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Die Schlüsselfrage der Deutschen
11.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Dieter Klink

Karlsruhe - Dass Rainer Eppelmann Pfarrer ist, wird in seinen ersten Worten offenbar. Mit eindringlicher Stimme setzt der 76-jährige Berliner und frühere DDR-Bürgerrechtler den Zuhörern Gedanken in den Kopf, die sie zum Weiterdenken anregen sollen. "Was geschieht mit Menschen in der Diktatur?", fragt der prominente Kopf der Herbstwende 1989 pastoral ins Publikum, das auf Einladung des Vereins "Lernort Zivilcourage und Widerstand" am Mittwochabend ins Generallandesarchiv nach Karlsruhe gekommen ist. Und öffnet mit dieser Frage ein ganzes Universum.



Ja, was geschieht mit Menschen in der Diktatur? Eppelmann kann das anhand der eigenen Biografie erläutern. 1943 in Berlin geboren, kennt er die DDR von Kindesbeinen an. Diktatur oder Demokratie: Das ist für ihn die Schlüsselfrage der Deutschen.

Schon bei den Nazis "haben wir es als Volk nicht geschafft, aufzustehen", erläutert er. "Wir mussten von unseren Gegnern dazu gezwungen werden, uns von ihm zu trennen", sagt er mit Blick auf Diktator Adolf Hitl er.

Als Kind habe er von der Diktatur in der DDR noch nicht so viel mitbekommen. Er ging nicht zu den Pionieren, nicht zur FDJ, der Jugendorganisation der Einheitspartei SED. Daher durfte er später nicht das Abitur machen. Als er zur Nationalen Volksarmee einberufen wurde, verweigerte er und musste dafür acht Monate ins Gefängnis. Diese Zeit prägte ihn stark. So schnell konnte ihm danach nichts mehr Angst einjagen.

Dabei spielte Angst in der DDR eine große Rolle. Eppelmann macht das den Bürgern nicht zum Vorwurf. "Jeder darf Angst haben, sich sorgen um sich und seine Kinder. Die Schlimmen sind aber die, die anderen Angst einjagen."

Zum Beispiel am 17. Juni 1953, dem Tag, der später im Westen als Nationalfeiertag gefeiert wurde, bis es zur staatlichen Einheit 1990 kam. Die DDR-Bürger hätten nur ihr in der Verfassung verbrieftes Recht auf Streik wahrgenommen. Sie forderten freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung.

Die sowjetischen

Panzer hielten nicht an

Die Regierung mit Walter Ulbricht an der Spitze "bat ihre bewaffneten sowjetischen Freunde, ihr zu helfen". Und die Sowjets halfen. Die streikenden Arbeiter hätten dann gedacht: "Wenn wir uns mit unseren Leibern entgegenstellen, müssen die Panzer anhalten." Pause. "Aber sie hielten nicht an." Es gab Tote. Einige seien standrechtlich erschossen worden und Tausende verhaftet. Die letzten seien erst Mitte der 70er freigekommen.

Eppelmann erinnert auch an den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Davor hatten zwei Millionen DDR-Bürger ihrem Staat den Rücken gekehrt und waren in die Bundesrepublik geflohen. Und die Zurückgebliebenen? "Seit dem 13. August sind wir jeden Abend ausgereist. Mithilfe von ARD und ZDF", erzählt er. Und berlinert: "Wir haben jesehen, wie Sie leben. Ihre Kleidung, Ihre Büros. Ihre Fabrikhallen. Wat für Bücher und wat für Filme Sie haben. Und wohin Sie reisten." "Und wir fragten uns: Ob die so viel besser sind als wir? So viel besser konnten sie nicht sein!"

In den 80er Jahren "kamen uns ARD und ZDF wieder zu Hilfe." Die großen Demos gegen die atomare Nachrüstung im Westen, unter anderem die legendäre mit 300 000 Teilnehmern im Bonner Hofgarten im Oktober 1981. Sie forderten, die Cruise Missiles und Pershing-II-Raketen der USA nicht zu stationieren. Ihr prominentester Fan: DDR-Staatschef Erich Honecker. "Jawoll, die Pershings müssen weg", habe dieser sekundiert. "Und wir dachten uns: Sprich den Satz doch zu Ende!", erzählt Eppelmann.

Da Honecker das aber nicht tat, "sagten wir uns: Jetzt müssen wir wat machen und den Mut aufbringen zu sagen: Auch die sowjetischen SS-20 müssen weg".

In den 80ern habe die evangelische Kirche Freiraum für Andersdenkende gegeben: Für Friedensbewegte, Umweltgruppen, Menschenrechtsfreunde. Eppelmann war damals evangelischer Pfarrer in Berlin-Friedrichshain. Die Kirche bot den geschützten Raum. "Hätten wir uns nicht in der Kirche, sondern in privaten Kreisen getroffen, wären wir zertrampelt worden", vermutet er.

Was also macht Diktatur mit den Menschen? Wie lebt man, wenn es nur eine staatlich verordnete Wahrheit gibt? Der Ansatz der DDR, alle Bürger zu sozialistischen Persönlichkeiten zu machen - für Eppelmann eine Horrorvorstellung. "Was ist das für eine Gesellschaft, die das verlangt?"

Kann man sich und seinen Meinungen in der Diktatur treu bleiben? Jeden Tag, jede Stunde ein Held sein? "Wer kann das?", fragt er, und die Zuhörer haben zurecht Mühe, sich das vorzustellen. Nein. "Das ist unmenschlich." Die DDR also war unmenschlich.

Eppelmann hat die DDR "von der ersten bis zur letzten Minute" erlebt und seit 1990 die gemeinsame Bundesrepublik. Er war 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs, der später in der CDU aufging. Er saß 15 Jahre lang als CDU-Abgeordneter im Bundestag, arbeitete an der Aufarbeitung der SED-Diktatur mit, bis heute als Vorsitzender einer Bundesstiftung.

"Das Land, in dem ich heute lebe, ist kein Paradies", zieht er einen Vergleich. Aber das gebe auf Erden auch nicht. Demokratie sei aber sehr wertvoll. "Die alltägliche, ganz normale Demokratie ist so kostbar", sagt er leise und betont dabei jedes Wort. Die alltägliche. Ganz normale. Demokratie.

Weil er diese so wertschätzt, will er auch mindestens 93 Jahre alt werden. Gerne auch älter. Wieso mindestens 93? "Dann kann ich meiner Frau sagen: Jetzt lebe ich ein Jahr lang länger in der Demokratie als in der Diktatur."

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