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"Ich weiß, ich bin ein Wortverschwender"
03.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Hans Wolf

m zehnten August 1862 um vier Uhr nachmittags drängte sich in Baden-Baden vor der bekannten ,Conversation' eine Menschenmenge." - Es bezeichnet den Rang eines Autors, wie er seine ersten Takte, wie er den Anfang setzt. Der Roman "Rauch" - in manchen Übersetzungen auch "Dunst" genannt - beginnt mit diesem Satz, und sein Autor, Iwan Turgenjew, ist ein Meister darin, den Leser mit seinen Eröffnungssätzen unmittelbar ins Geschehen einzuführen: "Die Wanduhr schlug halb eins; die Gäste hatten sich längst entfernt." So hebt die Novelle "Erste Liebe" an - Behaglichkeit stellt sich ein, womöglich ist Schlafenszeit. Die Stunde nach Mitternacht!

Die Stunde seiner Geburt kennen wir freilich nicht, wohl aber den Tag: Am 9. November 1818 wird Iwan Sergejewitsch Turgenjew auf dem Gut Spasskoje-Lutowinowo im Gouvernement Orjol als Nachkomme einer alten Adelsfamilie geboren. Sein Vater, Sergej Nikolajewitsch, war Kürassieroffizier und ein Schürzenjäger; er verfügte über nur wenig Grundbesitz und hatte seine Gattin, die Mutter des Autors, vermutlich ihres Reichtums wegen geheiratet. Die wesentlich ältere Warwara Lutowinowa besaß 20 Güter mit mehr als 5 000 Leibeigenen, die sie, eine strenge Tyrannin, wie toten Hausrat behandelte. Auch ihrem Sohn machte sie, bei aller Liebe, das Leben schwer; sie hielt ihn kurz und ließ ihn für den kleinsten Ungehorsam züchtigen. Dessen ungeachtet genießt der junge Iwan eine gute Erziehung; zu den von der Mutter eingestellten Lehrern zählt auch ein Sattler. Auf das Erlernen von Sprachen, Französisch und Deutsch, wird großen Wert gelegt.

1827 übersiedelt die Familie nach Moskau; Iwan kommt in eine Privatlehranstalt. Bereits mit 15 Jahren bezieht der frühreife Knabe die Moskauer Universität, wo er sich historisch-philologischen Studien widmet, wechselt aber - nachdem 1834 der Vater gestorben war - ein Jahr später an die Universität von St. Petersburg. Dort absolviert er den "vollen Lehrkursus" und schließt 1837 das Studium mit der Magisterprüfung und der Note "sehr gut" ab. Bedeutenden Einfluss auf ihn hat das darauffolgende Zwischenspiel: "Nachdem ich 1837 die Philologische Fakultät von St. Petersburg absolviert hatte, begab ich mich im Frühjahr 1838 zur Fortsetzung meiner Studien nach Berlin. Ich war erst neunzehn Jahre alt; von dieser Reise hatte ich lange geträumt." Die Berliner Universität, damals Hochburg der Hegel'schen Philosophie, zieht den jungen Adepten magnetisch an. Er vertieft sich in die Gedankenwelt Goethes und widmet dem "Faust" eine philosophische Studie. Sein gutes Deutsch ist in einigen seiner späteren Briefe bezeugt.

1841 kehrt er nach St. Petersburg zurück. Es schließt sich eine kurze Karriere als unbezahlter Beamter des Petersburger Innenministeriums an; 1845 nimmt er seinen Abschied und zieht sich ins Privatleben zurück. Bereits zwei Jahre zuvor wird in seinem Leben ein Markstein gesetzt: "Um die Osterzeit des Jahres 1843 [...] erschien ein nicht umfangreiches Poem eines gewissen T.L. mit dem Titel ,Parascha'. Jener T.L. war ich; mit diesem Poem betrat ich die literarische Bühne." "Parascha" ist eine von Turgenjews ersten Verserzählungen, und hier legt er auch ein erstes schriftstellerisches Bekenntnis ab, das von seinem nicht geringem Selbstbewusstsein zeugt: "Ich weiß, ich bin ein Wortverschwender, dem nicht leicht zu lauschen."

