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Viel Gespür für die Energieübertragung
05.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Die Installationen der schwedischen Künstlerin Nina Canell erinnern an wissenschaftliche Versuchsanordnungen. Bei ihren fragilen, beweglichen Kunstwerken liegen die dünnen Kabelstränge ganz offen da, die steuernden Computer stehen daneben - nichts ist verborgen. Die Biennale-Künstlerin blickt in ihren Werken hinter die uns vertrauten Systeme der Energieübertragung - sowohl die emotionale als auch die technische - und hinter naturwissenschaftliche Prozesse.

Für ihre neue Ausstellung "Muscle Memory" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, die heute Abend eröffnet wird, hat Nina Canell Etliches neu geschaffen und neu verdrahtet. Zusammen mit ihrem Partner Robin Watkins entstanden über 20 Werke, die Kurator Hendrik Bündge in übersichtlicher Anordnung durch die neun Säle der Landeseinrichtung hindurch als eine Art vernetztes System angeordnet hat: Es geht um Wahrnehmungssysteme, physikalische oder chemische Prozesse.

Canells Installationen stellen die pneumatische Berührung nach, zeigen natürliche Übermittlungssysteme, Wärmeentwicklungen, unterirdische Kabel, die unsere Kommunikation und die Elektrik, die Motoren unseres Lebens, verbinden. Neben Kabel-Teilstücken und meterlangen Elektrodrähten, Mikroprozessoren, Leuchtstoffröhren und Kupferpulver kleben sogar kleine Gurkenscheibchen an der Kunsthallen-Wand. In der Videoinstallation verfolgt Canell eine kriechende Tigernacktschnecke an einer Hausfassade in Hongkong, die mit ihrem Schleim Botschaften an andere Tiere hinterlässt. Das Netz der Versorgung unserer Gesellschaft - auch unserer tierischen Mitbewohner - verbindet sich in Canells Arbeiten zu einem durchaus ästhetischen Formenspiel der Objekte, die in ihrer verschlungenen Verbindung auch Unbehagen hervorrufen.

Das langsame Ein- und Ausatmen der Ermüdungsprüfmaschine in der Installation "Reflexologies" im großen Oberlichtsaal erinnert an einen beatmeten, kaum noch allein lebensfähigen Körper. Unablässig prüft die Maschine die Festigkeit der hellblauen elastischen Kunststoffkugel, die mit Luft befüllt ist - und den Körper in Bewegung hält. Durch den "Formgedächtnisdraht" im kleineren Oberlichtsaal hinten schickt Canell hingegen in regelmäßigen Abständen belebende Stromstöße, bis sich die langen Kabeldrähte der Installation "Flexions" aufblähen - auch der Besucher kann das System durch seine Bewegung beeinflussen: Ähnlich wie die Muskeln eines Kleinkinds beim Laufenlernen erst ein Bewegungsgedächtnis erlernen müssen, um einmal fast "automatisch" aufstehen oder gehen zu können, soll auch die Maschine in der Simulation Bewegung "erlernen".

Johan Holtens Abschied



beim Sommerfest

Nicht nur verbundene Skulptur, auch das Unverbundene ist Teil von Canells Arbeiten. Die gefundenen Teilstücke von Kabeln, die wulstigen Kabelisolierungen liegen wie abgelegte Häute zu kleinen, neu geformten Objekten auf dem Boden. Sie sind Ausdruck eines Ortes, der nicht mehr verbunden ist, der isoliert erscheint und damit für eine unterbrochene Verbindung zu einer anderen Welt steht.

Die 1979 in Växjö geborene, nun in Berlin lebende Künstlerin erforscht das Potenzial alltäglicher Objekte und Materialien vor allem technischer Errungenschaften und physikalischer Eigenschaften und deren nicht wahrnehmbare Prozesse. Ihre prozessualen Arbeiten rufen eine Ahnung von gespeichertem Wissen hervor und beziehen sich auf den unsichtbaren, immateriellen Datentransfer, der im Verborgenen abläuft - sowohl der wirtschaftlichen und nachrichtlichen Informationsübertragung als auch der natürlichen Körper.

Für Nina Canell hat alles den gleichen Rang - damit legt sie nicht nur technische Prozesse frei, sondern hinterfragt auch die teils unreflektierte Technikverliebtheit in unserer hochtechnologischen Welt. Denn am Ende steckt oft nur ein Stück Kabel dahinter, so löchrig wie ein Schweizer Käse.

Die vieldeutige Ausstellung über Speicherung von Energie ist die letzte unter der Ägide von Kunsthallenleiter Johan Holten. Ein bisschen sinnbildlich für seinen Abschied sei die Schau schon, obgleich er bei ihrer Konzeption vor einem Jahr noch nicht gewusst habe, dass er das Haus an der Lichtentaler Allee nun verlassen werde, wie Holten gestern beim Presserundgang erklärte. In Gedanken daran, welche Erinnerungen an seine Arbeit im immateriellen Material der Kunsthalle wohl bleiben werden, sei die Schau für ihn auch zu einer ganz persönlichen Rezeption geworden, sinnierte er. Ab 1. September tritt Holten sein Amt als Direktor der Kunsthalle Mannheim an.

Heute Abend wird Johan Holten im Rahmen des Sommerfests der Kunsthalle Baden-Baden von Kunststaatssekretärin Petra Olschowski verabschiedet; zugleich startet die Ausstellung Nina Canells, zu sehen bis 20. Oktober.

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