http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
Störenfriede stören nur
13.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Frankfurt - Die Frankfurter Buchmesse gibt sich zum 70. Jahrestag ihres Bestehens sehr politisch. Bei zahlreichen Lesungen und Diskussionen in den Messehallen geht es um Demokratie und Menschenrechte. Die Veranstalter nutzen dafür ein weiteres Geburtstagskind: Die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen wurde im Dezember vor 70 Jahren verabschiedet.

Gemeinsam mit Medien und unterstützt von Amnesty International haben die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein des deutschen Buchhandels sich sogar zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen ("On The Same Page"). Ein Streifzug über die Messe aus politischer Sicht.

Fasziniert: Wenn es um Demokratie geht, darf Frank-Walter Steinmeier nicht fehlen. Der Bundespräsident hat sich vorgenommen, dieses Thema zu einem Schwerpunkt seiner Amtsführung zu machen. Also kam er auch nach Frankfurt, um über die Gefährdungen der Freiheit in schwieriger Zeit zu diskutieren. Steinmeier sieht eine "neue Faszination des Autoritären in Europa". Diese habe aber nicht so weit Platz gegriffen, dass die Demokraten wehrlos wären. Es gebe eine Normalität in Deutschland, die sich nicht in den Medien abbilde. Hunderttausende Ehrenamtliche "sorgen täglich unspektakulär dafür, dass wir gerne hier leben", meint er. Damit wolle er nichts schönreden. Aber er nehme alle in die Pflicht, Demokratie zu erhalten. "Wir dürfen sie nicht für ewig selbstverständlich halten. Das ist sie nicht", mahnt er. Steinmeier warnt auch davor, die Europäische Union schlechtzureden. Die EU funktioniere. "Die meisten Menschen würden nicht gerne in einem anderen Europa leben." Steinmeier wirbt dafür, den verloren gegangenen Dialog mit Andersdenkenden wieder zu führen. Man solle die Angst vor der Kontroverse verlieren. "Wir brauchen Dialogangebote, um es denen mit den einfachen Antworten schwerzumachen."

Gelenkt: Man muss gar nicht weit gehen, um zu erkunden, wie es ist, wenn Demokratie und Meinungsfreiheit unter Druck geraten. Der österreichische Autor Gerhard Ruiss erzählt am Stand der IG Autoren von seiner Heimat. Österreich sei ein Land, das auf der Kippe steht. Hauptangriffsziel der Neuen Rechten seien die Medien. In der Kritik steht ein Erlass von Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), regierungskritischen Medien nur noch ein Minimum an Informationen zukommen zu lassen. Es gab einen Aufschrei in der Republik, doch Ruiss sieht den Angriff auf die Medien noch nicht ausgestanden. Viele Bürger merkten zumeist aber gar nicht, dass sie nur noch "gelenkte Information" erhielten. "Die entscheidende Frage ist: Gelingt es, die Gesellschaft zu entmutigen?" Ruiss beklagt, dass die Politik in Österreich "Märchen auftischt". Salopp gesagt regiere die politikferne Seichtheit. Illustrierte brächten Glanzgeschichten über Politiker. "Es gibt in Österreich erhebliche soziale Verwerfungen, aber es wird überdeckt, weil die Regierenden so tun, als seien sie wie du und ich." Natürlich gebe es Störenfriede, "aber die will niemand haben, weil sie so unsympathisch sind."

Lebendig: Ein besonderes Augenmerk lenkt die Buchmesse auf die Situation in der Türkei. Die Schriftstellerin Asli Erdogan sitzt auf einem Podium und berichtet von ihrer Zeit im türkischen Gefängnis. Heute lebt sie in Frankfurt im Asyl. Sie zeigt ihre Medikamententasche und sagt: "Seit gestern nehme ich Beruhigungsmittel." "Meine Werke wurden in zwölf Sprachen übersetzt, ich habe sechs Preise bekommen, aber das hat mir nicht geholfen. Die Polizei kam mit 50 Mann, um mich abzuholen und ins Gefängnis zu werfen." Der Vorwurf: Sie sei Beraterin einer pro-kurdischen Zeitung. Erdogan erinnert daran, dass heute 173 türkische Journalisten in Haft seien - mehr als in Russland und China zusammen. "Wir sind prominente Autoren. Aber was machen sie erst mit den kurdischen Autoren?", fragt sie. Angesprochen auf die türkische Gemeinde in Deutschland, die mehrheitlich hinter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan stehe, urteilt sie harsch: "Sie wissen nichts über die Türkei. Der Durchschnittsdeutsche weiß mehr über die Türkei als sie." Präsident Erdogan sei sehr clever, er halte immer denselben Vortrag, spreche über die großartige Türkei. Die Auslandscommunity höre das gern. Der Staatschef sei sehr pragmatisch, argumentiere mal nationalistisch, mal religiös, so wie er es brauche. "Erdogan ist fanatisch und er hat fanatische Fans. Sie würden für ihn sterben, nicht für eine Ideologie. Das macht es gefährlicher." Asli Erdogan erzählt, wie sie es im Gefängnis geschafft hat, nicht den Mut zu verlieren. Jüngere Frauen hätten es ihr beigebracht. Pflanzen seien im Gefängnis eigentlich verboten gewesen, doch irgendwie sei es ihnen gelungen, Setzlinge einzuschleusen und den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen - so lange, bis sie von den Wärtern weggenommen wurden. "Eine Pflanze ist lebendig und will sich lebendig halten." Das gab ihr Mut. Was sie selbst lebendig gehalten habe im Gefängnis, "ist die Solidarität von Menschen, die mich vorher nie gesehen haben. Das ist die heilige Seite des Menschen."

