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Krimi spielt in den besten Kreisen
Krimi spielt in den besten Kreisen
28.09.2019 - 08:00 Uhr
Von Sabine Rahner

Der Mann sieht verdächtig aus mit seiner schlecht sitzenden Perücke und dem viel zu langen, falschen Bart. Schon den ganzen Nachmittag ist Karl Hau Passanten in Baden-Baden aufgefallen: Am Bahnhof, in der Lichtentaler Allee, vor allem aber auf dem Villenhügel am Beutig. Dort sah man, wie der Maskierte von verschiedenen Standorten aus die Villa Molitor in der Stadelhoferstraße beobachtete. Das war damals, 1906, leicht möglich, es standen noch nicht sehr viele Häuser dort oben, und Bäume sieht man auf alten Fotos auch fast keine. Um 18.02 Uhr fällt an diesem nebligen November-Dienstag ein Schuss auf der Kaiser-Wilhelm-Straße. Das Opfer, Josefine Molitor, ist sofort tot. Ihre Tochter Olga gibt an, sie habe einen großen, fliehenden Mann gesehen.

Mysteriöses



Telegramm aus Paris

Alle paar Jahre ploppt der "Fall Hau" wieder auf. Mal ist es eine Jahreszahl, die an den spektakulären Mord 1906 in besten Baden-Badener Kreisen und den nicht weniger sensationellen Prozess 1907 in Karlsruhe erinnert, mal erscheint ein neues Buch zum Thema. Es gibt ziemlich viele Dokumentationen, mehrere Filme und einige literarische Verarbeitungen dieses Mordes, von Jakob Wassermanns "Fall Maurizius" (1928) bis zu "Hau" von Bernd Schroeder, 2006 erschienen. Dieser dokumentarische Roman dient jetzt als Vorlage für das Theaterstück "Der Fall Hau" am Baden-Badener Theater. Uraufführung ist am 8. November.

Alles an dem historischen Fall wirkt rätselhaft, unlogisch, unverständlich. Karl Hau - zur Tatzeit erst 25 Jahre alt - ist eine ungewöhnlich schillernde Persönlichkeit, ein Lebemann mit hoher Intelligenz und gewandtem Auftreten.

Fünf Jahre vor dem Mord, im Frühjahr 1901, lernt der damals 20-jährige Student aus der Eifel in einem Hotel auf Korsika die Baden-Badener Familie Molitor kennen, Medizinalratswitwe Josefine Molitor und die beiden noch bei ihr lebenden Töchter Lina und Olga. Die jüngere Olga fängt rasch Feuer, Linas Zuneigung wächst mehr im Verborgenen. Sie ist sechs Jahre älter als Hau und sieht eine Verbindung als aussichtslos an. Doch gerade diese beiden kommen sich näher und fliehen ein halbes Jahr später kopf- und mittellos in die Schweiz. Die exaltierte Olga hätte vielleicht besser zu ihm gepasst.

So fiebrig, wie sie begonnen hat, schwelt die Affäre weiter. Nach einem geheimnisumwitterten Streifschuss, der Lina nur leicht verletzt und den sie als Suizidversuch ausgibt, stimmen die Familien trotz Bedenken einer Heirat zu. Ein Neuanfang in Washington soll das skandalöse Geschehen vergessen machen.

Im Frühsommer 1906 kehrt das Ehepaar Hau mit seiner kleinen Tochter erstmals nach Europa zurück. Hau hat eine glänzende Universitätskarriere gemacht, ist rasch Professor geworden und Rechtsanwalt für große Fälle. Während Lina in Baden-Baden bleibt, reist er mehrfach nach Konstantinopel, wo er den Verkauf von Kriegsgerät, Schiffen, Eisenbahnlinien anleiern will. Er tritt dort ganz groß auf, seine Ausgaben sind eklatant. Der geschäftliche Erfolg bleibt aber aus.

