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"Ich beobachte Menschen sehr genau"
'Ich beobachte Menschen sehr genau'
25.01.2019 - 00:00 Uhr
Charlotte Link (55) ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen. 28,5 Millionen Bücher hat sie bisher allein in Deutschland verkauft. Ihre Krimis werden in viele Sprachen übersetzt, viele sind verfilmt worden. Die in Frankfurt geborene Bestseller-Autorin liefert fast jedes Jahr einen neuen Roman, der sofort auf den oberen Plätzen der gängigen Charts auftaucht. Ein großes Echo fand 2014 auch ihr bewegender Bericht über die Krebserkrankung und den Tod ihrer Schwester Franziska ("Sechs Jahre - Der Abschied von meiner Schwester").

Gestern Abend hat die Autorin und engagierte Tierschützerin im Casino Baden-Baden ihren neuen Thriller "Die Suche" vorgestellt. Zuvor gab Charlotte Link dem Badischen Tagblatt Auskunft über ihre streng organisierte tägliche Arbeitszeit, über präzise Themenplanung und über ihr Interesse an Menschen, die sie "sehr genau" beobachtet. Die meisten ihrer Figuren finde sie im richtigen Leben, sagt Link im Interview mit BT-Redakteurin Sabine Rahner.

Interview

BT
: Frau Link, Sie veröffentlichen mit frappierender Regelmäßigkeit einen Bestseller nach dem anderen. Wie sieht denn Ihr Schreiballtag aus: Haben Sie feste "Bürostunden" à la Thomas Mann oder gestaltet sich der Arbeitsprozess bei Ihnen eher spontan?

Charlotte Link: Ich habe ganz feste Zeiten - ich glaube auch, dass die meisten Autoren ziemlich geregelt arbeiten. Ich fange um acht Uhr morgens an, sobald mein Mann und meine Tochter das Haus verlassen haben. Ich habe für mich selbst die Vorgabe, zwei Seiten im Computer täglich zu schreiben. Manchmal bin ich mittags damit fertig. Manchmal dauert es bis zum Abend.

BT: Pflegen Sie bestimmte Rituale bei der Arbeit?

Link: Ich trinke literweise Ingwerwasser während ich arbeite. Und ich habe meine drei Hunde bei mir. Die Hundekörbchen bilden eine Art Wagenburg um meinen Schreibtisch herum. Ich höre das leise Atmen der Tiere und es beruhigt mich.

BT: Haben Sie die Story von Anfang an detailliert durchgeplant oder gibt es während des Schreibens auch für Sie noch überraschende Entwicklungen?

Link: Ich plane die Story genau im Voraus, aber ich weiß dabei, dass ich diesen Plan immer wieder verändern werde. Die Figuren haben ihre eigene Entwicklung, und auch mancher Handlungsverlauf, der sich in der Planung gut anhört, funktioniert beim Schreiben dann eben doch nicht. Diese überraschenden Wendungen machen meine Arbeit sehr lebendig und spannend.

BT: Um eine Krimihandlung fesselnd zu halten, braucht man schillernde, undurchsichtige, widersprüchliche Figuren. Die gibt es bei Ihnen reichlich. Finden Sie solche Charakterzüge im realen Leben oder schauen Sie auch mal in psychologische Fachbücher?

Link: Vorwiegend finde ich sie im realen Leben. Ich beobachte Menschen sehr genau, solche, die ich kenne, aber auch Fremde, über die ich mir dann meine eigenen Gedanken mache. In Fachbücher schaue ich natürlich auch immer wieder, vor allem, wenn es um Krankheitsbegriffe aus der Psychologie geht. Da sichere ich mich immer ab.

BT: Warum eigentlich Großbritannien? Könnten Sie sich auch einen Charlotte-Link-Thriller in einem hessischen Dorf vorstellen?

Link: Schwer. Nicht, weil ich hessische Dörfer nicht mögen würde. Aber ich habe eine sehr besondere Liebe und Hinwendung zu Großbritannien, zu der Sprache, der Landschaft, zu den Menschen. Dadurch arbeitet dort meine Inspiration am besten.

BT: In ihrem jüngsten Buch "Die Suche" steht erneut die Londoner Scotland-Yard-Polizistin Kate Linville im Blickpunkt: Wird diese unauffällige, von Zweifeln geplagte Ermittlerin eine neue Serienheldin werden?

Link: Eigentlich ist sie es schon, denn sie ist zum dritten Mal in einem Buch aufgetaucht, und da kann man schon fast von einer Serie sprechen. Kate fasziniert mich, weil sich in ihr großes ermittlerisches Potenzial und hohe kriminalistische Begabung mit einem desaströsen Selbstwertgefühl mischen. Sie stellt sich permanent selbst ein Bein, macht sich das Leben ungeheuer schwer, löst aber am Ende mit klarer Intuition und großem Mut die Fälle. Ich werde sie sicher noch eine Weile begleiten.

BT: Sie stellen dieses Buch jetzt in Baden-Baden vor. Was bedeutet Ihnen die Begegnung mit ihren Lesern?

Link: An diesen Begegnungen hänge ich sehr. Das sind die Menschen, für die ich schreibe, und über deren Begeisterung und Treue ich sehr glücklich bin. Ich mag die direkte Kommunikation mit ihnen, die bei einer Lesung entsteht.

BT: Frau Link, Sie haben auch historische Romane und Jugendbücher geschrieben: Können Sie sich für die Zukunft einen Wechsel in eine andere literarische Richtung vorstellen?

Link: Vorstellbar ist das immer. Im Moment spüre ich jedoch nicht den Wunsch nach einem Richtungswechsel.

BT: Gibt es für Sie eine Quintessenz Ihrer Erfahrungen als Schöpferin von Figuren, die zu Opfern oder zu Tätern werden?

Link: Meine Erfahrung aus der Beschäftigung mit der Täter/Opfer-Frage ist, dass es unglaublich viele vorstellbare und auch nahezu unvorstellbare Varianten in den Lebensläufen von Menschen gibt, aus denen heraus sie Täter oder Opfer oder Mittäter oder wegschauender Zeuge oder, oder, oder werden können. Jenseits bestimmter Stereotypen, die immer funktionieren, ergeben sich sehr unterschiedliche Möglichkeiten, die aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit absolut faszinieren, aber eben doch im Rückblick von einer zwingenden Logik sind.

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