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Kleine Lehrstunde in Populismus
Kleine Lehrstunde in Populismus
11.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Nike Luber

Was vor elf Jahren für das anspruchsvolle Londoner Westend heraus gebracht wurde, kann man guten Gewissens auch im Festspielhaus Baden-Baden zeigen. Bis zum Sonntag läuft dort eine absolut professionell gemachte Produktion des Musicals "Evita", die zwei Dinge deutlich macht. Zum einen, wie perfekt sich die Musik von Andrew Lloyd Webber und die Texte von Tim Rice ergänzen. Und zum anderen, wie zeitlos die Story ist von dem ehrgeizigen Mädchen, das nur seine Schönheit und seinen Verstand zur Verfügung hat, um sich einen Platz unter den oberen Zehntausend zu erkämpfen. Nebenbei bietet "Evita" eine wunderbare Lehrstunde zum derzeit so beliebten Thema Populismus.

Dass diese "Evita" schon seit elf Jahren erfolgreich läuft, merkt man ihr nicht an. Temporeich und schwungvoll wird gesungen, getanzt und gespielt, nahtlos gehen die Szenen ineinander über. Die collageartigen Ausschnitte aus wesentlichen Momenten im Leben und Sterben Eva Per ons werden von der Figur des Revolutionärs Che Guevara zusammen gehalten und sarkastisch kommentiert. Glenn Carter macht das herrlich souverän, als Spötter, der im Geschehen steht und doch zugleich den Blick von außen beibehält. Außerdem singt der erfahrene Musicaldarsteller seine Kommentare mit einer ausgesprochen schönen Stimme. Seine unerschütterliche Musikalität trägt ihn auch sicher durch die zahlreichen rhythmischen Vertracktheiten seiner Rolle.

Natürlich steht und fällt "Evita" mit der Darstellerin der Titelpartie. Lucy O'Byrne ist so zierlich wie die historische Eva Peron, und sie vermittelt überzeugend die Willenskraft, aber auch die Skrupellosigkeit, der Evita. Das bringt die Sängerin schon in der Begegnung der 15-jährigen Evita mit dem Tangosänger Agostin Magaldi zum Ausdruck, da klingt in ihrer Stimme die Schärfe und der Biss einer entschlossenen Karrierefrau durch. Nicht, dass es diesen Begriff im Argentinien der 1940er Jahre gegeben hätte.

Wenige, aber geschickt gestaltete und sehr bewegliche Kulissen reichen als Hintergrund für den rasanten Aufstieg der cleveren Göre aus der Provinz. Gekonnt nutzt Evita Männer mit Wohlstand und Einfluss für ihre Karriere. Dass ihre erste Begegnung mit Juan Perón etwas anderes, besonderes, ist, vermitteln Lucy O'Byrne und Mike Sterling überzeugend. Die Frau mit der eigenen Radiosendung und der Mann mit politischen Ambitionen, die Medien und die Macht, sie brauchen und bedingen einander, daran hat sich nichts geändert.

Gekonnt stellt Lucy O'Byrne die Ambivalenz dieser Evita dar, die Gegner aus dem Weg räumen lässt, die verarmten Massen manipuliert und sich in ihrer Selbstdarstellung von der wenig respektierten Schauspielerin zur Heiligen wandelt. "Don't cry for me Argentina" ist sozusagen der musikalische Heiligenschein über dem blonden Haupt Evitas. O'Byrne singt das Stück in überwiegend leisen Tönen, was sehr effektvoll den Eindruck einer dem Irdischen fast entrückten Madonna bewirkt. Jenseits solcher öffentlichen Auftritte erlebt man in dieser Produktion natürlich auch die andere Evita, die tobt und faucht, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft. Ganz erfolgreiche Populistin, verteilt sie publikumswirksam Wohltaten an die Armen, die sie dafür verehren.

Mit 26 die strahlende, wenn auch nicht unumstrittene First Lady Argentiniens, was fehlt dann noch, um zur Legende zu werden? Genau, ein frühes Ableben. O'Byrne spielt auch diesen Teil glaubhaft. Die Schmerzen, die Auflehnung, das Sterben.

Und Mike Sterling als Peron lässt in seiner Darstellung durchblicken, dass sich der Präsident ohne seine clevere Gattin nicht mehr lange an der Macht halten wird. Bis hin zum gebührend pompös inszenierten Staatsbegräbnis läuft diese "Evita" wie am Schnürchen, ohne dass man den Eindruck bekommt, es handle sich um Routine.

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