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Albtraumhafte Liaison mit dem Tod
12.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

In Stuttgart wird der Kaiserwalzer als Kampfansage gebracht. Das Zeremoniell kaiserlicher Hochzeits- und Geburtstagsfeiern an der Wiener Hofburg ist im neuen "Mayerling"-Ballett in grau-verschatteter Kulisse von Provokationen und ziemlich eindeutiger Anmache des Kronprinzen und seines Gefolges begleitet. Die lange unterdrückten Emotionen schließlich entladen sich in finalen Schüssen des Liebespaars, Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera, im Jagdschloss bei Wien, wie es die historischen Ereignisse wollen.

Der schottische Choreograf Kenneth MacMillan hat aus dem Stoff vor 40 Jahren ein Ballett mit viel historischem Personal geschaffen: vom Kaiserpaar bis hin zu Rudolfs wechselnden Geliebten und seinem vertrauten Leibfiaker Bratfisch, mit ausgedehnten Ballszenen, Csardas-Episoden im verruchten Wirtshaus, mit einfühlsamer Personencharakterisierung und vor allem fantastisch-verschlungenen Pas de deux. Optisch allerdings ist das 1978 in London uraufgeführte Ballett über die Jahre eingestaubt. Der 1992 gestorbene Tanzschöpfer MacMillan, einstiger Chef des Royal Ballet, war einer der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts und eng verbunden mit dem Stuttgarter Ballettwunder zu John Crankos Zeiten.

Nun hat die Witwe Deborah MacMillan die Erlaubnis zur Erneuerung der "Mayerling"-Ausstattung ans Stuttgarter Ballett und an Jürgen Rose gegeben, was ein Glücksfall ist. In der prachtvollen neuen Optik des legendären Bühnenbildners erscheint das Tanzdrama über die immer noch nicht ganz geklärten Todesfälle nun in Schwarz-Weiß - so, als wollte es den romantisch-düsteren Fall der alten k.u.k.-Donaumonarchie als Doku-Drama neu aufrollen. Unter dem leuchtend roten Doppeladler der Habsburger wird der Selbstmord von Sisis provokantem Sohn, der seine junge Geliebte Mary Vetsera mit in den Tod nahm, zu einem packenden Ballettmelodram mit eindeutigen Verführungsszenen und berückendem optischen Detailreichtum.

Ausstattungspracht in Grautönen

Der 81-jährige Jürgen Rose, jahrzehntelang für Dieter Dorn an den Münchener Kammerspielen Ideen produzierend, hat monatelang in den österreichischen Schlössern recherchiert, eine echte Kutsche in Wien gekauft und an die 200 Kostüme entworfen. Die riesigen Bühnenprospekte für "Mayerling" in 13 Bildern - von der Hofburg, von Rudolfs Schlafzimmer, vom Jagdschloss Mayerling - entstanden nach Handzeichnungen Roses. Seine Ausstattungsorgie öffnet dem Zuschauer das Fenster in eine untergegangene Welt, die in all ihren Grauschattierungen einen vieltonigen Gefühlsrausch offenbart. Rose ist nicht nur Bühnen- und Kostümbildner, sondern auch ein genialer Figurenausdeuter, der auch Farbe ins Spiel bringt: ein tiefdunkles Rot für Elisabeth, weiß für den ergrauten Kaiser, grün für die eifersüchtige frühere Geliebte Rudolfs und zartes Korallenrot für die liebliche Mary Vetsera. Und bei dem melodramatischen Musikmix von Franz Liszt zum "Mayerling"-Ballett hat die junge Dirigentin Maria Seletskaja, einst selbst Ballerina, am Pult des Staatsorchesters Stuttgart alle musikalischen Fäden der Geschehnisse fest in der Hand.

Intrigen, aufrührerische Umtriebe, Betrug und Seitensprünge sind an der Tagesordnung bei Hofe, und nicht mal das Kaiserpaar ist davon ausgenommen. Vertuschung und Todessehnsucht erscheinen als einzige Auswege aus den selbst gesteckten starren Konventionen im Habsburger Reich. Rudolf ist in dieser Enge kein romantischer Held, sondern ein schwermütiger, von der Mutter abgelehnter Drogen- und Liebessüchtiger - ein provozierender Freak mit Todessehnsucht. In der hingebungsvollen Mary findet er sein Pendant im Spiel um Liebe, Sex und Tod.

Über das Pfingstwochenende hat das Stuttgarter Ballett sein neues Prachtstück dreimal aufgeführt in drei Besetzungen - das zeigt die außerordentliche Leistungsstärke dieser bedeutenden deutschen Compagnie. Nicht nur Friedemann Vogel als Kronprinz Rudolf und Elisa Badenes als Mary Vetsera sind in den "Mayerling"-Hauptrollen glänzend, es gibt noch zwei weitere faszinierend todesnahe Traumpaare. Alle fügen sie den Ballettfiguren eine eigene charakterisierende Note hinzu. Jason Reilly gibt den virilen, gebrochenen, ja brutalen Kronprinzen, und Anna Osadcenko ist eine willensstarke, leicht verrückte und verführerische Baroness Vetsera. In MacMillans Pas de deux leben sie ihre wilde Leidenschaft in kühnen Hebungen, wirbelnden, geschleuderten und kopfüber stürzenden Figuren aus - eine fantastische Dichte an choreografischen Ideen, denen der moralisch-physische Zusammenbruch fast logisch folgt.

So düster und verschattet wie am Anfang und am Ende der Tanztragödie - bei der Bestattung der toten Mary auf einem Feld nahe Wiens - erscheint das Stuttgarter MacMillan-Ballett, als nähme es den späteren Untergang der Habsburger Monarchie vorweg in einer albtraumhaften Liaison mit dem Tod.

Ganz glückliche Ballettfreunde haben die Chance, bisweilen sogar Marcia Haydée als Kaiser-Mutter Sophie und Egon Madsen als Kaiser Franz Joseph in einer "Mayerling"-Besetzung zu erleben. Das Ballett wird Ende Juli noch einmal gegeben und in der neuen Spielzeit wieder aufgenommen.

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