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Mit Kraft und Naivität
Mit Kraft und Naivität
20.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Rahner

Mario Adorf wird im September 89 Jahre alt - und ist gerade auf Tournee. Im Festspielhaus Baden-Baden, wo regelmäßig auch der jetzt 91-jährige schwedische Dirigent Herbert Blomstedt mit federndem Schritt ans Pult eilt, trat am Wochenende einer der bedeutendsten und gefeiertsten deutschen Schauspieler vor ein beeindruckend großes Publikum. Und wie es sein Vorbild, der Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner geraten hatte, vermied Adorf den großen Auftritt - er kam einfach herein, verschmitzt lächelnd und mit der eleganten Beweglichkeit, die man seit jeher an ihm kennt.

Er ist weit mehr als "nur" Schauspieler: Er kann singen und liefert die bösen Chansons von Georg Kreisler mit überlegener Treffsicherheit ab. Er hat bemerkenswerte Bücher geschrieben, immer autobiografisch grundiert, aber auch von besonderer Beobachtungsgabe und Nachdenklichkeit zeugend. Es wird ein Abend ohne jeden Pomp: Ein Tisch steht auf der verkleinerten Festspielhausbühne, darauf ein Glas Wasser und die Manuskripte. Im Hintergrund ermöglicht eine für die Größe des Hauses recht mickrige Leinwand, Adorfs Mimik zu verfolgen - die hochgezogenen Augenbrauen, den manchmal zu einem Schnütchen zusammengeschnurrten Mund, die blitzenden Augen.

Es ist ein Plauderabend, in dessen Verlauf viel gelacht wird, aber auch betroffen geschwiegen, denn Adorf weicht weder dem Thema Krieg aus - als 13-Jähriger überlebte er im letzten Volkssturmaufgebot nur mit viel Glück - noch dem heute wiedererstarkten Nationalismus. Sein flammender Appell für ein geeintes und demokratisches Europa wird - wenige Tage vor der Europawahl - im Festspielhaus mit Bravorufen gewürdigt.

Sein Hauptthema aber ist das Alter, das er schon zu Beginn mit einem frech überzeichneten Chanson aufgreift und durch den ganzen Abend führt: Es ist Mario Adorfs "Zugabe" - eine Abschiedstournee wäre etwas für Popstars. Er zitiert Italo Svevo, der den Protagonisten seines Romans "Zenos Gewissen" jeden Abend die vermeintlich letzte Zigarette rauchen lässt, die unvergleichlich gut schmeckt. In diesem Sinne genieße er jetzt im Gefühl der eigenen Endlichkeit alles viel intensiver, sagt Adorf. Er erzählt Anekdoten von seinen Anfängen, als er mit der völlig falschen Rolle in der Falckenberg-Schule in München vorsprach und trotz lächerlicher Übertreibung und eines Sturzes von der Bühne aufgenommen wurde - wegen seiner "Kraft und Naivität". Dabei springt er auf, rattert eine Wallenstein-Szene herunter oder einen Auftritt aus Don Carlos, den er urkomisch zuspitzt. Die Kraft ist ihm bis heute geblieben, die Naivität - man könnte auch sagen, die wache Neugier - hält ihn augenscheinlich jung. Seine Lieblingslyriker sind Bert Brecht, Heinrich Heine und Georg Kreisler, die zitiert er immer wieder. Wie er Brechts lakonische "Erinnerung an die Marie A." ("An jenem Tag im blauen Mond September...") so lässig singt, präsentiert er noch immer eine geschulte und volle Gesangsstimme. Der langjährige Klavierpartner Klaus Wagenleiter ist mustergültig in seiner Unterstützung, er geht auf Adorfs situative Interpretation ein und hebt den Charmeur unauffällig wieder in die richtige Tonlage, sollte der sich mal musikalisch verlaufen. Dabei war er doch immer der Bösewicht im Film, oder der prollige Neureiche: Sein Satz "Isch scheiß disch sowat von zu mit meinem Geld" aus "Kir Royal" hat Kultstatus. 15 Mal wurde er erschossen, zweimal vergiftet, zweimal überfahren, bei "Winnetou" fiel er in die aufgestellten Lanzen der Apachen und in der "Blechtrommel" erstickte er am NS-Parteizeichen - Adorf zählt seine filmischen Todesarten schmunzelnd auf. Im gerade erschienenen Buch des Journalisten Tim Pröse spricht der Schauspieler auch vom eigenen Tod, der ihn nicht schreckt, wie er dort betont, von dem er sich aber auch keine weiterführende Veränderung erwartet.

Sicheres Gespür für das, was bleibt

Der "Zugabe"-Abend ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, was jenseits von Jugendlichkeitswahn und Eventgeschrei möglich ist: Eine Erinnerung ohne Pathos, ohne Selbsterhöhung, mit sicherem Gespür für das, was bleibt. Eine Sache quält den so gelassen und mit sich und der Welt im Einklang wirkenden Adorf aber doch: Seinen Durchbruch hatte er 1957 in Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam." Darin spielte er den Massenmörder Bruno Lüdke, von dessen Schuld er damals überzeugt war. Heute wisse man aber, dass der geistesschwache Lüdke ein Opfer der NS-Polizei gewesen sei, die für rund 80 nicht aufgeklärte Morde einen Schuldigen brauchte. Möglicherweise habe Lüdke keinen der Morde begangen. Adorf deutet an, dass ein zweiter Film diesen Fall noch einmal aufgreifen könnte. Es wäre ihm eine Erleichterung. Der Abend endet, bevor das Publikum auf die Uhr schaut, mit Hans Albers kauzig-wehmütigem "Good bye, Johnny" und mit stehenden Ovationen, für die sich Mario Adorf mit pointierten Zugaben bedankt.

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