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"Galopprennen muss Event sein, aber keine Kirmes"
04.05.2019 - 00:00 Uhr
Iffezheim - Das Grün der Iffezheimer Turfbahn liegt diese Woche noch unter Morgentau, auf der Sandtrainingsbahn galoppieren einige Pferde, als Baden-Racing-Geschäftsführerin Jutta Hofmeister aus ihren Panoramafenstern im vierten Stock des Clubturms blickt und gen Boxendorf deutet, wo Renovierungsarbeiten im Gange sind. Die Zeichen sind untrüglich: Die neue Galoppsaison auf der Iffezheimer Bahn naht. Über Erwartungen, Herausforderungen sowie neue und alte Probleme hat sich Hofmeister im Gespräch mit BT-Redakteur Florian Krekel unterhalten.

BT: Frau Hofmeister, die zurückliegende Galoppsaison war Ihre dritte an der Spitze von Baden-Racing. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Jutta Hofmeister: Mit der letzten Saison waren wir sehr zufrieden, gerade wenn es um die Kennzahlen geht, die wir als Baden-Racing-Team direkt beeinflussen können. Es ist uns gelungen, die angepeilte Marke von 110 000 Besuchern bei den Galoppveranstaltungen 2018 zu knacken. Dabei hat uns auch das Wetter sehr gut in die Karten gespielt, denn das ist für die Zuschauerzahlen natürlich ein nicht zu unterschätzender Faktor. Diese Zahlen sind der wichtigste Gradmesser für die Wahrnehmung der Rennbahn in der Region und zeigen, dass es immer noch oder wieder hip ist, auf die Rennbahn zu kommen. Programmatisch gut angekommen ist der Kutschenkorso am Tag des Großen Preises (zweiter Sonntag Große Woche). Sehr beliebt als Fotomotiv war und ist auch der neugestaltete Walk of Fame, der alle Sieger des Großen Preises auf Tafeln im Boden auflistet.

Rein werbetechnisch gesehen war es für uns auch toll, dass beim Großen Preis ein Pferd eines ausländischen Trainers gewonnen hat. Das beschert uns international ein größeres Presseecho, auch wenn es für die Stimmung auf dem Platz natürlich besser ist, wenn ein deutsches Pferd siegt. Aber Iffezheim hat als Galopprennbahn den internationalen Anspruch und dafür ist es wichtig, dass wir auch in England und Frankreich in der Presse präsent sind.

BT: Aber noch besteht eine Kluft zwischen diesen Topländern des Galoppsports und Deutschland. Kann man diese auf absehbare Zeit abbauen?

Hofmeister: Die Lücke ist schwierig zu schließen. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Versteuerung der Siegprämien in Deutschland höher ist als in anderen Ländern. Deshalb nehmen viele ausländische Trainer und Besitzer die aufwendige Logistik, um nach Deutschland zu kommen, nur in Kauf, wenn sie echte Siegchancen für ihre Pferde sehen. Speziell aus England. Aus Frankreich ist der Transport etwas billiger, aber die Franzosen haben sehr viele eigenen Bahnen und ein sehr großes Angebot im eigenen Land. Deutlich mehr als in Deutschland.

Interview

BT: ... und es gibt natürlich auch höhere Preisgelder in England und Frankreich, das ist sicher auch ein Grund, oder?

Hofmeister: Natürlich. In Iffezheim gibt es zwar in Deutschland im Durchschnitt mit Abstand die höchsten Siegprämien, aber im Vergleich zum Ausland sind sie deutlich geringer.

BT: Wie kommt das?

Hofmeister: Der Galopprennsport hat in Frankreich und England einen anderen Stellenwert. Es wird viel mehr gewettet und ein Rennveranstalter kann am Ende des Tages nur ausschütten, was er auch vorher einnimmt. Zwar sind alle Rennbahnen auch sponsorenfinanziert, aber letztlich sind die Wetteinnahmen der entscheidende Baustein. Was den deutschen Rennbahnen allerdings in die Karten spielt, ist die lange Tradition. Es gibt sehr viele prestigeträchtige Rennen, die schon lange gelaufen werden - der Große Preis von Baden, die Goldene Peitsche oder das Darley-Oettingen-Rennen. Und diese Rennen haben auch im Ausland ihren Klang.

