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Die Aufgabenfelder werden mehr
14.03.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Vor mehr als 42 Jahren gehörte der damalige Landrat des Kreises Ludwigshafen, Dr. Paul Schädler, zu den Initiatoren zur Gründung der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage - kurz KABS. Als Ziel hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben, die Schnakenplage im Bereich der Oberrheinebene unter Schonung der Umwelt mit ökologisch vertretbaren Maßnahmen einzudämmen. 2019 hat Schädler das Präsidentenamt der KABS an Hartwig Rihm, den früheren Bürgermeister von Au am Rhein, übergeben. Im Doppelinterview mit BT-Redakteur Florian Krekel sprachen beide über vergangene und zukünftige Herausforderungen, die Entwicklung von Stoffen zur Schnakenbekämpfung und den Stellenwert von Umweltfaktoren.

Interview

BT: Herr Schädler, Sie waren mehr als 40 Jahre in der KABS aktiv und waren ihr Initiator. Was waren die größten Herausforderungen in der Zeit?

Dr. Paul Schädler: Eine große Herausforderung ergab sich gleich am Anfang, als insbesondere Wissenschaftler des Zoologischen Instituts der Universität Heidelberg gegen die von uns geplante chemische Bekämpfung zu Felde zogen. Die Bürgermeister der KABS wollten sich über diese Proteste hinwegsetzen und ,es denen mal zeigen'. Ich habe damals bei den Bürgermeistern durchgesetzt, dass wir auf die Heidelberger Wissenschaftler zugegangen sind. Diese wollten übrigens nicht die Bekämpfung vereiteln, sie waren vielmehr bemüht, einen ökologisch vertretbaren Weg zu finden. Wir haben dann die chemische Bekämpfung eingestellt, einstellen müssen, weil auch der Bekämpfungsstoff Fenethcarb nicht mehr zu Verfügung stand und haben mit den Heidelberger Wissenschaftlern einen Weg gefunden. Der bestand darin, dass wir auf die Brutstätten ein Lezithin-Öl-Gemisch ausgebracht haben, wodurch die an der Oberfläche des Wassers schwimmenden Larven durch den gleichfalls an der Oberfläche schwimmenden Ölteppich abgetötet wurden. Die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern der Universität Heidelberg hat sich dann bis zum heutigen Tag fortgesetzt, und sehr zum Erfolg der KABS beigetragen.

BT: Blieb das der einzige Protest?

Schädler: In den letzten Jahren gab es kritische Angriffe von Wissenschaftlern der Universität Landau, die den Standpunkt vertraten, BTI (Eiweißstoff aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis israelensis zur Schnakenbekämpfung, Anm. d. Red.) töte nicht nur die Schnakenlarven ab, sondern gefährde vielmehr auch andere Lebewesen im Wasser, wie etwa Frösche. Die KABS konnte diese Angriffe abwehren, aber die Politik wurde aufgeschreckt. Kritik von einer Universität ist für die KABS nicht ungefährlich. Wenn von einer Universität Bedenken gegen die Schnakenbekämpfung, insbesondere gegen die Anwendung von BTI geäußert werden, reagieren jetzt Politiker gelegentlich "populistisch". Sie stehen auf dem Standpunkt, ,da wird vielleicht doch was dran sein'. Die Kritik war völlig unbegründet und unsachlich.

BT: Wie schmal ist denn der Grat zwischen Schnakenbekämpfung einerseits und dem Erhalt der Nahrung für Vögel und Tiere, die eben jene Schnaken fressen, andererseits?

Schädler: Die Behauptung, die Schnakenbekämpfung gefährde die Nahrungskette für Vögel ist unbegründet. Wissenschaftler der KABS haben Jungvögel in den Nestern untersucht und dabei festgestellt, dass Schnaken nur eine untergeordnete Rolle bei der Nahrung darstellen. Dass die Anwendung von BTI für die Nahrungskette ungefährlich ist, ergibt sich auch aus der Tatsache, dass Schnaken abends ausfliegen, zu einer Zeit, zu der Vögel in den Nestern sind.

BT: Ist das BTI dann sozusagen so etwas wie der "Heilige Gral" für die Schnakenbekämpfung oder wird man in Zukunft weiter forschen müssen? Gibt es vollkommen natürliche Lösungen?

Schädler: Nein, BTI ist nicht der Heilige Gral, aber ein außerordentlich wirksames und ökologisch absolut vertretbares Bekämpfungsmittel. BTI ist ein natürliches Bekämpfungsmittel oder die natürliche Lösung. Im Boden finden sich Bakterien mit einem bestimmten Protein. Wenn man das Bakterium züchtet, züchtet man auch dieses Protein. Das Protein wirkt auf Mückenlarven tödlich, andere Insekten werden nicht beeinträchtigt.

