http://www.spk-bbg.de
"Vertrauen kommt durch Menschlichkeit"
13.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Georg Rudiger

Anna Netrebko greift mit interessiertem Blick nach dem Teller, Elina Garanca hat die Praline schon genießerisch im Mund. Ganz dicht stehen die beiden Operndiven auf einem Foto bei dem Mann, der ihnen die Köstlichkeiten serviert. Andreas Mölich-Zebhauser steht zwar in der Mitte, aber er ist in diesem Fall nur ein Diener, der den beiden Sängerinnen bei dieser Pressekonferenz im Jahr 2007 den Aufenthalt versüßt.

Dass sich die internationalen Klassikstars und bedeutendsten Orchester, dass sich Jazzgrößen und renommierte Ballettkompanien im Festspielhaus Baden-Baden die Klinke in die Hand geben, ist das Verdienst des nun scheidenden Intendanten, der als Retter in größter Not wenige Monate nach der Eröffnung des Hauses im Sommer 1998 in die beschauliche Kurstadt geholt wurde und das Untergangsszenario in eine anhaltende Aufbruchsstimmung verwandelte. Nach 21 Jahren verlässt nun Andreas Mölich-Zebhauser die Stadt und zieht mit seiner Familie nach München. "Ich nehme das glückliche Gefühl mit, eine ziemlich schwere Aufgabe gelöst zu haben. Wichtiger aber noch: über viele Jahre gewachsene Freundschaften und ein Füllhorn unvergesslicher musikalischer Höhenflüge", sagt Mölich-Zebhauser dem BT.

Netrebkos Treue war ein wichtiger Baustein

Schwer war die Aufgabe nicht nur, weil die Betreibergesellschaft Dekra wenige Monate nach der Eröffnung des Festspielhauses am 18. April 1998 keine Gelder mehr bereitstellte, das Haus kurz vor dem Konkurs stand und das überregionale Feuilleton sich das Maul verriss über den angeblichen Größenwahn der Provinz. Vor allem in Baden-Baden selbst war die Stimmung zu diesem 2 500 Plätze umfassenden Opernhaus so negativ, dass Oberbürgermeister Ulrich Wendt, ein entscheidender Befürworter und Ermöglicher des Festspielhauses, abgewählt wurde. Mit einer vom Mäzen Alberto Vilar finanzierten Freikartenaktion zu den Sommerfestspielen des Mariinsky-Theaters lud Mölich-Zebhauser die murrenden Baden-Badener ins Festspielhaus ein. Zwei Jahre später hatte er fünf Stifter zusammen, die die finanzielle Grundlage für das ab 2002 komplett privat finanzierte Programm bildeten. "Der Situation entsprechend hatte ich zu Beginn keine großen Erwartungen. Und schon gar nicht, dass es eine solche Geschichte werden würde. Ich war eher erstaunt, wie stark der erhoffte Aufschwung schon im zweiten Jahr einsetzte. Und ich war überrascht, dass sich schon nach kurzer Zeit immer mehr Menschen entschlossen, das Haus als Chance zu begreifen", sagt Mölich-Zebhauser.

In seinen Gesprächen setzte er auf Transparenz: "Es muss persönlich zugehen, menschlich. Vertrauen kommt durch Menschlichkeit, auch dadurch, dass man Fehler macht und zugibt." Heute erwirtschaftet das Festspielhaus, das jährlich von rund 160 000 Zuschauern besucht wird, rund 60 Prozent des Etats durch Ticketeinnahmen und Gastronomie selbst. 35 Prozent Privatförderung und 5 Prozent Rechte-Einnahmen machen das Erfolgsmodell komplett.

Aber auch künstlerisch gelang es Mölich-Zebhauser nach und nach, das Haus in die Weltspitze zu führen. Die hervorragende Akustik und die besondere Betreuung der Künstler trugen wesentlich dazu bei, dass die Künstler auch wiederkamen, wie auch Christian Thielemann im Festspielhaus-Buch zum 20-jährigen Jubiläum betont. Zentraler Auslöser der internationalen Ausstrahlung des Hauses waren zahlreiche Opernproduktionen, die sich, zumindest was den musikalischen Part angeht, mit den besten Häusern und Festspielen messen konnten. Hier hat Claudio Abbado eine "Zauberflöte" (2005) und einen "Fidelio" (2008) zum Klingen gebracht. Hier hat Christian Thielemann 2009 einen beglückenden "Rosenkavalier" in Starbesetzung dirigiert und Thomas Hengelbrock und Teodor Currentzis haben für viele spannende Lesarten gesorgt - letzterer besonders eindrucksvoll bei der auch szenisch starken "La Bohème" in der Regie von Philipp Himmelmann bei den Herbstspielen 2017.

Was die Inszenierungen angeht, wollte Mölich-Zebhauser, Sohn eines Dirigenten und einer Opernsängerin, bewusst ein Gegenmodell zum deutschen Regietheater entwickeln. "Ich hätte gern einen ,Baden-Badener Regiestil' für die Oper etabliert, ein Plädoyer für Ernsthaftigkeit und gegen die Moden des Zeitgeistes. Aber dazu haben wir letztlich zu wenig selbst produzieren können. Umso schöner, dass es gerade in den vergangenen, meinen letzten Jahren hier, so gut geklappt hat mit den Produktionen ,Tristan und Isolde', ,Parsifal' und ,Otello'. Das sieht auch die überregionale Presse so, die ich gern früher für uns begeistert hätte. Aber da wurden wir immer in die Schublade ,das Haus der Superreichen' gesteckt."