Die Rückreise nach Washington ist über Paris und London geplant. Trotz Eifersüchteleien zwischen den beiden Schwestern reist Olga im Oktober 1906 mit der Familie Hau nach Paris. Von dort beunruhigt am 29. Oktober ein Telegramm die Mutter Molitor: "Erwarte dich mit dem nächsten Zug. Olga krank. Komm sofort. Lina." Die Witwe kommt, findet aber beide Töchter gesund und ahnungslos vor - alle rätseln. Sie nimmt Olga mit nach Hause, Familie Hau reist nach London weiter.

Das Pariser Telegramm spielt am Mordtag wieder eine Rolle: Am Abend des 6. November 1906 wird Frau Molitor telefonisch zur Hauptpost bestellt, weil man jetzt den Hintergrund dieses Pariser Telegramms aufklären könne. Das Hausmädchen sagt ihr noch, die Stimme des "Postvorstehers Graf" am Telefon habe wie Karl Hau geklungen. Josefine Molitor geht aber davon aus, dass Hau bereits in London ist. Wegen der Dunkelheit bittet sie Olga, sie beim Gang über die Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Postamt zu begleiten.

In Höhe der Lindenstaffeln fühlen sich die beiden Frauen verfolgt und erwägen, diese dunkle Abkürzung zu nehmen. Doch sie entscheiden sich dagegen. Sekunden später fällt der Schuss. Er wird aus nächster Nähe auf den Rücken Molitors abgegeben, die Einschussstelle im Stoff ist verbrannt. Die Kugel trifft das Herz. In Spiritus eingelegt, ist dieses Herz während des Prozesses auf dem Richtertisch zu sehen.

Karl Hau besteigt Minuten später eine Droschke zum Bahnhof und reist nach London. Nach seiner Ankunft wird er von Scotland Yard verhaftet. Er leugnet die Tat vehement. Den Telefonanruf vom Postamt aus unter falschem Namen sowie seine Anwesenheit nahe beim Tatort gibt er dagegen freimütig zu. Er habe Olga noch einmal sehen wollen, deshalb sei er heimlich zurückgekehrt. Auch dass er das Telegramm aus Paris geschrieben hat, räumt er ein. Alles spricht gegen ihn, sein auffälliges Betragen am Tattag mit der skurrilen Verkleidung, seine Schulden, sein geschäftlicher Misserfolg, sein Hang zu Olga.

Manches sprach aber auch gegen Hau als Täter: Es gab mehrere Zeugen, die angaben, er sei zur Tatzeit in die andere Richtung - nämlich zur Fremersbergstraße und nicht ins Stadtzentrum - gegangen. Diese Zeugen wurden ignoriert oder mit Nachdruck korrigiert, auch der Kutscher, der aussagte, Hau am Alleehaus aufgenommen zu haben. Ihm wurde nahegelegt, dass er Hau doch wohl an den Lindenstaffeln habe einsteigen lassen. Nicht beachtet wurde eine Zeugin, die einen zweiten Mann in der Nähe gesehen hat.

Olga gilt vielen



als Mörderin

Die harte Haltung der Staatsanwaltschaft, aber auch Haus Verhalten ließen den Prozess zu einem Spektakel werden: Hau wollte sich selbst verteidigen, unterstützte den wohlmeinenden, engagierten Rechtsanwalt Dr. Dietz an seiner Seite nicht, machte kaum Aussagen, düpierte Staatsanwalt und Richter und erweckte den Eindruck, er decke als Kavalier den wahren Mörder - der demnach eine Frau gewesen wäre. Die attraktive Olga musste mehrfach in den Zeugenstand treten. Sie beschuldigte Hau nie, anders als ihre älteren Geschwister.

Fehler und Einflussnahmen der Justiz wurden von vielen Kommentatoren gerügt, der Prozess wurde von einem großen, internationalen Pressekorps - inclusive New York Times - beobachtet. Der Chefredakteur der Badischen Presse, Albert Herzog, musste für seine Kritik am Prozess ein Jahr ins Gefängnis, unter anderem wegen "Herabwürdigung der Richter." Es gab später weitere Folgeprozesse, oft von Olga Molitor angestrengt.

