http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
"Orwell ist ein Klacks dagegen"
21.09.2018 - 00:00 Uhr
Rastatt - Eine Reise in die chinesischen Metropolen Peking, Schanghai, Shenzen und Hongkong hat jüngst der Wirtschaftsausschuss der Deutschen Bundestags unternommen. Schwerpunkte waren die Themen Mobilität und Digitalisierung. An der Reise, die vom 1. bis zum 9. September stattfand, nahm auch die mittelbadische SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Katzmarek teil, die Mitglied des Ausschusses ist. Im Gespräch mit BT-Redakteur Thomas Trittmann berichtet sie über ihre Erfahrungen im Reich der Mitte.

BT: Frau Katzmarek, Sie waren jüngst mit dem Wirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestags in China. Was war der Zweck der Reise?

Gabriele Katzmarek: Wir haben uns schwerpunktmäßig mit den Themen Elektromobilität, autonomes Fahren und künstliche Intelligenz befasst. Aber natürlich gab es auch viele politische Gespräche. Wir haben dabei auch mit Oppositionellen und Menschenrechtsorganisationen gesprochen - vor allem in Hongkong, anderswo in China ist das nur schwer möglich. Für mich ist klar, dass immer auch die Frage nach den Menschrechten in China im Raume steht. Aber der Schwerpunkt des Besuchs lag auf wirtschaftlichen Fragen.

Interview

BT: Welche Erkenntnisse zum Thema Elektromobilität haben Sie mitgebracht?

Katzmarek: Ich arbeite die Eindrücke noch auf. Wir haben zum Beispiel ein Unternehmen besucht, das 2014 gegründet wurde und heute mit rund 6000 Mitarbeitern Elektroautos produziert. Die produzieren E-Autos, dass einem Hören und Sehen vergeht.

BT: Autos, die man sich als Normalchinese leisten kann?

Katzmarek: Ja. Es gibt verschiedene Modelle, und natürlich funktioniert auch in China noch nicht alles perfekt. Aber zumindest in den großen Städten gibt es schon die nötige Infrastruktur, um die Autos auf die Straße zu bringen. Es scheint zu funktionieren. Wobei man wissen muss, dass es die klare politische Zielsetzung der chinesischen Regierung ist, E-Mobilität zu fördern.

BT: Das ist auch die klare Zielsetzung der Bundesregierung. Eine Million E-Autos bis 2020. Das Ziel wird allerdings gerade endgültig begraben. Fördern die Chinesen besser?

Katzmarek: Ja, dort wird logischerweise mehr gefördert. Denn es spielt in China keine Rolle, welche Verluste dabei anfallen. Es ist die Linie der Partei, E-Mobilität zu fördern, also wird das massiv getan. Das Ziel ist die Weltmarktführerschaft.

BT: Sind die Chinesen weiter, als es die deutsche Autoindustrie ist?

Katzmarek: Ob sie insgesamt weiter sind, sei dahingestellt. Mein Eindruck ist jedenfalls, dass sie schneller sind. Und mittlerweile auch qualitativ gut. China hat sich gewandelt, die Zeiten, als dort vor allem billiger Schrott produziert wurde, sind längst vorbei. Heute haben die Chinesen hoch qualifizierte Fachkräfte. Und ganz andere Rahmenbedingungen als wir. Das sieht man gerade beim Thema autonomes Fahren. Fragen, die uns wichtig sind - etwa die, wie ein Auto reagieren soll, wenn ein Unfall unvermeidlich ist - werden dort gar nicht diskutiert.

BT: Das hohe Tempo Chinas geht auf Kosten der Ethik?

Katzmarek: Ja, das kann man sagen. Aber vor Ort bekommen Sie auf Fragen wie diese keine Antwort. So etwas wird dort gar nicht diskutiert.

BT: Wird in China überhaupt über Technik und ihre Folgen diskutiert?

Katzmarek: China ist ein autoritärer Staat. Es gibt keine Meinungsfreiheit. Das prägt die Menschen, und entsprechend weniger gesellschaftliche Debatten finden statt. Es gibt aber noch einen zweiten gewichtigen Faktor: Das einzigartige Aufstiegsversprechen an die junge Generation Chinas. Ganz lapidar gesagt: Das Kind eines Reisbauern kann Ingenieur werden, hat viele Möglichkeiten. Das führt natürlich dazu, dass man die autoritäre Linie der Regierung, der Partei nicht infrage stellt.

BT: China ist auch führend bei der Überwachung und Disziplinierung der Bevölkerung.

Katzmarek: Ja. Wir haben uns dort einige Unternehmen angeschaut, und in der Einzelbetrachtung kann man immer auch sagen: Das hat ja auch etwas Gutes, was dort gemacht wird. Aber eben nicht nur Gutes. Zum Beispiel bei Themen wie der Gesichtserkennung, die ja auch bei uns erprobt wird und für mehr Sicherheit sorgen soll. Es geht um Sicherheit durch die Überwachung des öffentlichen Raumes.

BT: Die umstritten ist ...

