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Tief berührende Orpheus-Klagen
07.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Georg Rudiger

Vielleicht hatte es ja mit den Mächten der Unterwelt zu tun, dass der Orchestergraben im Festspielhaus Baden-Baden nach der Ballett-Vorstellung am Vorabend herunterkrachte. Jedenfalls musste Intendant Benedikt Stampa dem Publikum im Festspielhaus Baden-Baden erklären, warum sich das Venice Baroque Orchestra bei seinem dem Orpheus-Mythos gewidmeten Konzert nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum postiert.

So nah kommt man den Künstlern normalerweise nicht. Das aus der Not geborene Experiment geht auf. Die Atmosphäre im nur halbvollen Saal ist besonders konzentriert. Nach einem tief berührenden, mit stehenden Ovationen gefeierten Konzertabend sieht man strahlende Gesichter.

Zwei ganz verschiedene Konzerthälften hat Dirigent Andrea Marcon gebaut. Der erste Teil ist ganz Orpheus gewidmet, der um seine gestorbene Geliebte Eurydice trauert und sie durch seinen Gesang wiedergewinnen möchte. Am Ende bleibt der endgültige Verlust - Trauer, Klage und Verzweiflung prägen die Arien. In der Arie des Orpheus "E morta Euridice" von Antonio Sartorio aus seiner Oper "L'Orfeo" wiederholen und verstärken die Violinen die schlanken Gesangslinien von Dorothee Mields.

In der anschließenden Arie "Se desti pietà" schlüpft die Sopranistin in die Rolle der Eurydike. Ein wenig mehr Espressivo könnte man sich in der Gestaltung der Seufzer durchaus vorstellen, aber Mields bleibt bei ihrer an der historischen Aufführungspraxis geschulten, vibratoarmen Tongebung. Gerade diese Schlichtheit verleiht der Interpretation eine besondere Note. Die nächste Klage ist noch ausdrucksvoller. "Lasciate averno" aus Luigi Rossis Orfeo-Oper berichtet vom endlosen Elend und den Höllenqualen des verlassenen Sängers.

Das im Stehe n spielende Venice Baroque Orchestra begleitet sensibel Orfeos emotionale Abgründe, die Dorothee Mields einfühlsam zum Klingen bringt. Dirigent Andrea Marcon, der vom Cembalo aus das Ensemble leitet, lässt genügend Raum für die Emotionen. Giovanni Battista Pergolesis Kantate "Orfeo (Nel chiuso centro)" changiert zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Dur und Moll. Auch diese Zerrissenheit setzen Dorothee Mields und das auf historischen Instrumenten spielende Ensemble in Tönen und Klangfarben um, ohne dabei die Extreme zu berühren. Gerade in der Zurücknahme entwickelt die Interpretation besondere Intensität.

Nach der Pause ändert sich das Bild. Orpheus hat ausgeweint. Nun wird das Leben gefeiert in prachtvollen, mitreißenden Barockkompositionen wie der Ouvertüre Nr. 6 in B-Dur von Francesco Maria Veracini, wo die Streicher richtig zupacken und zwei Oboen virtuose Läufe beisteuern. Vivaldis Konzert in g-Moll für zwei Violoncelli mit den beiden vorzüglichen Solisten Massimo Raccanelli und Federico Toffano groovt mit seinen pulsierenden Rhythmen. Die angestochenen Synkopen im Finale setzen den Satz unter Spannung, ehe sich die beiden Cellisten mit ihren Sechzehntelketten die Bälle zuspielen. Noch spektakulärer geraten die Akkordbrechungen und Verzierungen in Vivaldis C-Dur-Concerto für Flautino, Streicher und Basso Continuo. Ihre Blockflöte holt Anna Fusek, die auch Violine im Ensemble spielt, unter dem Lachen des Publikums aus ihrem Hosenbund hervor, bevor sie auf dem kleinen Instrument die Initiative an sich reißt und, getragen vom ähnlich impulsiven Tutti, die halsbrecherischsten Figuren mit Charme und Eleganz verbindet. Auch bei Franceso Geminianis Concerto grosso in d-Moll "La Folia" am Ende treffen technische Finessen auf mitreißende Musikalität und einen wuchtigen Sound. Das Alte-Musik-Ensemble mutiert zur Rockband.

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