BT: Herr Rihm, kommen wir zur Zukunft der KABS, deren neuer Präsident Sie sind. Wo liegen die Herausforderungen in den kommenden Jahren?

Hartwig Rihm: Eine der Hauptaufgaben wird es sein, eine sichere und wissenschaftlich begleitete Schnakenbekämpfung zu gewährleisten, die auch für die betroffenen Kommunen wirtschaftlich bleibt. Hinzu kommt, da die erste Generation der Schnakenbekämpfer ins Rentenalter kommt, unseren fachlich qualifizierten Personalstamm zu verjüngen. Auch muss unsere Öffentlichkeitsarbeit intensiviert werden, damit die bisher erarbeiteten Forschungsarbeiten mehr ins öffentliche Bewusstsein gelangen. Eine breite Information der Bevölkerung ist erforderlich, um noch bessere Ergebnisse in der Bekämpfung zu erzielen, da deren Mitwirkung gerade bezüglich der Hausschnake und neuerdings auch der Buschmücken erforderlich ist. Auch sichern wir für das Land die Bekämpfung der Schnaken in den Polderflächen für den Hochwasserschutz entlang des Rheins. Nur dann ist auch eine angemessene Akzeptanz bei den betroffenen Gemeinden für diese Polderflächen mit ökologischen Flutungen gegeben.

BT: In den Tropen und Subtropen sind Stechmücken Überträger gefährlicher Krankheiten, wie Malaria, Dengue- und Gelbfieber, Wurmerkrankung und Enzephalitis. Welchen Stellenwert hat die Gefahr der Krankheitsübertragung bei der Schnakenbekämpfung durch die KABS? Ist das ein zukünftiges Problem?

Rihm: Bereits seit zehn Jahren beobachtet und erforscht die KABS die Einwanderung der invasiven Schnakenarten, wie etwa die asiatische Tigermücke. Dies stellen wir entlang den Autobahnen aber auch an allen anderen Transferplätzen fest. Ebenso werden diese exotischen Schnaken auch durch Warenimporte und Personenverkehr aus befallenen Gebieten begünstigt. Auch der Klimawandel fördert die Entwicklung der invasiven Mücken, die unter Umständen auch ein Gesundheitsrisiko mit sich bringen. Daher ergibt sich aus dieser Erkenntnis ein neues Aufgabenfeld, da wir sowohl das Fachpersonal wie auch die Mittel zur Bekämpfung dieser Schnaken besitzen. Dabei kommt der Zusammenarbeit mit den Gesundheits- und Ordnungsämtern große Bedeutung zu. Der Tourismus stellt noch eine weitere Quelle zur Einschleppung von mückenübertragenen Krankheiten dar.

BT: Über die Jahre hinweg wird durch die biologische Stechmückenbekämpfung mit BTI eine durchschnittliche Reduktion der Rheinschnakenpopulation von 95 Prozent erreicht. Ist das eine Art Zielmarke? Oder wo ist das Ziel - bei 100 Prozent?

Rihm: Die Rheinschnaken auszurotten, war und ist noch nie Ziel der KABS gewesen, zumal dies auch nach unserer fachlichen Meinung unmöglich wäre. Dieses kleine Insekt verfügt über so wunderbare Überlebensstrategien und hat sogar das damalige Dinosauriersterben überlebt. Unser Ziel ist es, die Rheinschnake so stark zu reduzieren, dass die Menschen keine Belästigungen durch dieses Insekt erfahren. Deshalb wird eine Reduktion von über 90 Prozent angestrebt. Bei dieser Quote ist das Überleben der Schnake auch gewährleistet.

BT: Welche Rolle spielen Umweltfaktoren für die Schnakenentwicklung? In diesem Winter gab und gibt es in den Alpen viel Schnee, das könnte Hochwasser im Rhein bringen. Heißt das automatisch, 2019 wird ein Schnakenjahr?

Rihm: Umweltfaktoren beeinflussen in erheblichem Maße die Schnakenentwicklung. Wärme und Wasser sind wesentliche Grundlagen ihrer Vermehrung. Trockenheit sorgt natürlich dafür, dass eben weniger Schnakenbrutstätten auftreten. Nachdem wir zwei trockene Jahre hatten, und die im Erdreich befindliche Schnakenbrut darauf wartet sich entwickeln zu können, ist aufgrund der Schneeverhältnisse in der Schweiz bei Tauwetter in Verbindung mit Regen von Hochwässern auszugehen. Deshalb erwarten wir einen stärkeren Einsatz unserer Schnakenwehr in diesem Jahr. Gerade für die Gastronomie und die Freizeitaktivitäten ist es deshalb von Bedeutung, diese Plagegeister so zu reduzieren, dass die Menschen sich in den Abendstunden gerne und ohne Belästigung im Freien aufhalten können.

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