Katzmarek: ... aber in China noch viel weiter getrieben wird. Gesichtserkennungsprogramme können den Gemütszustand erkennen, Bewegungsprofile werden komplett erfasst, jede kleine Sünde - bei Rot über die Ampel gehen - wird registriert. Ich habe noch nie so viele Kameras im öffentlichen Raum gesehen wie in Peking, Schanghai oder Shenzen. Die registrieren natürlich auch sofort jede Menschenansammlung. Diese Instrumente können in der Hand eines autoritären Staates ein riesiges Disziplinierungsinstrument sein. Und das ist noch längst nicht alles.

Toiletten, die den Urin des Nutzers analysieren

BT: Noch mehr Orwell?

Katzmarek: Wir haben ein Unternehmen besucht, das sich mit personalisierter Medizin befasst. An sich eine gute Sache: maßgeschneiderte Medikamente aufgrund der genetischen Disposition des Einzelnen. In China werden aber riesige Datenbanken angelegt, die die genetischen Merkmale der Menschen speichern. Jeder Polizist, jeder Soldat wird deshalb zur Blutabnahme gebeten. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Gesundheitschecks an, speichern die Daten und stellen sie staatlichen Stellen zur Verfügung. Es wurden sogar schon Toiletten entwickelt, die automatisch den Urin jedes Benutzers analysieren. Schritt für Schritt wird so die Bevölkerung hinsichtlich ihrer genetischen Merkmale gescannt. Gesichtserkennung, Bewegungsprofile, Gen-Scan - und dazu eine staatlich kontrollierte Bezahl-App, die fast alle nutzen und die Daten aller Art sammelt. All das in den Händen eines autoritären Staates, der weder Facebook noch Whatsapp erlaubt: George Orwells negative Utopien sind ein Klacks dagegen.

BT: Welche Rückschlüsse sollten wir aus all dem ziehen?

Katzmarek: Wir sollten erstens zur Kenntnis nehmen, dass China ein wirtschaftlich hoch entwickeltes Land voller intelligenter Menschen ist. Und zweitens, dass es dort eine klare Linie der Kommunistischen Partei gibt, die die Politik bestimmt und deren Ziel meist lautet, Weltmarktführer zu sein. Das können wir nicht ignorieren, sondern damit müssen wir umgehen.

"Wirkliche Antworten bekommt man nicht"

BT: Im Westen ist es Konsens, ein Glaubensbekenntnis fast, zu sagen: Demokratie und Marktwirtschaft gehören untrennbar zusammen. Beweist China gerade das Gegenteil? Funktioniert Kapitalismus besser im autoritären Staat?

Katzmarek: Es ist ja eigentlich verrückt. Eigentlich müssten doch alle Unternehmen sagen, China ist ein autoritär-kommunistischer Staat, wir machen da nicht mit. Aber alle machen mit. Wir haben die Frage auch mit Vertretern deutscher Unternehmen in China diskutiert. Wirkliche Antworten bekommt man aber nicht. Zwar findet niemand das politische Umfeld besonders dolle. Aber man macht halt Geschäfte.

BT: Wird das ewig gutgehen?

Katzmarek: So lange, wie das Aufstiegsversprechen eingehalten werden kann, so lange, wie die Opposition in Umerziehungslagern landet, mag es funktionieren. Aber ich bin überzeugt, dass der Knall umso größer sein wird, wenn es nicht mehr funktioniert.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Alicante
--mediatextglobal-- Dimitrij Ovtcharov. Foto: dpa

18.09.2018
Ovtcharov peilt den EM-Titel an
Alicante (red) - Die Leidenszeit ist vorbei, der EM-Titel fest im Visier: Das deutsche Tischtennis-Ass Dimitrij Ovtcharov will bei den Kontinentalmeisterschaften seinen dritten Titel einfahren. Dabei musste der 30-Jährige in diesem Jahr bereits verletzungsbedingt länger pausieren (Foto: dpa). »-Mehr
Baden-Baden
Haute Couture für die Wand

05.09.2014
Haute Couture für die Wand
Baden-Baden (red) - Die gute alte Tapete feiert ihr Comeback. So angesagt wie noch nie bekleidet sie wieder unsere Wohnwände. Es bietet sich eine Fülle an Möglichkeiten an Farbe, Form und Struktur. Szeneclubs und Bars haben es vorgemacht, und nicht zuletzt durch Wohnratgeber-Sendungen ist die Tapete wieder "salonfähig" (Foto: pr). »-Mehr
Baden-Baden
Gewichtsspirale endlich gedreht. Fotos: pr

23.11.2012
Gewichtsspirale endlich gedreht
Baden-Baden(red) - Die Gewichtsspirale umzudrehen, das würde ich auch gerne schaffen", bekennt ein Audi-Mitarbeiter augenzwinkernd. Jahr für Jahr kommen Pfunde drauf. Jetzt haben die Bajuwaren zumindest dafür gesorgt, dass wenigstens ihr "Kind" die Wende schafft (Foto: pr). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Die Grippezeit hat begonnen. Ein kleiner Pikser kann davor schützen, krank zu werden. Lassen Sie sich gegen die Grippe impfen?

Ja.
Nein.
Weiß ich noch nicht.


http://www.karlsruhe.ihk.de/handelsregister
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1