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Für jedes Bild gibt es einen guten Grund
18.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Nach dem Zehnjährigen seines Museums hat er sich weitgehend aus repräsentativen Aufgaben zurückgezogen und andere für sein Lebenswerk sprechen lassen - zum 15-jährigen Bestehen des Richard-Meier-Baus ist er nun wieder in den Vordergrund getreten: Gestern hat der 83-jährige Baden-Badener Museumsgründer Frieder Burda seine neue Biografie bei einer Feierstunde, natürlich in seinem Museum, im Beisein der Familie vorgestellt - das schön gestaltete Buch ist ein einfühlsames Porträt in mehrerlei Hinsicht.

Das strahlend weiße Museum an der Lichtentaler Allee ist nicht nur unter Kunstfreunden inzwischen bestens bekannt und zieht Besucherscharen an. "Von Mougins nach Baden-Baden. Frieder Burda und die Kunst", so der unprätentiöse Titel der neuen Sammler- und Museumsbiografie von Bernadette Schoog, rekapituliert noch einmal den Weg hin zu diesem erfolgsgekrönten Projekt - und zeigt den schwierigen Findungsprozess, einer aus der Privatvilla längst hinausgewachsenen, hochkarätigen Kunstsammlung einen angemessenen Rahmen zu geben. Autorin Schoog rollt die über 40-jährige Entstehungsgeschichte der Kunstsammlung in schnellen Schritten, journalistisch solide auf und lässt Kunst und Künstler sprechen, um einem Sammler näherzukommen, der stets wenig Bohei um sich gemacht hat.

In der Kunst fand der zweite Sohn des Offenburger Verlegerpaars Franz und Aenne Burda seine Bestimmung. Im reich gewordenen Elternhaus umgeben von einer Kunstsammlung mit exquisiten Expressionisten ist er aufgewachsen, nach dem Tod des Vaters, den Erbstreitigkeiten und schließlich der Trennung vom Verlag, den der Bruder Hubert übernahm, gingen die fabelhaften Werke von Macke, Kirchner und Jawlensky als Grundstock in die bald systematisch aufgebaute Sammlung des Kunstmäzens ein.

Mehr als 1 000 Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen, Grafiken und auch Videokunst, umfasst Frieder Burdas Kunstsammlung, mit Schwerpunkten bei den Stars der deutschen Gegenwartskunst, Richter, Polke, Baselitz, Kiefer, den Amerikanischen Abstrakten Expressionisten und bis hin zur aktuellen Malerei, von Neo Rauch bis Karin Kneffel. Die Autorin widersteht der Versuchung, alles akribisch aufzuführen - das würde den Rahmen des bilderreich aufgemachten Bands sprengen, stattdessen bettet sie die allerwichtigsten Protagonisten der Sammlung, die Frieder Burdas Sammelleidenschaft angefacht haben, in Kurzporträts ein: Das Geheimnis um sein erstes gekauftes Bild, die zerschnittene rote Leinwand Lucio Fontanas, wird gelüftet. Die Umstände des Ankaufs und Verkaufs des millionenschweren Rothko-Gemäldes mit den roten und schwarzen Streifen sind nachzulesen.

Es geht um Geschichten hinter den Bildern, die dem Sammler besonders am Herzen liegen, um die wachsende Bedeutung der Kunstsammlung insgesamt und um Begegnungen mit Künstlern. Gerhard Richter erkennt in Frieder Burdas zurückhaltender Art ein stückweit sich selbst - und wird zitiert: "Der hat etwas Menschliches, das mir sehr imponiert." Der scheue Spaßvogel Polke und das etwas bärbeißige Kraftpaket Baselitz, dessen Werke viel später in die Sammlung kamen: Zu allen hat Frieder Burda auch private Beziehungen gepflegt. Die Abendessen im Hause Burda mit Künstlern, Kuratoren und Museumsleuten sind vielzählig. "Für jedes Bild, das Frieder Burda seiner Sammlung zuführt, braucht es einen guten Grund", resümiert die Autorin.

Schoog fasst Bekanntes über das Museum, die wichtigesten Ausstellungen in den vergangenen 15 Jahren zusammen und blickt auf die Odyssee der Gründung zurück, bringt alles in einen zeithistorischen Kontext und schreibt damit die erste Biografie über Frieder Burda ("Sammler aus Leidenschaft") - die der renommierte Kunsthistoriker Stefan Koldehoff 2011 herausbrachte - gewissermaßen fort. Schoogs Buch erzählt, wie der frankophile Burda sich über die Kunst von familiären Erwartungen befreite, an Picassos letztem Wohnort im südfranzösischen Mougins eine neue Heimat suchte und dort nicht seinen Museumsstandort, aber das Spätwerk Picassos für sich entdeckte, als es wenig anerkannt war. Frieder Burdas Rückkehr in seine Heimat, nach Baden-Baden nun, wurde angestoßen von konkreten Museumsplänen und seiner neuen Familie: Der kinderlose Multimillionär hat ein Jahr vor der Museumseröffnung seine dritte Frau Elke geheiratet - und mit ihr auf einen Schlag vier Kinder. Schoog beschreibt das große Engagement Elke Burdas um Betrieb und Weiterentwicklung des Museums.

Das ist längst zum Generationenprojekt geworden: Stieftochter Patricia Kamp ist als Kuratorin in Baden-Baden dabei und leitet den 2016 eröffneten Salon Berlin als Hauptstadt-Dependance. Burdas neue Familie kommt zu Wort und rundet das Bild über einen späten Familienvater und passionierten Kunstfreund ab, der sich akribisch in die Welt der Bilder hineinbegeben hat, trotz vieler Kunstkenner, die er ans Museum holt, sein eigenes Gespür für Qualität entwickelte: Die Farben, Überraschungen, Geheimnisse der Kunst waren ihm Ansporn weiter zu sammeln für sein im Oktober 2004 eröffnetes Museum in der eleganten Architektur von Richard Meier: "Ein Juwel im Park" nennt es sein Gründer .

Bernadette Schoog: Von Mougins nach Baden-Baden. Frieder Burda und die Kunst. Biografie, gestaltet von Kerstin Riedel, Hatje Cantz Verlag, 228 S., 106 Abb., 34 Euro.

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