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Rebell gegen Borniertheit und Intoleranz
11.02.2019 - 00:00 Uhr
Auch wenn das Alter ihm zunehmend zu schaffen machte - auf die Arbeit wollte Tomi Ungerer nicht verzichten. "Wenn man aufhört zu denken und zu arbeiten, dann wird man alt", sagte er einmal. Vor zwei Jahren, zur Feier seines 85. Geburtstags, spottete der Zeichner, Autor und Buchillustrator entspannt mit der Zigarette in der Hand über seine Krebserkrankung. "Tumor mit Humor", sagte Ungerer.

Nun hat ihm die Krankheit den Zeichenstift aus der Hand genommen. In der Nacht zu Samstag starb Tomi Ungerer mit 87 Jahren im Haus seiner Tochter in Irland. Dass er zuletzt auf einem Auge erblindet war, hatte seinen Tatendrang nicht gebremst. Er kämpfte leidenschaftlich mit bitter-bösen Karikaturen gegen Intoleranz und Borniertheit, Heuchelei und Rassismus an.

"Ich bin ein



Aufzeichner"

Der am 28. November 1931 in Straßburg geborene Künstler hinterlässt ein immenses Lebenswerk. Schätzungsweise 40 000 Zeichnungen und Skizzen hat er zu Papier gebracht und über 140 Bücher herausgegeben. Seine gut 30 Kinderbücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Auch über seine Kindheit im von Nazi-Deutschland annektierten Elsass hat Ungerer geschrieben und über die Suche nach seinem früh verstorbenen Vater, den er kaum kannte. "Ich zeichne, was ich schreibe. Ich schreibe, was ich zeichne. Ich bin ein Aufzeichner", sagte Ungerer über sein Schaffen. Was er sah in der Welt, hat den hochgewachsenen Elsässer oft mit Wut erfüllt. Mit spitzer Feder und beißenden Kommentaren prangerte er Kriege an, Armut in Afrika, Fremdenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Atomkraft, Puritanismus und Heuchelei.

Vor allem mit dem bürgerlich-protestantischen Moralismus, der seine Jugend geprägt hatte, rechnete er ab. Aus dem altindischen Lehrbuch der Liebeskunst machte er "Das Kamasutra der Frösche" - in Deutschland sein erfolgreichstes Buch für Erwachsene. Mit gewagten, manchmal fast obszönen Sado-Maso-Fantasien oder der Darstellung nackter, üppiger Frauen in provozierenden Posen zog er sich immer wieder den Zorn von Moralaposteln oder Frauenrechtlerinnen zu. Den Elsässer, der sich selbst einen "Erotomanen" nannte, focht das nie an. Nicht er sei pervers, sondern eine Gesellschaft, die Erotik zu Sex degradiere, konterte er. In seinem Straßburger Museum hängen die erotischen Zeichnungen nach wie vor im Untergeschoss.

Ungerers Lebenslauf liest sich wie ein Märchen. Nach einem verpatzten Abitur trampte der Spross einer angesehenen Uhrmacherfamilie zuerst durch Europa, studierte an der Straßburger Kunsthochschule, von der er schließlich flog, und jobbte als Dekorateur. 1956 schiffte er sich mit 25 Jahre nach New York ein - mit 60 Dollar in der Tasche und einer Kiste voller Zeichnungen. Dort nahm seine Karriere ihren Anfang. 1957 erschien die Kinderbuchreihe von der Schweinefamilie Mellops, die zu einem Bestseller wurde. Rasch machte sich Ungerer auch als Werbegrafiker einen Namen. Die bissigen Karikaturen über die New Yorker Schickeria und die Plakate gegen den Vietnam-Krieg gehören noch heute zu seinen Meisterwerken.

In den 70er Jahren zog Ungerer sich mit seiner Frau Yvonne zunächst in die kanadische Wildnis zurück und später nach Irland, wo seine drei erwachsenen Kinder noch immer leben. Der Elsässer entwickelte in diesen Jahren eine geradezu unglaubliche Arbeitswut. Es entstanden neue Kinderbücher, darunter der Welterfolg "Kein Kuss für Mutter", "Das große Liederbuch" und Skizzen aus dem Hamburger Prostituiertenmilieu "Schutzengel der Hölle".

Seit den 80ern kehrte der mit zahlreichen Preisen und Orden - darunter die Ehrenmedaille der Stadt Karlsruhe - ausgezeichnete Künstler häufig nach Straßburg zurück. Dort setzte er sich für den Erhalt der elsässischen Mundart ein, die er selbst mit Vorliebe sprach.

Mit seinen Späßen hat Ungerer auch vor dem Tod nicht halt gemacht. Bei seiner Beerdigung wolle er dabei sein, sagte er kurz vor seinem 85. Geburtstag - stirnrunzelnd. "Im Sarg!", rief er schließlich, als sei damit nun alles klar. Sein Hu mor, der sei eben schwarz. "Die anderen Farben kommen nachher." Tatsächlich ist sein Werk häufig aber sehr bunt und fröhlich.

Er selbst freute sich besonders über ein Gebäude, das er entworfen hatte: "Wenn man mich fragt, welches Werk hat mir die größte Freude beigebracht, dann würde ich sagen, es ist der Katzenkindergarten in Karlsruhe." Das Haus hat die Form einer Katze: Die Augen sind zwei runde Fenster, unter der Nase mit Metallschnurrhaaren geht es durchs Maul ins Innere. Der Katzenschwanz ist eine Rutsche.

Die schweren Krankheiten, die Ungerers letzte Lebensjahre belasteten, konnten seinen Tatendrang nicht bremsen. Unter dem Eindruck mehrerer Herzinfarkte machte Ungerer sich Gedanken über den nahenden Tod. "Der Tod ist lebenswert", ironisierte er. "Das Leben ist eine Schule, der Tod die großen Ferien". (AFP/dpa)

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