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Protestmusik mit beherztem Griff
11.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Politisch Lied, garstig Lied? Im 19. Jahrhundert war es noch selbstverständlich, dass sich Komponisten nicht in die Niederungen der Tagespolitik begaben, auch wenn Richard Wagner 1848 sich in Dresden als Barrikadenkämpfer gerierte. Was zu seiner Flucht und Verfolgung führte. Im 20. Jahrhundert änderte sich dies langsam, obwohl Vorbehalte gegenüber der ästhetischen Qualität von Musik, die politisch Stellung bezieht, noch lange Bestand hatten oder gar haben.

Dass politischer Kommentar und hohe kompositorische Qualität sich nicht widersprechen, hat indes schon Leos Janacek mit seiner Klaviersonate 1.X.1905, die sich auf die Erschießung eines tschechischen Demonstranten durch Habsburgische Truppen bezieht, oder die monumentale Klaviervariation von Frederic Rzewski über das chilenische Protestlied "El Pueblo Unido Jamas Sera Vencido" gezeigt.

Thematisch schließt sich Fazil Say mit seiner Klaviersonate op. 52 "Gezi Park 2", die er zum Auftakt seines "Konzertes mit Freunden" wie der Mezzosopranistin Marianne Crebassa und dem Minetti Quartett wählt, an Janacek an. Im gut besuchten Festspielhaus Baden-Baden spielt der hier regelmäßig präsente Pianist die Sonate mit markanten Zugriff und überbordender Klangfantasie. Vom ersten beherzten Griff in die Klaviersaiten an wird das Geschehen von 2013 im Istanbuler Gezi Park lebendig, wo der Bürgerprotest mit brutaler Gewalt der unter Befehl des Ministerpräsidenten Erdogan stehenden Polizei niedergeschlagen wurde. Der dritte Satz ist dem dem 14-jährigen Berkin Elvan gewidmeten, der von der Polizei beim Einkaufen erschossen wurde.

Aber Says Musik ist nicht nur deskriptiv, sie lässt die Atmosphäre dieser Zeit, bevor die Türkei in die Diktatur kippte, lebendig werden, spricht von Hoffnung ebenso wie dem Entsetzen über die brutale Machtdemonstration des Staates gegenüber seinen Bürgern. Auch wenn man die Hintergründe des Werkes nicht kennen würde, wäre das lebendige Klavierspiel von Say eine Offenbarung, seine aus den Möglichkeiten des Instruments gewonnene Musik mitreißend.

Auch sein Klavierquintett op. 72b "Yürüyen Kösk. Hommage à Atatürk" ist politisch, auch wenn die liebevollen Schilderungen von Vogelstimmen in der ersten Geige dem entgegenzustehen scheint. Aber diese Hommage an den naturliebenden Gründer der modernen Türkei stellt ein musikalisches Gegenbild zu tristen Gegenwart der Türkei dar, in der Fazil Say Verfolgung durch eine politisch instrumentalisierte Justiz fürchten muss. Das Minetti Quartett und Say musizieren es mit emphatischem Nachdruck, klanglich ausgefeilt, aber dennoch spontan wirkend. Auch die textlose "Ballade für Mezzosopran, Streichquartett und Klavier "Gezi Park3" ist ein Reflex auf den niedergeschlagenen Protest. Die seit einigen Jahren mit dem Pianisten zusammen auftretende Sängerin Marianne Crebassa, mit der Say die preisgekrönte CD "Secrets" mit französischen Liedern eingespielt hat, besticht bei dieser wortlosen Klage durch ein hohes Maß an archaisch anmutender Expressivität.

Orientalische Fantastik bei "Shéhérazade"

Bei Maurice Ravels "Shéhérazade", nach drei Gedichten von Tristan Klingsor rücken Say und die dunkle timbrierte Mezzosopranistin einen anderen Aspekt ihrer Kunst in den Vordergrund: Die Fantastik dieser pseudoorientalischen geprägten Musik, die Feinheiten, die Crebassa hier gestaltet, das spezielle klangliche "Parfüm", das Grundlage der symbolistisch-fantasischen Märcherzählerin wird, in die sich die Sängerin, von Say einfühlsam unterstützt, hier verwandelt. Mozarts Konzertarie "Ch'io mi scordi di te" KV 505 entstand für die englische Sängerin Nancy Storace, die erste Susanne im "Figaro". Say hat die Konzertarie für Mezzo, Klavier und Streichquartett bearbeitet. Hier kann Marianne Crebassa den weiten Ausdrucksradius ihrer Stimme nutzen, die Koloraturen sind kein virtuoser Zierrat, sondern in die musikalische Linie eingebunden. Furcht und Seelenqual werden von der frei flutenden, mit dunklen Farben agierenden Sängerin ohne aufgesetzte Drücker gestaltet.

Dass einem so impulsiven Pianisten wie Say und dem spielfreudigen Minetti-Quartett Robert Schumanns Klavierquintett op. 44 liegen würde, war anzunehmen. Zu Beginn schien Say noch etwas gestalterisch zurückhaltend, bald steigerten sich der Pianist und die jungen Streicher zu einem Brillanz und Ausdruckstiefe verbindenden Spiel. Die dynamischen Steigerungen werden ohne klangliche Verhärtung angegangen, die Tiefe des langsamen Satzes fein ausgelotet, das Scherzo impulsiv vorangetrieben: ein Schumann-Spiel auf hohem Niveau, ausdrucksstark und risikobereit.

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