Hau selbst nutzte auch die Gelegenheit zum Schlusswort nicht. Er gab sich desinteressiert oder belustigt.

Am Tag der Urteilsverkündung war die Stimmung schließlich so aufgeheizt, dass Tausende Menschen vor dem Karlsruher Landgerichtsgebäude lautstark einen Freispruch forderten. Die Polizei wurde der Lage nicht mehr Herr, das Militär wurde zu Hilfe gerufen. Olga stand jetzt für viele als Mörderin fest, sie konnte sich nur noch unter Polizeischutz bewegen.

Ihre Schwester Lina, Haus Ehefrau, hatte vor dem Prozess den Freitod im Zürichsee gesucht, weil sie nicht erleben wollte, wie ihre Familienangelegenheiten in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Sie sah bis zuletzt nur das Gute in ihrem Mann. Der Staatsanwalt hatte ihr - so hat es Hau später beschrieben - angedroht, sie auch in Haft zu nehmen, falls sie weiterhin die Unschuld ihres Ehemanns propagiere.

Karl Hau wurde zum Tod verurteilt, vom Großherzog aber zu einer lebenslangen Haftstrafe begnadigt. Er verbüßte seine Strafe im Zuchthaus Bruchsal. 1924 wurde ihm die Reststrafe erlassen. Bedingung des Justizministeriums dafür war unter anderem, dass er die am Prozess beteiligten Behörden nicht öffentlich angreifen und keine reißerischen Veröffentlichungen über seinen Fall initiieren dürfe. Das hat Hau nicht befolgt: Im Ullstein Verlag erschienen bald zwei Bände, "Das Todesurteil - Die Geschichte meines Prozesses" und "Lebenslänglich. Erlebtes und Erlittenes", in dem er seinen Fall aus persönlicher Sicht darlegte. Sein Lektor schrieb damals, Hau habe den Text schon perfekt im Kopf gehabt, er habe ihn nur noch niederschreiben müssen. Nicht ganz überraschend zog das Justizministerium daraufhin die Begnadigung wieder zurück. Karl Hau floh Ende 1925 nach Rom. Am 4. Februar 1926 nahm er sich auf einem archäologischen Grabungsfeld bei Tivoli das Leben.

Der "Fall Hau" beschäftigte die Gemüter weit darüber hinaus. Zu den Spielfilmen, die das Geschehen aufgriffen, gehört "Mordprozess Dr. Jordan" von 1949, der die Handlung - wohl um weitere Folgeprozesse zu vermeiden - nach Wiesbaden verlegte, mit dem Hauptdarsteller Rudolf Fernau. Jakob Wassermanns Roman "Der Fall Maurizius" wurde durch den Fall Hau teilweise inspiriert und 1953 verfilmt. Rolf Avenas 1956 erschienener Roman "Mordaffäre Molitor" wurde 2007 von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe neu herausgegeben und mit einem kenntnisreichen Nachwort versehen (Mitteldeutscher Verlag).

Die meisten literarischen Verarbeitungen bekräftigen die Zweifel an Haus Schuld. "Das Justizdrama des Carl Hau" des Ettlinger Autors Uwe Girndt geht davon aus, dass Olga den Schuss abgegeben habe, um mit Hau eine gemeinsame Zukunft zu haben. Unter den Experten hat sich der Baden-Badener Jurist und Historiker Reiner Haehling von Lanzenauer intensiv mit dem Mordfall Hau auseinandergesetzt. Sein Fazit: "In den Medien und in der Literatur wird die Taturheberschaft des Rechtsanwalts seit nahezu hundert Jahren immer wieder hinterfragt. Wer sich indessen mit dem im Generallandesarchiv Karlsruhe verwahrten Aktengut vertraut macht, der wird erkennen, dass allein Karl Hau das Verbrechen verübt haben kann."

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