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Ohne die Freundin "keine Luft zum Atmen"
Ohne die Freundin 'keine Luft zum Atmen'
31.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Rahner

"Ich bin nur glücklich, wenn mir eine Frau ihren Absatz ins Genick setzt und mich mit der Nase in den Dreck stößt" - wer sagt denn sowas? Die Selbstbezichtigung stammt von Iwan Turgenjew, der diese Zeilen 1856 seinem Dichterfreund Afanassi Fet aus Paris nach Russland sandte. Welche Frau er dabei im Auge hatte, ist eindeutig: Pauline Viardot-Garcia, die berühmte Sängerin, Komponistin, Gesangslehrerin und Salonnière. Turgenjew und die Viardot - ihre lebenslange, außerordentliche Freundschaft steht immer im Mittelpunkt, wenn die Rede auf den einen oder die andere kommt.

Glücklich, wenn er



ihren Schal tragen darf

Dabei war es eine Dreiecksbeziehung: Mit Louis Viardot, einem vermögenden, rund 20 Jahre älteren Impresario, war die spanische Künstlerin verheiratet. Er nahm ihr als Agent die Geschäfte ab. Ihr Mann habe nur einen einzigen Fehler, schrieb die Viardot einmal an eine Freundin, es fehle ihm "die Frische des Gemüths". Der Geduldige ließ vielleicht deshalb die beiden Seelenverwandten - meistens jedenfalls - gewähren. Er verbrüderte sich sogar mit seinem Nebenbuhler. Nach gemeinsamen Jagdausflügen sollen Viardot und Turgenjew friedlich nebeneinander am Kamin geschnarcht haben.

Die Berliner Autorinnen Ursula Keller und Natalja Sharandak haben jetzt - nach Büchern über Tolstoi, Sofja Tolstaja oder Madame Blavatsky - dieser besonderen Verbindung ihr neues Buch gewidmet. Die sehr gut lesbare Doppelbiografie ist ein umfassendes Zeitgemälde, das die herausragende Position von Madame Viardot nicht nur für die musikalische Welt damals erläutert und auch Turgenjews epochale Werke würdigt. Die beiden Autorinnen schildern diese "außergewöhnliche Liebe" und das gesamte prominente Umfeld, in dem sie sich abspielte, mit wissenschaftlicher Akribie und literarischer Eleganz.

Vom Briefwechsel sind nur Turgenjews Schreiben erhalten, ihre eigenen hat die Viardot vernichtet. Wer sich mit Pauline Viardot noch intensiver beschäftigen will, der ist mit Beatrix Borchards 2016 erschienener, sehr umfassender Biografie "Fülle des Lebens" (Böhlau Verlag) bestens bedient.

Turgenjew, der immer so positiv dargestellte "sanfte Riese" - freundlich, belesen, vielsprachig, ausgeglichen, weltmännisch, elegant, großzügig und humorvoll soll er gewesen sein - bekommt nun in dem neuen Buch ein bisschen mehr individuelle Kontur. Die beiden Autorinnen haben auch seine Krisenjahre so weit wie möglich recherchiert, in denen er weit weg von Pauline Viardot in Russland das freie Leben eines reichen Müßiggängers führen konnte, aber nie glücklich war.

Seit er Pauline Viardot-Garcia 1843 in St. Petersburg kennengelernt hatte, folgte er der umjubelten Sängerin wie ein Schatten. Er vermerkte glücklich, wenn er ihren Schal tragen oder ihre Handschuhe reinigen durfte. Er gab ihr Russisch-Unterricht und mietete sich in Paris in Nachbarhäuser ein. Er verbrachte soviel Zeit in ihrer Umgebung, dass er schon bald als Familienmitglied galt.

Zwischen 1852 und 1856 war Turgenjew aus politischen Gründen auf sein Gut Spasskoje verbannt, so richtig einverstanden war die russische Obrigkeit mit dem westlich orientierten Schriftsteller ja nie. In diesen Jahren hat er wohl versucht, eine ungebundene Frau zu finden - so umwarb er unter anderem Tolstois Schwester Maria - doch hat Iwan Sergejewitsch stets rechtzeitig den Rückzug angetreten und sich nie in die Nähe einer Heirat begeben. Er hatte eine uneheliche Tochter, die im Haushalt von Pauline Viardot erzogen wurde. Auch sonstige Affären, von denen Turgenjew seinen Freunden berichtet, scheinen nicht geschadet zu haben.

Pauline Viardot hatte als reisende Künstlerin zunächst nur eine kleine Tochter, die beiden weiteren Töchter und der Sohn Paul kamen erst relativ spät zur Welt, nachdem sie sich von der Bühne zurückgezogen hatte. In dieser Familienphase zeigte sie dem russischen Freund vorübergehend die kalte Schulter, wohl auch, weil Louis Viardot um Abstand gebeten hatte. Möglicherweise hatte sie auch selbst andere Affären.

Verliebter



Lauschangriff

Doch mit dem Hauskauf 1862 in Baden-Baden nahm die Ménage-à-trois wieder Fahrt auf. Turgenjew kam als Sommergast an die Oos und baute sich dann rasch ein Haus neben den Viardots, die heute noch erhaltene Villa Turgenjew an der Fremersbergstraße.

Einmal schrieb er an Pauline: "Ihre Abwesenheit fügt mir körperlichen Schmerz zu", es sei ihm vollkommen unmöglich, ohne sie zu sein. "Es ist, als hätte ich keine Luft zum Atmen." Ähnlich äußert er sich in vielen Briefen an seine Freunde. Später, in Paris, lässt er sich einen "Hörkanal" ins gemeinsam bewohnte Haus einbauen, so dass ihr Musikzimmer mit seinem Arbeitszimmer verbunden ist. "Turgenjews Ohr" nennt die Viardot diesen verliebten Lauschangriff. Allerdings notiert der Schriftsteller unbestechlich, dass ihre Stimme jetzt völlig zerrüttet sei.

Pauline Viardot hat beide Männer im selben Jahr verloren: Ihren Ehemann Louis im Mai, ihren lange leidenden Seelenfreund im September 1883. Turgenjew hat der Freundin sein gesamtes Vermögen und die Rechte an seinen Werken vermacht. Pauline Viardot lebte noch bis 18. Mai 1910 in Paris.

Ursula Keller, Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot - Eine außergewöhnliche Liebe. Insel Verlag, 278 Seiten, 25 Euro.

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