Sprachkunstwerke in magischen Sätzen

Von nun an beginnt die Produktion zu strömen. Die Verhältnisse in Russland, speziell in seiner familiären Umgebung, sind ihm unerträglich geworden: "Beinahe alles, was ich um mich herum sah, rief in mir ein Gefühl der Verwirrung, des Unwillens und letztlich der Abscheu hervor." Aus diesem Unmut heraus entstehen die "Aufzeichnungen eines Jägers", eine Sammlung von kleinen Genreskizzen, von Kurz- und Kürzestgeschichten, in denen sich schon ankündigt, was später zur Meisterschaft reift: Die Fähigkeit, den Worten und Sätzen eine sanfte Magie mitzuteilen, die im Leser Bilder hervorrufen, zarte Aquarelle gleichsam, vor dem Hintergrund eines Geschehens, in das der Leser mehr und mehr eintaucht. Diese Prosa strahlt etwas aus. Alle Kunstwerke von Rang sind gewissermaßen Gegen-Entwürfe des beschädigten Lebens, sind Gegenwelten.

In Turgenjews kunstvoll durchkomponierten Romanen und Erzählungen macht das kurze Hinhuschen einer Schwalbe einen ganzen Sommer, die Spur eines Fasans einen ganzen Winter. Die "Aufzeichnungen eines Jägers", 1852 als Sammelband erschienen, sind eines der ersten Werke der aufkommenden impressionistischen Richtung. "Aus den Wörtern muss man herausholen, was man kann, denn sie sind der einzige echte Schatz, den ein echter Schriftsteller besitzt", lässt Turgenjew einen Freund später wissen. Und in der Tat: Um etwas vom weichen Glanz und Atem, von der behutsamen Größe dieser Sprachkunstwerke vermittelt zu bekommen, müsste der nichtrussische Leser eigentlich russisch lernen und diese Werke im Original lesen. Die "Aufzeichnungen eines Jägers" sind zugleich eine detaillierte psychologische Studie; sie geben den leibeigenen Bauern, die in ihrer Humanität ihren herzlosen Herren weit überlegen sind, ein menschliches Gesicht. Die Prosaskizzen erregen großes Aufsehen und werden von der einheimischen Leserschaft als ein Schlag gegen das reaktionäre System der Leibeigenschaft empfunden; sie legen überdies den Grund zu Turgenjews Berühmtheit.

Zuvor hatte das Jahr 1843 den zweiten bedeutsamen Wendepunkt in seinem Leben markiert: Die Mezzosopranistin Pauline Viardot-Garcia, 22 Jahre alt und bereits im Zenit ihrer Laufbahn, gibt in St. Petersburg ein Gastspiel und lässt sich bei dieser Gelegenheit einen jungen Ministerialbeamten vorstellen. Turgenjew ist ihr vom ersten Augenblick an verfallen und nutzt fortan jede Gelegenheit, in ihrer Nähe zu sein. 1840 hatte Pauline den 21 Jahre älteren Pariser Theaterdirektor und Kunstschriftsteller Louis Viardot geheiratet, einen vermögenden Mann, der ihr in finanzieller Hinsicht Sicherheit bieten konnte.

Wo immer möglich, reist Turgenjew dem Ehepaar nach und lässt sich in dessen Nachbarschaft nieder, zunächst in Paris, dann, 1862, in Baden-Baden. Dort geht er mit den Viardots eine regelrechte Hausgemeinschaft ein. Im Thiergartenweg, der heutigen Fremersbergstraße, direkt neben dem Viardot'schen Wohnsitz, baut er sich eine prächtige Villa und steht mit den Eheleuten in regem Kontakt. Man veranstaltet Abende, liest, zeichnet und musiziert. Ob Turgenjew den Freund Viardot zum Hahnrei gemacht hat, steht dahin - eine Tochter Paulines stammt mutmaßlich von ihm. Freundschaftliche Beziehungen, persönlich oder per Korrespondenz, unterhält er auch zu den damaligen Größen der deutschen Literatur, zu Gustav Freytag, Berthold Auerbach und Theodor Storm. "Kommen Sie doch nach Baden", schreibt Turgenjew an Flaubert, "da sind die herrlichsten Bäume, die ich je gesehen." Acht Jahre währt dieses Oostaler Glück; der deutsch-französische Krieg setzt dem Idyll ein Ende. 1870 gibt Pauline die Parole aus: Unser Platz ist im Vaterland. Die Viardots kehren nach Paris zurück; wenig später, 1871, zieht Turgenjew ihnen nach.

