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Ein Festtag fürs Gedicht
21.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Lyrik ist neben der Epik und dem Drama eine der drei Gattungen der Literatur. Sie zählt zu den ältesten Zeugnissen der Nationalliteraturen: vom Aton-Hymnus Echnatons über das biblische Hohelied bis zu den Hymnen Pindars - oder den Merseburger Zaubersprüchen. Es war ein Gedicht, Goethes "Wandrers Nachtlied", in dem Karl Kraus den Gipfelpunkt der deutschen Literatur erkannte. Und manchmal kann gerade Lyrik in all ihrer Subtilität buchstäblich lebensrettend sein: Der jüdischen Schriftstellerin Ruth Klüger halfen Verse der Klassiker und Romantiker, Auschwitz zu überleben.

Das Ansehen von Lyrik ist bis heute ungebrochen, doch wird sie auch noch gekauft? Oder gar gelesen? Nach Hans Magnus Enzensbergers sarkastischem Diktum liegt die durchschnittliche Zahl der Leser eines neuen Gedichtbands bei "plusminus 1354". Enzensberger, selbst ein bedeutender Lyriker (und Lyrikanthologist: sein "Museum der modernen Poesie" ließ seinerzeit die internationale moderne Lyrik in Deutschland Fuß fassen), musste es wissen.

Ein "lyrischer Bestseller" ist gerade in der heutigen Zeit eine Art Contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich. Dass mit Jan Wagner 2015 ein Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, grenzte an eine Sensation - über die Verkaufszahlen des prämierten Bandes bewahrt man besser Stillschweigen. Laut dem Literaturwissenschaftler Nikolas Immer wurden im 19. Jahrhundert rund 20 000 Lyriksammlungen veröffentlicht; davon könnte man für neuere Zeiten trotz Jahr für Jahr steigender Zahlen von Buchpublikationen nur träumen.

Um die Lyrik steht es also, vorsichtig gesprochen, nicht eben gut - und das vermutlich nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Oder lässt der Umstand, dass die Unesco vor 20 Jahren den 21. März zum "Welttag der Poesie" erklärt hat, eine andere Deutung zu als die, dass die Poesie - das Gedicht, die Lyrik - eine bedrohte literarische Spezies ist? Zum 20. Mal soll mit dem heutigen "Welttag der Poesie" an die "Vielfalt des Kulturguts Sprache und die Bedeutung mündlicher Traditionen" - so liest man in einem Papier der Unesco - erinnert, soll dem Bedeutungsverlust der Poesie entgegengewirkt werden. Seit dem Jahr 2000 werden mit dem "Welttag der Poesie" Verlage ermutigt, dichterische Werke zu verlegen.

Poesie bei Heidelberger



Straßenbahnfahrt

Von Reykjavik bis Krakau, von Mailand bis Barcelona: Europa und weltweit finden heute Lesungen und Veranstaltungen mit Lyrik statt, werden in Radio und Fernsehen Gedichte rezitiert, in Kultureinrichtungen Ausstellungen eröffnet. Lyrische Werke werden veröffentlicht und Poesie-Preise vergeben; Kinder und Jugendliche sind aufgefordert, Gedichte zum Thema Gewalt und Frieden zu schreiben.

Unter der Schirmherrschaft der Deutschen Unesco-Kommission richtet das Berliner Haus der Poesie die zentrale Veranstaltung in Deutschland aus. Lyrikerinnen und Lyriker wie der Jemenite Galal Alamahdi oder der Norweger Arild Vange und die Israelin Savyon tragen Gedichte im Original vor; dazu sind die deutschen Übersetzungen zu hören. In Heidelberg lesen bei einer kostenlosen und frei zugänglichen "poetischen Rundfahrt" mit der Straßenbahn "Sixty" 27 regionale Lyrikerinnen und Lyriker Gedichte. In Mannheim wird eine Wanderlesung mit Frühlingsgedichten geboten, auch eine "Poetry Wall" oder eine "Poetische Sprechstunde".

Ein Kind des "Welttags der Poesie" ist das Webportal lyrikline.de. Zum ersten Welttag im Jahr 2000 wurde es vom Haus der Poesie eingerichtet. Das mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete Portal bietet lyrische Unterrichtsideen und Handreichungen - vor allem aber Rezitationen von mehr als 12 000 Gedichten von 1 300 Dichtern in gut 80 Sprachen. Eine Orientierungshilfe bieten auch die Lyrik-Empfehlungen von zehn Experten wie Michael Krüger oder Joachim Sartorius bei der Leipziger Buchmesse.

Nicht zu leugnen ist freilich auch, dass es in Deutschland eine lebendige Lyrikszene gibt - und eine ganze Reihe von Lyrikern, deren Gedichte bleiben werden. Das Spektrum reicht von überaus hermetischen Gedichten bis zu den lyrischen Instantschöpfungen der Poetry-Slams.

Zwei aktuelle Beispiele herausragender Lyrik wären der Gedichtband "Was wir reden, wenn es gewittert" - für ihn erhält Thilo Krause am 3. April den Peter-Huchel-Preis, den mit 10 000 Euro dotierten wichtigsten Lyrikpreis des Landes Baden-Württemberg, der zusammen mit dem Südwestrundfunk in Staufen vergeben wird - sowie der kürzlich auf Deutsch erschienene letzte Gedichtband "Etüden für eine alte Schreibmaschine" des 2016 verstorbenen schwedischen Romanautors und Lyrikers Lars Gustafsson.

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