BT: Es fehlt in Deutschland also an Popularität. Wie kann man diese dem Galoppsport noch mehr einhauchen? Durch einen zunehmenden Eventcharakter?

Hofmeister: Es kommt darauf an, aus einem Pferderenntag ein Event zu machen, ohne dass er abdriftet in Richtung Kirmes. Das wollen wir nicht. Aber wir müssen versuchen, den unterschiedlichen Ansprüchen der Zuschauer gerecht zu werden. Es gibt die Sportpurristen, die brauchen kaum ein Rahmenprogramm. Aber eben nicht nur die. Und wir wollen alle. Dafür sind etwa Mottotage, Kaufangebote und alternative Unterhaltungsmöglichkeiten wichtig. Das machen auch nicht nur wir in Iffezheim so, das ist auf vielen Rennbahnen Usus.

BT: Ist das nicht eine sehr schwierige Gratwanderung?

Hofmeister: Ja. Aber wir müssen diesen schmalen Weg gehen und versuchen, ihn bestmöglich zu gehen, etwa indem wir als Rahmenprogramm nur wertige Dinge anbieten und keinen Klamauk und nicht versuchen, einen zweiten Europapark zu erschaffen. Ein Renntag ist lang. Und die Menschen sind heute ein breites Programm gewohnt.

BT: Man könnte also - etwas überspitzt - sagen, ohne das Event hat auch der Sport keine Zukunft mehr? Denn schließlich gilt ja: Mehr Menschen, mehr Wetteinnahmen, mehr Preisgelder.

Hofmeister. Diese Formel stimmt, aber ergänzend muss auch das Wettvolumen erhöht werden. Es muss den Menschen auch wieder schmackhaft gemacht werden, am eigenen Totalisator (Fachausdruck für Wettschalter bei Pferderennen, Anm. d. Red.) zu wetten. Denn das Hauptproblem der letzten Jahre ist, dass die Menschen einfach mehr Wettangebote und Möglichkeiten haben. Der Rennverein lebt aber natürlich nur von dem, was in den eigenen Totalisator wandert. Wenn große Wetter also ihre Umsätze auf Onlinewettplattformen platzieren, die nicht oder nur teilweise an den Rennveranstalter vermitteln, sind diese Umsätze weg. Deshalb ist es unsere Aufgabe, das Wetten in den Totalisatoren attraktiver zu machen.

BT: Wie machen Sie das?

Hofmeister: Zum einen, indem wir ab 2019 unsere Abzüge bei Sieg- und Platzwetten reduziert und so die Gewinnquoten spürbar attraktiver gestaltet haben. Darüber hinaus hat der deutsche Galopprennsport eine neue App (Smart Turf), die es Nutzern ermöglicht, zu wetten, ohne sich am Totalisatorenhäuschen in der Schlange anstellen zu müssen. Dafür haben wir die W-Lan-Abdeckung auf dem gesamten Bahngelände im Winter lückenlos ausgebaut.

BT: Welchen Einfluss hat denn der französische Wettanbieter PMU?

Hofmeister: In diesem Jahr spielt PMU bei uns gar keine Rolle mehr. Denn die Angebote, die uns PMU in diesem Jahr für die Übertragung gemacht hat, passten einfach nicht mehr in unser Konzept und das wollten wir nicht.

BT: Aber fehlt dadurch nicht Geld? Schließlich schüttete PMU hohe fünfstellige Summen an Baden Racing aus.

Hofmeister: Klar war PMU auch eine Art Sponsor. Und ja, damit fehlt uns etwas. Und es lag und liegt an uns, das mit neuen Sponsoren aufzufangen. Der Vorteil ist jetzt aber auch, dass wir nicht mehr an die von PMU anberaumten Übertragungszeiten und Tage gebunden sind. Wir können also alle Feiertage und arbeitsfreien Tage optimal ausnutzen und die Veranstaltungen auf die Bedürfnisse der Menschen in der Region ausrichten. Es gibt alles in allem genau so viele Rennen wie im Vorjahr, denn auch den wegfallenden Spätstartertag im Frühjahrsmeeting fangen wir auf, indem an den verbleibenden, arbeitsfreien Tagen mehr Rennen stattfinden.

