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Schonungslos und anekdotenreich
Schonungslos und anekdotenreich
11.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Jürgen Volz

Baden-Baden - Moderatorin Hendrike Brenninkmeyer hatte sich bestens auf den Gastredner vorbereitet und tatsächlich ein Detail im Leben von Gregor Gysi gefunden, das kaum bekannt sein dürfte: "Ja, es stimmt, ich bin gelernter Fachwirt für Rinderzucht", bekannte Gysi. Dabei ist der Bundestagsabgeordneter der Linken, Rechtsanwalt, Publizist und Moderator vielmehr durch seine politischen Aktivitäten ein Begriff. Und natürlich als begnadeter Rhetoriker.

Gestern war Gysi zu Gast beim Wirtschaftsforum der L-Bank in Baden-Baden. Im Kongresshaus gab er den rund 500 Teilnehmern aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einen spannenden Blick in die Geschichte, vor allem aber auch in die Zukunft Europas. In seiner Keynote "Deutschland und Europa 30 Jahre nach dem Mauerfall - folgt der Vereinigung die Spaltung?" analysierte Gysi ebenso eindrucksvoll wie anekdotenreich - auch aus der eigenen Erfahrung als ehemaliger DDR-Bürger heraus - mögliche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen eines drohenden Auseinanderdriftens Europas und der europäischen Staaten. Dabei betonte Gysi, die EU stehe derzeit an einem Scheidepunkt zwischen der Chance auf einen Neustart oder einer Forcierung innerer und äußerer Zerfallsprozesse.

Vor allem die sich breitmachende Verunsicherung, gepaart mit einer Unübersichtlichkeit der weltpolitischen Ereignisse, die die Menschen nicht mehr verstünden, erinnere ihn stark an den Mauerfall vor 30 Jahren, sagte Gysi. Hinzu komme ein zum Teil beängstigender technologischer Wandel, dem viele Menschen nicht mehr folgen könnten. "Die Politik kann der verbreiteten Verunsicherung nur Herr werden, wenn die Menschen wieder eine Perspektive für ein einigermaßen planbares Leben in sozialer und öffentlicher Sicherheit bekommen und der alte Grundsatz wieder Geltung erlangt, dass Eltern wissen, ihren Kindern wird es einmal besser gehen", sagte Gysi. "Nur dann wird es auch gelingen, dass diejenigen, die scheinbar einfache Lösungen anbieten und einen nationalen Egoismus predigen, nicht weiter zunehmende Resonanz bekommen."

Gysi wünscht sich eine starke Politik im Innern und ein ebenso starkes EU-Parlament. Nach der Europawahl dürfe es kein Zurück mehr geben zu altem nationalstaatlichen Denken. Stattdessen müsse alles versucht werden, die vornschreitende soziale Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden, sagte Gysi, der es während seines Vortrags immer wieder verstand, seine Zuhörer mit amüsanten Ausflügen in die realpolitische Wirklichkeit zu unterhalten.

Die L-Bank-Wirtschaftsforen werden seit 2006 jährlich in wechselnden Regionen des Landes ausgerichtet. Die 14. Auflage fand nun erstmals in Baden-Baden statt. Die Besucher nutzten im Kongresshaus die Möglichkeit, sich aus erster Hand über Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten zu informieren. Vor allem mittelständische Unternehmen fanden beim Forum eine speziell auf sie zugeschnitte Plattform für Finanzierungsfragen.

Beteiligt waren auch die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg, die Handwerkskammer sowie die Industrie- und Handelskammer. Im Mittelpunkt standen Vorträge, Diskussionen, Workshops und eine Fachmesse. Dort stellten sich unter anderem Firmeninhaber vor, die von den Förderangeboten erfolgreich profitiert haben. Auch die Chancen der Internationalisierung sowie die Arbeitgeberattraktivität als Voraussetzung für die Nachwuchsgewinnung waren Themen des Forums.

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