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Seelische Inschriften schöpferischer Macht
Versucht, das Mittelmäßige von sich fernzuhalten: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck in der Karlsruher Schauburg.  Foto: Mertens
17.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Markus Mertens

Die Schöpfung ist der radikalste künstlerische Akt von allen. Im großen Ganzen und in jedem einzelnen Wesen vollendet. Durch die - mentale oder physische - Schwangerschaft gewollt, durch einen Gott zwischen Religion und Erleuchtung ermöglicht, kann sie Welten vereinen, die sich längst entfremdet haben. So jedenfalls darf glauben, wer Florian Henckel von Donnersmarcks gewaltiges Leinwandepos jetzt in der Karlsruher Schauburg erlebte, das sich den bezeichnenden Titel "Werk ohne Autor" zu eigen gemacht hat. Bezeichnend vor allem deswegen, weil es gerade die epischen Qualitäten dieser drei Stunden sind, die das 20. Jahrhundert in empathischer Bildmacht durchmessen, um daraus ein filmisches Gedächtnis zu destillieren.

Diesen Anspruch scheint der Schöpfer auch auf der Kinotournee zu verfolgen. Denn Henckel von Donnersmarck lässt schon in den ersten Minuten seines Karlsruher Besuches keinen Zweifel daran, dass er das Mittelmaß als schieres Gift der Elite versteht. "Ich achte sehr genau darauf, was ich an mich heranlasse", gibt der 45-Jährige zu verstehen und meint damit vor allem: keinen Schund.

Das "Werk ohne Autor" also als Werk eines Genies? In seiner Machart geht es jedenfalls ungewöhnlich vor. Denn wenngleich die ersten Bilder im Dresden der späten 1930er Jahre ihren Anlauf nehmen: Die real erlebte Geschichte ist hier - ganz im Kunstsinn - nur der Rahmen eines höheren Schicksals. Das Dritte Reich als Regimes, das auf entartete Künstler wie Wassily Kandinsky, Max Hermann-Neiße und den Blauen Reiter nur mit dem diebischen Lächeln des Erhabenen blickt, um eine "ewige Kunst" zu proklamieren. Die hat auch Henckel von Donnersmarck im Blick - und setzt Querdenker wie die junge Elisabeth (Saskia Rosendahl) ebenso gegen die Beliebigkeit wie ihren fünfjährigen Neffen Kurt. Das Fleckchen Idyll in Großschönau mag beide in ihrer Eigenheit zunächst noch schützen - doch der Gashahn ist längst aufgedreht.

Und hier beginnt die expressive Provokation. Schwelgt man stolze 30 Minuten in den Bildlasuren andächtig geschnittener Romantik, ist es Professor Carl Seeband, der alles ins Wanken bringt. Schauspieler Sebastian Koch beschreibt die Herausforderung, das kühle Medizingenie zu spielen, als "Herausforderung geordneter Brutalität", die Wellen schlägt. Angegangen worden sei er wegen seiner Rolle zwar schon länger nicht mehr - und doch lernt man bei seiner Betrachtung das Hassen von neuem. Frostig forciert Seeband bei einem Geheimtreffen in Berlin die Pläne, geistig kranke "Missgeburten" durch die Euthanasie "von ihrem sinnlosen Dasein zu erlösen."

Auch Tante Elisabeth fällt der verhängnisvollen Maschinerie in ihrem grenzenlosen Fühlen zum Opfer - und setzt einen dramaturgischen Mahlstrom in Gang, der Stück um Stück alles mit sich reißt. Ein schwarzes Loch als Weltenschlucker. Die Schönheit, die Florian Henckel von Donnersmarck ihm schenkt, ist beängstigend und ja, auch ekelerregend. Die Worte der sensiblen Elisabeth sind ihr Impulsgeber: "Alles, was wahr ist, ist schön" - ohne Kompromisse.

Aus dem Hass der Nazis auf die Moderne wird Kurts Hass auf die DDR-Konventionen. Auf die ermordete Elisabeth folgt die geliebte Ellie (Paula Beer). Aus der Flucht vor den Nazis wird eine Flucht aus dem Osten. Die Verklärung ist in Sicht. Denn auch, wenn es das Schicksal so will, dass gerade Seeband Ellies Vater ist: Die entscheidende Geburt kann er trotz all seiner Boshaftigkeit nicht verhindern. Ein Schrei nach Ehrlichkeit, den auch Tom Schilling in Karlsruhe als Suche nach dem Wahrhaftigen ("Ich wollte die Wahrheit") ausmacht. Vielleicht ist es am Ende Beuys, den man hier Antonius van Verten nennt, der das schöpferische Heil bei allem Schmerz, der mit ihm einhergeht, über uns bringt ("Nur in der Kunst ist die Freiheit keine Illusion"), vielleicht ist es das Schicksal der einen neuen Idee, die seelische Inschriften zu schöpferischer Macht ausgestaltet. Oder wie es Florian Henckel von Donnersmarck vor dem roten Vorhang der Schauburg selbst zum Ausdruck bringt: "Wen die Muse küsst, der darf sie nicht fragen: ,Du Nutte, bei wem warst du denn sonst noch?' Sonst wird sie nicht kommen." Deutliche Worte einer gewaltigen Persönlichkeit.

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