund 300 Teilnehmern einer Informationsveranstaltung. Die Debatte verlief weitgehend sachlich - doch die Angst vor dem einen Wolf sitzt tief.

Es ist nach allen bekannten Daten ein junger Grauwolf-Rüde mit Namen "GW852m", der seit fast einem Jahr im Nordschwarzwald heimisch geworden ist und mehrmals Schafe gerissen hat (wir berichteten). Beim jüngsten Angriff am vergangenen Freitag im Gernsbacher Stadtteil Reichental wurden auf einer Weide drei Tiere getötet, andere Quellen berichten von vier. In Enzklösterle sei der Wolf in der Nacht um die Häuser gestreift, in Simmersfeld soll er zwei Pferde angegriffen haben. Näher verifizieren lässt sich das nicht. "Es wäre unüblich", meint einer der Experten: "Pferde wissen sich zu wehren."

Umweltstaatssekretär Andre Baumann (Grüne) muss im beschaulichen Bad Wildbad eine Gratwanderung absolvieren: Das Unbehagen der Bürger ernstnehmen und zugleich für das Miteinander von Mensch und Wolf werben. Auf den europaweit strengen Schutz der Tiere hinweisen, aber auch die Tötung des "Problemwolfs" in Aussicht stellen, falls dieser eine Herde mehrfach attackiert oder Menschen gegenüber aggressiv auftritt. "GW852m" sei kein "Problemwolf", stellt Baumann klar. Schließlich muss er die Debatte versachlichen, aber auch alles dafür tun, dass die Nutztierhalter sich nicht im Stich gelassen fühlen.

Von den vielen ausgetauschten Argumenten sollen zwei exemplarisch vertieft werden:

Mensch, Wolf und Hund: In Europa gab es laut Ministerium in den Jahren zwischen 1950 und 2000 bei geschätzten 20000 Wölfen 59 dokumentierte Zwischenfälle. In acht Fällen endeten diese für den Menschen tödlich. Die Ursachen waren meist Tollwut oder das vorherige Anfüttern des Wolfs. Zum Vergleich: Allein 2017 gab es in Baden-Württemberg 1396 registrierte Fälle, bei denen Menschen von Hunden verletzt wurden. "Wölfe haben grundsätzlich kein Interesse am Menschen", sagt Baumann. "Sie sind jedoch wehrhafte Wildtiere, die keinesfalls gefüttert oder bedrängt werden dürfen." Deshalb sollte man auch darauf verzichten, Fotos vom Wolf zu machen.

Weidetierhalter in Not: Bereits vor dem Auftauchen des Wolfs ging es Schaf- und Ziegenhaltern wirtschaftlich nicht gut. So wichtig die Arbeit ihrer Tiere für das Offenhalten der Täler ist, so wenig politische Unterstützung erfuhren sie oft. Der Wolf verschärft ihre Lage. Andererseits lässt sich ihm jetzt bequem die Schuld an der ganzen Misere zuschieben. Die Naturschutzexperten sind diplomatisch zurückhaltend, weisen aber auf Versäumnisse der Halter hin, um den Wolf wirkungsvoll abzuwehren (unvollständige oder zu niedrige Umzäunung, zu geringe Stromspannung). Während Baumann mit Fördermitteln lockt, fühlen sich die Betroffenen bevormundet. "GW852m" zieht derweil weiter seine Kreise.

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