Unvergessen: Die Solidarität, die heilige Seite des Menschen, wurde auch auf einem anderen Panel beschworen. Der Börsenverein des Buchhandels lud zur Diskussion über Medien und Justiz in der Türkei - leider ohne türkische Beteiligung. Die Podiumsteilnehmer aus Deutschland, Portugal und der Schweiz legten sich dennoch mächtig ins Zeug. "Im Gefängnis zu sitzen und vergessen zu werden, ist schlimm. Die Türken sagen uns immer: Vergesst uns nicht", berichtet Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Der Schweizer Bundesrichter Thomas Stadelmann mahnt, man dürfe sich nicht an den Abbau an Rechtsstaatlichkeit gewöhnen. "Wir sitzen hier zwei Jahre nach dem Putsch in der Türkei und haben das Geschehen dort noch nicht als normal abgetan. Das müssen wir fortsetzen." Stadelmann wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für die Justiz. Er nennt sie die stille Gewalt. In den Medien stehe - auch ausgelöst durch diverse Morde an Journalisten in Europa - derzeit mehr die Presse- und Meinungsfreiheit im Mittelpunkt. Aber die Justiz brauche mehr Aufmerksamkeit. Die Europäische Richtervereinigung hat für die türkischen Richter, die entlassen wurden, einen Fonds eingerichtet, weil deren Familien vor dem Nichts stehen. "Unsere einzige Waffe ist die Vernunft", sagt der Präsident der Europäischen Richtervereinigung, der Portugiese Jose Igreja Matos. Er lenkt den Blick aber auch auf die kritische Situation der Justiz in Polen, die möglicherweise Nachahmer finden könnte. "Sechs Länder stehen bereits Schlange und schauen sich genau an, wie wir Polen behandeln. Wenn wir schwach sind, könnten auch sie kippen", befürchtet Matos. Ansonsten rät er jedem, im privaten Umfeld Demokratie einzuüben: Dafür müsse man die Meinung des anderen als gleichberechtigt respektieren.

Gebabbelt: Andere Meinungen zu respektieren, daran erinnert auch Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Er ist stolz auf das grundsätzlich friedliche Miteinander in seiner Stadt. Zur Demokratie gehöre auch, mit dem eigenen demokratischen Erbe angemessen umzugehen. Feldmann wünscht sich daher, dass die Paulskirche, der Ort der Nationalversammlung von 1848, saniert wird. "Das Gebäude ist ein nationales Symbol. Wir sollten ein großes Lernzentrum daraus machen", schwebt dem OB vor. Die Paulskirche stehe dafür, dass niemand ausgegrenzt werde, dass man alle und alles kritisieren könne. Sie stehe für das hessische "Mitbabble". Diese Frankfurter Willkommenskultur hat aber ihre Grenzen. Weil es im vergangenen Jahr zu Protesten gegen rechte Verlage kam, wurden diese dieses Jahr in die Ecke gesetzt. Feldmann findet das richtig und würde die Verlage gerne noch mehr ausgrenzen. "Die Politik der Isolation hilft", sagt er. Nächstes Jahr wünscht er sich noch mehr "Begleitung" der unerwünschten Stände, etwa durch Plakate, die für Menschlichkeit werben. Ist das Haltung, klare Kante oder falsch verstandene Demokratie? Der Schweizer Richter Stadelmann sagt, Demokratie sei nicht einfach das, was die Mehrheit beschließt. "Richtige Demokratie wahrt die Rechte der Minderheiten."

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Stuttgart
Wähler wollen offenbar mehr Kretschmann

14.09.2018
Dritte Amtszeit Kretschmanns?
Stuttgart (red) - Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hohe Zustimmungswerte hat, ist bekannt. Jetzt aber wurde in einer Umfrage nach einer dritten Amtszeit des 70-Jährigen gefragt. Heraus kam, dass sogar 60 Prozent der Linken-Anhänger dazu Ja sagen (dpa-Foto). »-Mehr
Rastatt
In Rastatt sollen Büchertürme wachsen

23.08.2018
Unter freiem Himmel lesen
Rastatt (red) - Lesen ist Tradition und Gegenwart: In Rastatt zeugen davon die Historische Bibliothek sowie die Stadtbibliothek mit ihren 65.000 Medien. 2019 soll Lesen in Rastatt eine "neue Dimension" bekommen und für ein paar Tage den öffentlichen Raum erobern (Foto: dpa). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Die Grippezeit hat begonnen. Ein kleiner Pikser kann davor schützen, krank zu werden. Lassen Sie sich gegen die Grippe impfen?

Ja.
Nein.
Weiß ich noch nicht.


http://www.karlsruhe.ihk.de/handelsregister
http://www.caravanlive.de/
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1