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Streicherklang zutiefst "russisch"
08.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Jeder einigermaßen an klassischer Musik Interessierte kennt die Anfangstakte von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert. Aber sein Nachfolgewerk blieb bis heute das ewig Unbekannte. Genau dieses erklang zum Start der Sommerfestspiele - man könnte auch sagen, den "Gergiev-Tagen" - im Festspielhaus Baden-Baden.

Es ist eigentlich unverständlich, dass das G-Dur-Konzert so sträflich vernachlässigt wird, bietet es doch zum einen Tschaikowsky-Klangwelten in purer Reinheit, zum anderen eine Fülle an mitreißender Impulsivität. Der eröffnende Allegro-Satz entpuppt sich in den Solopassagen als Horrortrip von Klavierläufen, verlangt indes aber auch einen allerfeinsten Pianissimo-Anschlag. Beide Ansprüche erfüllt Alexandre Kantorow mit unerschütterlicher Fingertechnik. Bei ihm handelt es sich um den ersten französischen Pianisten, der aus dem Tschaikowsky-Wettbewerb als Gewinner hervorging.

Valery Gergiev bietet ihm mit seinem Dirigat am Pult des Mariinsky-Orchesters genügend Spielraum, um jede harmonische Wendung, jede überbordende Tastenkunst nebst ausdrucksstarker Dialoge mit dem Orchester in Einklang zu bringen. Dabei wirkt der Streicherklang zutiefst "russisch", dunkel gefärbt und in Magenta-Samt gekleidet. Klangtechnisch ausgereift, zeichnet Kantorow die Kontraste der Oktav-Motive im Seitenthema, im finalen Allegro strotzt der junge Franzose von sprühender Energie. Es ist schwer anzunehmen, dass man von ihm noch einiges zu hören bekommt.

Dass sich die Pianisten nicht unbedingt um die Interpretation dieses verkannten Meisterwerkes reißen, mag auch mit dem Andante-Satz zu begründen sein. Demonstrativ lässig lässt Kantarow seine Arme auf dem Flügelkorpus ruhen, während sich die Konzertmeisterin und der erste Cellist der Petersburger in ihrem leidenschaftlichen Spiel verbinden, bis sich Kantorow dann pianistisch in diese Gefühlswelt einbringen darf. Im Mittelteil des Satzes erleben wir eigentlich ein Klaviertrio mit Pizzicato-Begleitung der Streicher.

Im überschäumenden Finale darf der frisch gekürte Preisträger dann zeigen, was er unter pianistischer Virtuosität versteht. Danach brandet Jubel auf im nicht gänzlich gefüllten Festspielhaus. Schon danach wird deutlich, dass sich dieses Konzert nicht unbedingt für psychisch labile Menschen eignet. Die "Trauermusik beim Tode Siegfrieds" aus Wagners "Götterdämmerung" bereitet schon mal den Boden für Tschaikowskys "Pathétique". Bedrohlich lässt die Pauke das Totenfest eröffnen, das Blech erreicht allerdings nicht immer eine Balance, die man erwartet hätte.

Nach den letzten ersterbenden Tönen betritt Brünnhilde, sprich Eva-Maria Westbroek, die gespenstische Szene. In der Rolle der Sieglinde war sie schon 2016 im Festspielhaus zu Gast. Nun also die Lieblingstochter des Göttervaters Wotan verkörpernd, dunkel temperiert ihre dramatische Sopranstimme, vor allem in den Mittellagen brillant und so richtig geeignet für diese Frauenfigur. Nur einmal bricht kurz ihre Stimme ab, aber alles, was sie zu beklagen hat, singt sie in einer Verbindung aus technischer Präzision und genau durchdachter Phrasierung.

Tod und Verklärung begegnet uns auch in der "Pathétique" von Tschaikowsky. Und die gelingt Gergiev und seinem Petersburger Orchester in eindringlicher Konsistenz. Da wären beispielsweise die Generalpausen, die eine Dringlichkeit der Aussage schärfen. Damit, und mit einer durchdachten Choreografie der Pathetik, die in diesem finalen Werk Tschaikowskys an jeder Ecke lauert, weiß Gergiev umzugehen.

Der Spannungsaufbau im Eröffnungssatz, dessen musikalische Dramatik sich nahe an Wagner orientiert, wird im Festspielhaus fast schon physisch spürbar. Mit unbändiger Orchesterwucht, aber auch feinem Klangsinn zeichnen die Musiker die Partitur nach. Den einem Scherzo ähnelnden dritten Satz nimmt Gergiev zügig im Tempo, er gleicht einem Husarenritt oder, in den Streichern, einem wild gewordenen Bienenschwarm. Da danach oftmals schon applaudiert wird, lässt der listige Gergiev das Finale ohne Pause folgen. Bittersüßes Melos ist das nicht, was er hier einfordert, eher eine unheimliche Divergenz zwischen Schmerz, abgrundtiefer Melancholie und Tröstung. Der Absturz der menschlichen Seele im absteigenden Streicherthema ist nichts weniger als zum Sterben schön.

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