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Pianistischer Höhenflug mit Schumann
Pianistischer Höhenflug mit Schumann
17.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Die Konzerte der französischen Pianistin Hélène Grimaud sind oft, nicht nur im von ihr häufig aufgesuchten Festspielhaus Baden-Baden, von Gegensätzen, von Uneinheitlichkeit geprägt. Überwältigendes steht da neben zurückhaltend-pauschal Interpretiertem, braucht die Künstlerin manchmal lange, um sich "frei zu spielen". Auf Überraschungen im positiven aber auch negativen Sinne muss man bei der aus Aix-en-Provence Stammenden, die schon früh eine internationale Karriere startete, immer gefasst sein.

Zu denen auf den Punkt makellos musizierenden Interpreten, die keine Schwankungen ihres Spiels zu kennen scheinen, gehört Hélène Grimaud sicher nicht. Das macht das Auftreten der zu Beginn scheu-zurückhaltend Wirkenden im sehr gut besuchten Festspielhaus aber auch sympathisch.

Unterschiede zu



schwach akzentuiert

Als problematisch erweist sich die Programmwahl der Pianistin, die vor der Pause große Teil ihrer aktuellen CD "Memory" (DG 4835710) spielt, Miniaturen, mit einem starken Frankreichbezug wie von Debussy oder Satie, aber auch Chopin, nebst eines Abstechers zu dem 1937 geborenen Neoromantiker Valentin Silvestrov. Was auf der gut aufgenommenen CD durchaus differenziert und abwechslungsreich klingt - zudem hat der Hörer die Wahl, sich Auszüge der Aufnahme anzuhören - gerät in den Weiten des Festspielhauses etwas einförmig, so müssten die Unterschiede dieser zumeist ruhigen Kompositionen, die von Grimaud pausenlos aneinandergereiht werden, stärker akzentuiert werden.

Bei Silvestrovs "Bagatelle I" verschwinden die zarte Töne, im gedehnten Zeitmaß verlieren sie unter den Händen der Pianistin jeglichen musikalischen Zusammenhang. Chopins e-Moll Nocturne op. 72,1 hingegen profitiert von ihrem markanten Zugriff. Was sich bei der a-Moll Mazurka op. 17,4 fortsetzt. Gelegentlich gelingt es Grimaud auch Hypnotisches wie bei Erik Saties "Gnossienne Nr. 1" dem Steinway zu entlocken.

Debussys frühe erste "Arabesque" wird von ihr zwar mit delikaten Farben versehen, aber ihr Debussy-Spiel bleibt insgesamt trotz mancher feiner Details zu wenig akzentuiert, etwas spannungsarm. Insgesamt kann das Konzept des ersten Teils mit seinem fast meditativen Charakter nur partiell überzeugen, die Gegensätze hätten stärker geschärft werden müssen.

Nach der Pause ist dann eine ganz andere Interpretin zu erleben. Was sicher auch an der Wahl von Robert Schumanns "Kreisleriana" liegt. Wer die Pianistin über die Jahre schon häufiger erlebt hat, kennt das Phänomen, dass Hélène Grimaud bei Repertoire dass sie schon Ende der 1980er Jahren eingespielt hat und nun neu beleuchtet zur Höchstform aufläuft.

Inspiriert wurde der literarisch gebildete Komponist von E. T. A. Hoffmann, in dem er nicht nur den Dichter, sondern auch den heute fast vergessenen Komponisten und Kapellmeister bewunderte. Ab 1831 befasste Schumann sich intensiv mit dem Werk von Hoffmann, Entwürfe zu Opernlibretti nach dessen "Doge und Dogaressa" und die "Bergwerke zu Falun" sind erhalten. Wichtiger aber sind die musikalischen Hommagen, die Schumann mit den "Fantasiestücken op. 12" und der genialen "Kreisleriana" op. 16 schuf. 1838 entstand deren Erstfassung in nur vier Tagen. An seine Braut Clara Wieck schrieb er über die "Kreisleriana": "Eine rechte ordentliche wilde Liebe liegt darin, und dein Leben und meines und mancher deiner Blicke".

Die acht Fantasien über den "exzentrischen, wilden, geistreichen Kapellmeister" sind aber auch von tiefster Lyrik durchzogen. Martha Argerich hat bei der "Kreisleriana" eine die Grenzen des Virtuosen fast sprengende Sicht vorgelegt, Vladimir Horowitz betonte das Nervös-Hysterische, während Wilhelm Kempff die poetische Seite der "Kreisleriana" durchmaß. Hélène Grimaud vereint diese Aspekte, auch wenn das Hysterische weniger ihre Sache ist. Dabei schient die Pianistin befreit, legt alle Zurückhaltung ab, wagt auf sehr hohem manuellem Niveau Grenzüberschreitungen. Nicht nur was die virtuose Seite der Musik angeht, die sie steigert, ohne dabei die Struktur der acht Fantasien zu verwischen.

Bei dieser Erkundung ins Innere der Musik und damit auch des Wesens Schumanns findet sie immer neue Klangfarben, schier unerhörte Details, kann zugleich aber den großen Bogen halten. Hier ist Hélène Grimaud ganz bei sich selbst, wirkt freigespielt.

Dies setzt sich auch bei den dem Publikumsjubel gewährten Zugaben fort: Chopins erste der "Nouvelles Etüdes" in f-Moll und von Rachmaninow die markant gesteigerte "Études-Tableaux op. 39, 8 d-Moll" zeigen sie von ihrer risikobereit-souveränen Seite.

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