Ein wenig mehr Mut in der Wahl der Regisseure hätte dem Festspielhaus sicherlich gutgetan. Die szenisch oft altbackenen Koproduktionen mit dem Mariinsky-Theater Sankt Petersburg wirkten manches Mal unfreiwillig komisch wie beim "Fliegenden Holländer" im Jahr 2008. Auch die Inszenierungen der von den Berliner Philharmonikern gespielten Opern hatten nur selten Festspielniveau.

Dabei ist dem Intendanten mit dem Engagement des Spitzenorchesters und der Verlegung der Osterfestspiele von Salzburg nach Baden-Baden im Jahr 2013 vielleicht der größte Coup seiner Amtszeit geglückt, zumal das Festival auch inhaltlich mit den Kammermusikkonzerten in der Stadt und den beiden Kammeropern neu definiert wurde. Für das Festspielhaus brachte es auch eine wachsende Internationalisierung des Baden-Badener Publikums, stellt Mölich-Zebhauser fest: "Aber es strahlt auch in die Musikwelt: Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters sind in die Programmplanung viel tiefer eingebunden, als dies in Salzburg möglich war. Nehmen Sie nur die Meisterkonzerte, die in monatelanger Arbeit in Berlin entstehen, für die immer wieder neue Ensembles gegründet werden."

Am Ende kann Andreas Mölich-Zebhauser stolz sein auf das, was er in Baden-Baden erreicht hat. Das Haus steht wirtschaftlich und künstlerisch bestens da, sodass sein Nachfolger Benedikt Stampa aus dem Vollen schöpfen kann. Dass es sich nun Anna Netrebko nicht nehmen lässt, sich mit einem Liederabend sozusagen persönlich vom Intendanten zu verabschieden, ist auch ein Geschenk an das Baden-Badener Publikum. "Anna ist eine fabelhafte Sängerin und ein wunderbarer Mensch. Ihre Treue zu uns war ein wichtiger Baustein", bemerkt Mölich-Zebhauser. "Valery Gergiev brachte sie 2001 mit nach Baden-Baden, damals sang sie die Teresa in ,Benvenuto Cellini'. In der ,Jolanthe' (2009) und im ,Don Giovanni' (2012) hat sie uns dann zu Tränen gerührt und stimmlich begeistert. Sie ist eine sehr kluge Künstlerin, der wir viel verdanken. Mit ihr aufzuhören, nenne ich ,Intendantenglück'."

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Ottersweier
Zerr bleibt oberster ´Pfeifenmann´

05.07.2019
Bernhard Zerr wiedergewählt
Ottersweier (red) - Bernhard Zerr (Foto: Braxmaier) aus Ottersweier wurde auf der Jahreshauptversammlung der Schiedsrichtervereinigung Baden-Baden als Präsident wiedergewählt. Vom Gremium wurde der frühere Bundesliga-Referee Zerr einstimmig für zwei weitere Jahre gewählt. »-Mehr
Freiburg
Eine Packung zum Saisonende

03.06.2019
SV 08: Mit Packung in die Pause
Freiburg (red) - Der ersatzgeschwächte SV 08 Kuppenheim hat sich in der Fußball-Verbandsliga mit einer 0:7-Packung beim Vizemeister Freiburger FC in die Sommerpause verabschiedet. Dadurch fiel das Team von Trainer Matthias Frieböse noch auf den sechsten Platz zurück (Foto: Klein). »-Mehr
Bühlertal
´Punkto Mentalität ganz klar die Bestnote´

24.05.2019
SVB: Bestnote für die Mentalität
Bühlertal (rap) - Es ist vollbracht: Der SV Bühlertal steht zwei Spieltage vor Rundenende als Meister in der Fußball-Landesliga fest. Im Interview spricht SVB-Trainer Johannes Hurle über die Aufstiegsfeierlichkeiten und wagt einen Blick auf die Herausforderung Verbandsliga (Foto: Seiter). »-Mehr
Loffenau
Total-Absturz droht

17.05.2019
TSV Loffenau muss heftig zittern
Loffenau (red) - Während Landesliga-Aufsteiger FV Würmersheim nach einem kräftigen Endspurt kurz vor dem Klassenerhalt steht, muss Mitaufsteiger TSV Loffenau (Foto: Vetter) kräftig zittern. Das Heimspiel gegen RW Elchesheim ist für die 2019 sieglosen Loffenauer ein Schlüsselspiel. »-Mehr
Karlsruhe
Ein Spiel, zwei Ziele

04.05.2019
KSC kann aufsteigen
Karlsruhe (red) - Der Karlsruher SC (Foto: GES) kann bereits an diesem Samstag den Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga perfekt machen. Gewinnt der KSC und verlieren die beiden Verfolger SV Wehen Wiesbaden und Hallescher SC, ist ihm Rang zwei in der 3. Liga nicht mehr zu nehmen. »-Mehr
www.los-rastatt.de
Umfrage

Am 14. November findet der Weltdiabetestag statt. Viele Bundesbürger unterschätzen laut einer aktuellen Umfrage das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Beschäftigen Sie sich mit der Krankheit?

Ja.
Nein.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1