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Viele Menschen vor dem Tod retten
14.09.2018 - 00:00 Uhr
Berlin - SPD-Vizefraktionschef Karl Lauterbach hat angekündigt, gemeinsam mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Gruppenantrag im Bundestag zur Einführung einer Widerspruchsregelung für Organspenden zu initiieren. Demnach würden alle Menschen automatisch zu potenziellen Organspendern, wenn sie nicht ausdrücklich widersprechen. Bislang müssen sie ausdrücklich zustimmen (Entscheidungslösung). Lauterbach rechnet mit einer breiten Mehrheit im Bundestag für den Vorstoß, wie er im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Stefan Vetter erklärt.

BT: Herr Lauterbach, warum dieser radikale Kurswechsel?

Karl Lauterbach: Die Zahl der Organspender in Deutschland ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die seit 2012 geltende Entscheidungslösung ist überwiegend wirkungslos, und die Situation für die Menschen, die ein Spenderorgan brauchen, ist dramatisch schlecht. Daher müssen die rechtlichen Regelungen zur Organentnahme geändert werden. Sonst werden wir die Spenderzahlen von früher nie wieder erreichen. Deshalb plädiere ich als Arzt und Politiker seit Jahren für die Einführung einer Widerspruchslösung. Wir könnten damit viele Menschen vor dem Tod retten oder ihnen ein besseres Leben ermöglichen.

Interview

BT: Aber die Skepsis über eine Widerspruchslösung ist auch im Regierungslager groß. Wie steht es um die Erfolgschancen?

Lauterbach: Ich habe großes Verständnis für die Bedenken gegenüber einer Widerspruchslösung. Deshalb müssen wir diese wichtige Debatte im Bundestag führen. Ich gehe aber davon aus, für den Systemwechsel bei der Organspende eine breite Mehrheit im Bundestag zu bekommen.

BT: Das Hauptproblem bei den niedrigen Spendenzahlen besteht doch darin, dass viele Menschen seit dem Skandal um manipulierte Wartelisten kein Vertrauen mehr in die Transplantationspraxis haben. Ist Ihr Vorstoß da wirklich das richtige Mittel?

Lauterbach: Einspruch. In der Bevölkerung ist die positive Einstellung zum Thema Organspende derzeit mit 84 Prozent so hoch wie noch nie zuvor. Damit es bei dieser positiven Einstellung bleibt, muss ein Nein zur Organspende verlässlich dokumentiert werden - etwa in einem Register, in das man sich eintragen kann, wenn man nicht spenden will. Zugleich sollten auch die Angehörigen vor der Organentnahme ein Widerspruchsrecht erhalten.

BT: Wie reagieren Sie auf Befürchtungen, dass Menschen durch eine Widerspruchsregelung womöglich früher für tot erklärt werden, um an deren Organe zu kommen?

Lauterbach: Das halte ich für ausgeschlossen. Ärzten so etwas zu unterstellen, ist verunglimpfend. Es besteht dafür auch kein Anreiz, wenn ausreichend Organe zur Verfügung stehen. Im Übrigen ist es finanziell immer lukrativer, Menschen durch Geräte und nicht durch die Transplantation am Leben zu erhalten. Insbesondere in der Dialyse.

BT: Wann wird der Bundestag über das Thema abstimmen?

Lauterbach: Ich werde gemeinsam mit Minister Spahn einen Gruppenantrag auf den Weg bringen. Der genaue Zeitplan ist aber noch nicht festgelegt.

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