In der Zwischenzeit wächst das Werk. Fünf größere Romane entstehen in dichter Folge. Zunächst, 1856, "Rudin", dann "Ein Adelsnest" (1859), "Vorabend" (1860), "Väter und Söhne" (1862) und schließlich "Rauch" (1867). "Rauch", ein in Baden-Baden spielender, geradezu aggressiver Gesellschaftsroman, fasst noch einmal alles zusammen, was Turgenjew an zeitkritischen Gedanken bisher zu Schreibpapier gebracht hat: Der Roman ist eine einzige Abrechnung mit dem verrotteten russischen Adel, dessen ganzes Tun darin besteht, sich täglich unter dem "arbre russe", dem russischen Baum, im Kurgarten zu treffen und am Roulettetisch das Geld zu verspielen, das die Leibeigenen in der Heimat mühsam erarbeitet haben. Im Grunde handelt es sich um eine brillante Satire - mit der Pointe, dass der Romanheld nicht an seinen radikalen Ideen, sondern an einer Frau scheitert.

Die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbringt Turgenjew in Bougival, nahe Paris, erneut in enger Nachbarschaft mit den Viardots, die dort eine Villa besitzen. Er pflegt Freundschaften mit den Koryphäen der französischen Literatur, mit Victor Hugo, Gustave Flaubert, Emile Zola und Guy de Maupassant. Die Gebrüder Goncourt zeichnen in ihren Tagebüchern ein anschauliches Bild von ihm: "Er ist ein prachtvoller Koloss, ein sanfter Hüne, wie ein gütiger Berg- und Waldgeist. Er ist schön, großartig schön mit der Bläue des Himmels in den Augen, mit dem Reiz des russischen Tonfalls." 1877 erscheint "Neuland", sein letzter Roman. Einer der Protagonisten ist ein junger Student, der lediglich aus wirklichkeitsfernem Idealismus revolutionär ist und am Ende ungeküsst stirbt.

Schon früh, um das 50. Jahr, hatte Turgenjew seine berühmte weiße Mähne bekommen. 1880 verliebt sich der 62-Jährige ein letztes Mal und schreibt der Angebeteten, einer jungen Schauspielerin, einen Brief, in dessen letzten Sätzen die ganze Melancholie des Alters anklingt: "Es stimmt mich unendlich traurig, dass diese wundervolle Nacht für immer verloren sein soll, ohne mich mit ihrem Flügel auch nur gestreift zu haben... Es tut mir leid um meinetwillen - und, wage ich hinzuzufügen - auch um Ihretwillen, denn ich bin gewiss, auch Sie könnten das Glück nicht vergessen, das Sie mir schenken würden..." Am Ende kehrt er zu seinen Anfängen zurück und verfasst kurze Prosaskizzen, die unter dem sprechenden Titel "Senilia" erscheinen. Noch immer gelingt es ihm, die treffenden Worte zu setzen. In Briefen an seine Freunde beklagt er seine Einsamkeit, sein "kaltes Alter".

Bekenntnis zur Heimat und zu Europa

Im März 1880 empfängt Turgenjew einen Brief von Flau-bert, der erfahren hat, "dass Sie Ischias haben. [...] Warum kann ich Ihnen nicht alle Blumen der Welt und des Lebens schicken?" Es war nicht Ischias. Turgenjew war Anfang der 1880er Jahre ernsthaft erkrankt; 1882 wurde ihm die letale Diagnose gestellt: Ein Liposarkom hatte Metastasen im Rückenmark gebildet; der Fall war hoffnungslos. Noch einmal legt er ein Bekenntnis zu seiner Heimat ab und beruft sich auf "jenes Europa, mit dem es" - Russland - "durch Herkunft, Sprache und Glauben so fest verbunden ist." Und kurz darauf: "An Tagen des Zweifels bist du allein mir Stütze und Trost, du große, gewaltige, wahrhafte und freie russische Sprache." Einem Freund schreibt der Sterbenskranke: "Wenn Sie nach Spasskoje kommen, grüßen Sie mein Haus, meinen Garten, meine junge Eiche. Grüßen Sie mein Heimatland, das ich wohl nie mehr wiedersehen werde..." Er hat es nicht wiedergesehen. Am 3. September 1883 ist Turgenjew in Bougival gestorben. Drei Wochen nach seinem Tod wurde sein Leichnam nach St. Petersburg überführt. Ein Trauerzug von nahezu drei Kilometern Länge folgte dem Sarg.

Der 9. November, der Tag seiner Geburt, ist auch ein deutscher Schicksalstag; es empfiehlt sich, einen Moment innezuhalten und eines Mannes zu gedenken, der den europäischen Gedanken nicht nur gedacht und beschrieben, sondern auch gelebt hat, und dem seine eigene Nationalität nie abhanden gekommen ist.

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