Feinfühliger Berserker
Feinfühliger Berserker
27.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Soll man ihn überhaupt noch ausstellen? So fragte man sich im Kunsthaus Zürich lange Zeit. Auch nach der Entscheidung für die Schau schwang vorübergehend noch Skepsis mit. Die großen Ausstellungen 1927, 1947 und 1966 konnten kein Argument für den Maler sein, denn: War seine Kunst nicht allzu zeittypisch? Waren seine Themen noch relevant für die Gegenwart? Zur Unterstützung wurde ein internationaler Beirat gegründet - und am Ende eine sorgfältige Auswahl an Werken aus dem umfangreichen Å’uvre des enorm produktiven Künstlers getroffen. Die man mit ihren gut 100 häufig großformatigen Gemälden und ebenso vielen Arbeiten auf Papier immer noch überbordend nennen könnte.

Und da ist er nun: Oskar Kokoschka. Der Koloss, der Riese, wie sich zeigt, als Maler wie als Zeichner. So dass sich Christoph Becker, der Direktor des Kunsthauses Zürich, im Vorwort des Katalogs zur Retrospektive in seinem Haus zu Recht darüber freut, das Publikum "an unserem Staunen" teilhaben zu lassen. Über diesen feinfühligen Berserker und seine ebenso "ungestüme, verstörende wie sensible und geradezu verletzliche Kunst".

Das ist so schön gesagt wie wahr, und wer die Ausstellung, die im Frühjahr ins Wiener Leopold Museum wandert, gesehen hat, wird keine Sekunde zögern, den 1980 hochbetagt verstorbenen Österreicher zu den maßgeblichen Gestalten der Kunst des 20. Jahrhunderts zu zählen. Wird nicht umhinkönnen, ihn mit seiner ganz andersartigen Kunst auf eine Stufe mit Ernst Ludwig Kirchner zu stellen. Künstler wie Georg Baselitz und Herbert Brandl berufen sich heute auf ihn. Und eigentlich müsste das Bad Painting der Gegenwart in ihm seinen Ahnherrn erkennen. In diesem vorzüglichsten, delikatesten Bad Painting, in dem sich der Maler nach der langen expressionistischen Periode phasenweise gefiel.

Der Parcours folgt der Chronologie. Und das Staunen, die Begeisterung findet von der ersten Sekunde an Anknüpfungspunkte. Wann hat man je ein derart kraftvolles Frühwerk bewundern dürfen? Natürlich fällt einem sofort Schiele ein, doch im Verhältnis der beiden darf Kokoschka zeitliche Priorität und Originalität beanspruchen. Schiele, das Riesentalent, so scheint es, hat an dem drei Jahre Älteren Maß genommen - nicht umgekehrt. So zeigen die Zeichnungen beider erstaunliche Ähnlichkeit: in der Wahl des Aktmotivs, der eckig-kanntigen Linienführung der Konturen und dem ausdrucksstarken Habitus der Figuren. Noch an der Schwelle zum Expressionismus entstehen frühe Meisterwerke in Öl-Porträts von Bessie Bruce und Adolf Loos etwa oder die mit tiefer Empathie gemalten, ausdrucksstarken "Spielenden Kinder". Gemälde wie eine "Ungarische" (1908) oder die "Dolomitenlandschaft" von 1913, das "Stillleben mit Hammel und Hyazinthe" hatte man bis dato noch nicht gesehen.

Nach dem Krieg malte



er prominente Politiker

Früh erwirbt sich Kokoschka, der auch expressionistische Dramen schreibt, den Ruf eines Wiener "Oberwildlings". Befreundet mit Adolf Loos und Karl Kraus, porträtiert er Arnold Schönberg und Anton von Webern - und stürzt sich 1912 in eine konfliktgeladene Beziehung zu der sieben Jahre älteren Alma Mahler. 1915 sucht sich der Kriegsfreiwillige aus der Bindung zu befreien. Nach dem Ersten Weltkrieg ist er Professor in Dresden - und flüchtet aus der Routine des Amts gern in Reisen, malt dabei viele Landschaften.

1937, im Prager Exil, gibt er mit seinem "Selbstbildnis als ,entarteter Künstler'" - Bad Painting mit wildem Pinselstich - der Einschätzung Hitlers, für den er der erklärte "Kunstfeind Nr. 1" ist, spöttisch recht. Im nationalsozialistischen Deutschland wurden Hunderte Werke von ihm aus den Museen entfernt. Kokoschka emigriert nach Prag, flüchtet 1938 schließlich nach London. Er malt so bitterböse und vieldeutige Zeitkommentare wie "Das rote Ei" (1940/41), "Loreley" oder "Anschluss - Alice im Wunderland" (beide 1942).

Nach dem Krieg gründet Kokoschka eine Sommerakademie in Salzburg und porträtiert als Prominentenmaler Konrad Adenauer und Pablo Casals - oder 1949 Theodor Körner, den späteren ersten Bundespräsidenten Österreichs. Als freie Malerei am Rande zur Abstraktion sind "Die Frösche" von 1968 farblich und malerisch so delikat wie ein Monet'scher Seerosenteich. Zu den Highlights der Ausstellung zählen die beiden gewaltigen Triptychen "Thermopylae" und "Die Prometheus Saga". So wie Kokoschka darin die zeitgeschichtliche Perspektive im Blick auf den Mythos und die Antike weitet und vertieft, gewinnen weiträumige Stadtansichten wie "Berlin - 13. August 1966" und "London mit den Houses of Parliament" (1967) eine geradezu endzeitliche Note. Der chaotische Anblick, den die beiden Metropolen gewähren, ist bei Kokoschka durchsichtig auf die Apokalypse. Bis 10. März 2019.

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