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Epochenpanorama mit viel Didaktik
12.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Sigrid Feeser

"Konstruktion der Welt - Kunst und Ökonomie - 1919 bis 1939 und 2008 bis 2018" heißt die große Doppelausstellung in der Mannheimer Kunsthalle. Im ersten Teil wird gezeigt, wie die wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland, der Sowjetunion und den USA sich in der Kunst widerspiegeln, im zweiten wird die Gegenwart von 29 international vernetzten Künstlern unter die Lupe genommen.

Die 1925 von Gustav Hartlaub erarbeitete Ausstellung "Neue Sachlichkeit" traf den Nerv der Zeit; sie gab einer neuen, der Rückbesinnung auf das Sichtbare verpflichteten Epoche den Namen. Um diese geht es freilich nicht - außer, dass die Neue Sachlichkeit in den 250 Arbeiten starken Parcours einbezogen ist. Der Blick richtet sich auf vergleichbare Entwicklungen in Deutschland, der Sowjetunion und den USA.

Während im historischen Teil Weltwirtschaftskrise, Hungersnöte, Depression, Elektrifizierung, Großstadt, Arbeitsbedingungen und Vorkriegszeit entlang einer auf den Boden gemalten Zeitschiene abgehandelt werden, geht es im aktuellen international und chaotischer zu. Heißt, die Kunst der Zwischenkriegsjahre lässt sich geschlossener darstellen.

Jetzt sind sie auf einmal da, die Bilder, die man (den großzügigen russischen Leihgebern, allen voran die Moskauer Tretjakow-Galerie, sei Dank) eigentlich nie sehen wollte, nicht den toten Lenin von Kusma Petrow Wodkin am Eingang, nicht die braven Komsomolzen und die kleinbürgerliche Familienidylle eines stalinistischen Kommandanten (von Wladimir Wassiljew), dem ein trauliches "Bauernmahl" von Hermann Otto Hoyer zugesellt wurde. Schon gar nicht die einem antiken Triumphzug nachempfundenen "Turnerinnen" von Gerhard Keil, die einen Kollegen schier aus der Fassung brachten, so unheimlich fand er sie.

Kunst und Zeitgeschichte, Kunst und Ökonomie: Ein wahrlich weites Feld. Die Suche nach qualitätvollen Ausstellungsstücken fällt immer schwerer, je weiter man in diesem Epochenpanorama kommt. Was Fotografie und Plakatkunst angeht, ist die Auswahl vorzüglich. Man sieht großartige Maschinenbilder von Carl Grossberg - und entdeckt in dem Amerikaner Theodore Roszak einen unerwarteten Geistesverwandten. Bilder von Streiks, Grubenunglücken und Großstadt-Passanten mit Totenköpfen zeigen ein anderes und unbekanntes Amerika. Unter manchem Bild könnte auch ein russischer (oder deutscher) Name stehen.

"Der Mann, der eine Fabrik errichtet, baut einen Tempel. Und der, der dort arbeitet, verrichtet einen Gottesdienst". Der Satz stammt von dem Amerikaner Calvin Coolidge, passt aber auch auf die auf Fortschrittsoptimismus getunte Kunst der UdSSR. Alexander Deineka ist der Mann für einen konstruktiv unterfütterten malerischen Heroismus. "Beim Bau neuer Werkhallen" ist ein Bild, das wie zwischen Revolutionskunst und sozialistischen Realismus gefallen scheint. Dass künstlerische Meriten oft zugunsten des erzählerischen Zusammenhangs zurückstehen müssen, ist hinzunehmen.

Im aktuellen Teil sind knickrige Fragen nach der Qualität nicht so dringlich. Hier läuft man fröhlich durchs Unsortierte. Keine Malerei, kaum Einzelstücke, dafür Installation, Video, Fotografie. Thomas Rehbergers Nachbau einer Luxuskarosse sieht man nicht an, dass sie in Thailand gefertigt wurde. Auf den Boden wie Dominosteine aufgebaut eine 50-bändige Marx-Engels-Ausgabe des Pariser Kollektivs Claire Fontaine, die Buchcover umhüllen Ziegelsteine - kippt das Ganze, oder kann noch damit geworfen werden? Ein bisschen viel Didaktik das.

Draußen vor der Tür hat das Künstlerkollektiv Volume V einen Container als Lernort aufgebaut. Es geht um Umweltthemen und um Fragen, die die Stadtgesellschaft betreffen. Aber da, nicht wahr, hat man den Raum der Kunst eigentlich schon verlassen.

Bis 3. Februar in der Kunsthalle Mannheim zu sehen, der Katalog ist im Kerber-Verlag erschienen (192 S., 40 Euro), Begleitprogramm unter:

www.kuma.art

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