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Kaum Mimik, keine Gestik: Alle Emotionen liegen im Gesang
Kaum Mimik, keine Gestik: Alle Emotionen liegen im Gesang
06.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Georg Rudiger

Sie müssen sich nicht anschauen, um miteinander zu kommunizieren. Seit über 30 Jahren interpretieren Christian Gerhaher und Gerold Huber gemeinsam Lieder. Dieser Erfahrungsschatz der beiden Straubinger, die bereits als Jugendliche zusammen im Chor von Gerold Hubers Vater gesungen haben, ist im Festspielhaus Baden-Baden in jedem Augenblick zu spüren.

Da werden nicht nur alle agogische Freiheiten gemeinsam empfunden und umgesetzt. Das Klavierspiel Gerold Hubers nähert sich dem Gesang, ist farbenreich und kantabel. Nicht hier der Sänger und dort der Klavierbegleiter, sondern die Grenzen zwischen dem Instrumentalen und Vokalen verschwimmen. Das eine nährt das andere - ein großer, intimer Abend im Festspielhaus Baden-Baden.

Den "Regenlied"-Zyklus von Johannes Brahms auf Gedichte von Klaus Groh in seiner aus vier Liedern bestehenden Frühfassung umgeben die beiden Künstler mit zarter Melancholie. Gerold Hubers Legatokunst lässt die Konturen verschwimmen. In den Akkordbrechungen von "Dein blaues Auge hält so still" entdeckt er die Melodie. Christian Gerhaher geht es mehr um Nuancen als um Kontraste. Die dramatischen Verschärfungen in "Mein wundes Herz verlanget" sind wohldosiert - mehr Andeutung als Übertreibung.

Seine rechte Hand liegt auf dem Flügel. Kaum Mimik, keine Gestik! Alle Emotionen sind in seinem Gesang zu hören - in den Vokalfärbungen, in den feinen dynamischen Abstufungen, in der genauen Textausdeutung, in der immer neu ausbalancierten Mischung von Brust- und Kopfregister. So erreicht er mit wenig viel, wenn er in "Nachklang" erst beim letzten Vers "Mir die heiße Träne glühn" seinen warmen, tragfähigen Bariton härtet.

Durch Robert Schumanns "Dichterliebe" sei er erst zum Singen gekommen, hat Christian Gerhaher im BT-Interview verraten. Die 16 Lieder auf Gedichte von Heinrich Heine waren die ersten Kunstlieder, die der damalige Medizinstudent mit Gerold Huber einstudierte.

Auch in diesem Zyklus aus Schumanns Liederjahr 1840 wählen die beiden den feinen Pinsel und eher helle Farben. Bemerkenswert ist die erzählerische Freiheit, die die Interpreten schon dem ersten Lied "Im wunderschönen Monat Mai" angedeihen lassen. "Wenn ich in deine Augen seh'" klingt ganz und gar verinnerlicht. "Das ist ein Flöten und Geigen" greift in seinem Nebeneinander von Fröhlichkeit und Depression schon auf Gustav Mahlers "Wenn mein Schatz Hochzeit macht" voraus. Ein Walzer als Totentanz der Liebe! Die große Verzweiflung des verliebten Jünglings bricht sich im abschließenden "Die alten, bösen Lieder" Bahn. Gerhaher singt es mit dramatischem Zugriff und Metall in der Stimme. Da kann auch das sanfte, lange Nachspiel im Andante espressivo, das Gerold Huber mit delikatestem Anschlag veredelt, keinen echten Trost spenden.

Auch in den weniger bekannten, späten Liedern von Robert Schumann, die im zweiten Teil erklingen, beglücken Christian Gerhaher und Gerold Huber mit höchster Interpretationskunst. Im draufgängerischen "Ins Freie" aus den Sechs Gesängen op. 89 nach Gedichten von Wilfried von der Neun mimt Huber den Hörnerschall im Klavier, während Christian Gerhahers Gesang ungebrochene Lebensfreude ausstrahlt. Der textlich nicht mehr ganz politisch korrekte Dialog in "Der Bräutigam und die Birke" nach Gedichten von Gustav Pfarrius, in dem der Mann eine Rute für das Kind und einen Besen für die Frau vom Baum erhält, profitiert von der Erzählkunst der beiden Musiker. Hochdramatisches findet sich in den drei Gesängen op. 95 nach Lord Byron. Den großen Sprüngen verleiht Gerhaher Spannung und Durchschlagskraft. Bei diesen enormen vokalen Ausbrüchen spürt man die Opernerfahrung des Sängers.

Mit ausgewählten Liedern von Johannes Brahms schlägt der mit Bravorufen gefeierte Abend den Bogen zum Beginn. Und berührt gerade in seiner Zerbrechlichkeit.

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