BT: Klingt aber schon irgendwie ein bisschen nach dem Kamel und dem Nadelöhr. Zwar möchte man sich nicht von PMU bestimmen lassen, andererseits braucht man für die Wettbewerbsfähigkeit das Geld aus den Wetten und die internationale Verbreitung.

Hofmeister: Rennen in Iffezheim kann man auch ohne PMU im Ausland schauen. PMU hat uns zu Zeitfenstern gedrängt, die von unserem Stammpublikum aus der Region nicht angenommen wurden - etwa der Mittwochsrenntag zu Beginn des Frühjahrsmeetings. Und deshalb glaube ich, dass unsere bessere Anpassung jetzt von den Gästen goutiert wird und den angesprochenen Nachteil wettmacht.

Ansonsten muss man natürlich auch im Ausland die Werbetrommel rühren. Wir sind etwa im englischen Trainermagazin mit Geschichten vertreten und inserieren dort auch, das ist unabdingbar. In Frankreich werben wir ähnlich. Zudem gibt es unser Ausschreibungsbuch, in dem alle Iffezheimer Rennen aufgelistet sind, in zweisprachiger Übersetzung.

BT: Ein anderes Thema: Im Sommer gab es einige Kritik am Zustand des Iffezheimer Geläufs. Manch ein Trainer drohte kurzfristig sogar mit Absage. Sind die Mängel behoben?

Hofmeister: Das Problem war die Grasnarbe, die nicht gehalten hat. Der Sommer war extrem lang und heiß und durch die Trainingsintervalle konnte nur zu bestimmten Uhrzeiten gewässert werden. Das führte dazu, dass durch die langanhaltende Hitze Graswurzeln austrockneten und abgestorben sind. Das war aber primär ein optisches Problem. Klar sieht es nicht schön aus, wenn die Grasnarbe wegspritzt, wenn die Pferde laufen. Dennoch hat die Bahn deshalb keine tiefen Löcher, da es sich nur um die oberste Schicht handelt. Verletzungsgefahr bestand also nicht. Schließlich wurde die Bahn auch jeden Tag von der Rennleitung geprüft. Wir sind nun mal eine Meetings-Bahn, die sechs Tage halten muss und nicht nur einen Tag. Letztlich hatten alle Rennbahnen die gleichen Probleme, aber die Trainer und Besitzer haben meist an Iffezheim einfach noch höhere Anforderungen. Das akzeptieren wir.

Viel Geld in Qualität



der Bahn investiert

Entsprechend viel haben wir gemacht. Wir haben mehr Möglichkeiten geschaffen die Rails etwas zu versetzen, um die Spur verlegen zu können, um so Teile des Geläufs zu schonen. Im Rastatter Bogen haben wir die Grasnarbe komplett abgetragen und neu eingesät. Die Beregnungsanlage wurde optimiert, tonnenweise Saatgut mit langwurzelnden Gräsern eingebracht. Aber das Wetter kann letztlich natürlich niemand beeinflussen.

BT: Was sind die Baustellen der Zukunft?

Hofmeister: Bei so einem riesigen Gelände gibt es immer etwas zu tun. Die Unterstützung von Baden-Baden, dem Landkreis Rastatt und Iffezheim (1,2 Millionen Euro) haben wir gut genutzt für das Geläuf und die Infrastruktur der Tribünen, gerade im Hinblick auf Elektrik und Stromversorgung, aber auch im Boxendorf. Diese Mittel werden wir im Sommer dieses Jahres komplett ausgegeben haben. Dann steht erst mal die typische Instandhaltung auf dem Programm. Was wir noch brauchen, wäre ein Unterstand oder eine Halle für unseren Fuhrpark, der bis jetzt im Freien steht. Und auch in die Trainingsbahn muss kontinuierlich investiert werden, gerade da Iffezheim die zweitgrößte deutsche Trainingszentrale ist. Manche Trainer hätten sich zwar eine komplett neue Trainingsbahn gewünscht, aber das gibt die wirtschaftliche Situation aktuell nicht her.

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