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Kriegsbeute und Kulturaustausch
17.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Das Osmanische Reich reichte 1683 bis vor die Tore Wiens. Es umfasste unter weiteren eroberten Gebieten (Naher Osten und Ägypten, Regionen rund um das Schwarze Meer, Teile Persiens) den Balkan, weite Teile Ungarns, Bulgarien bis Griechenland. Das war noch nicht genug.

Zum zweiten Mal versuchten die Osmanen, nachdem ein neuer Großwesir an der Spitze des Reiches stand, einen militärischen Vorstoß, um den "Golden Apfel der Deutschen" (Wien) zu erobern. Das war 1529 misslungen. Es sollte 1683 wieder misslingen. Der Große Türkenkrieg hatte begonnen. Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden hatte sich dabei einen Namen gemacht. Markig der "Türkenlouis" oder "Löw von Baden" genannt stand der badische Markgraf im Zenit seines militärischen Erfolges. Zum ranghöchsten Kommandeur und Feldherr der Habsburger Truppen unter Kaiser Leopold I. vorübergehend aufgestiegen, hatte er die Osmanen im Großen Türkenkrieg in der Schlacht bei Slankamen (bei Belgrad) 1691 besiegt - und die Kriegsbeute mit ins Badische gebracht, während das badische (und württembergische sowie kurpfälzische) Land daheim infolge des von Louis XIV. provozierten Pfälzischen Erbfolgekrieges von den Franzosen zerstört darniederlag. Frankreich hatte sich mit dem Osmanischen Reich für die Durchsetzung seiner territorialen Ansprüche (Kurpfalz, Elsass und Lothringen) verbündet und bei der Gelegenheit eine zweite Front eröffnet. Ganz Europa war hernach in den Konflikt involviert.

Die sogenannten Türkenkriege auf den Gebieten des dreigeteilten Ungarns, bei Buda und schließlich vor den Toren Wiens - zwischen den Habsburgern, ihren Verbündeten und dem sich auf Expansionskurs befindlichen Osmanischen Reich - stellt das Badische Landesmuseum Karlsruhe in seiner neuen Ausstellung "Kaiser und Sultan" anhand von 320 bedeutenden Exponaten auf zwei Etagen dar. Waffen, Harnische, Helme, Original-Reitsattel und Brustpanzer im reich verzierten osmanischen Stil zeugen in der Schau nicht nur viel Säbelrasseln, sondern stellen auch die Rolle des Rüstzeugs als prunkvolle Statussymbole der Zeit heraus. Die berühmte "Karlsruher Türkenbeute", Badens Trophäensammlung des späten 17. Jahrhunderts, ist Dreh- und Angelpunkt der Schau, mit der das Museum im Karlsruher Schloss sein 100-jähriges Bestehen feiert. So will die Große Landesausstellung ab Samstag nicht nur einen alten Krisenherd zeigen, sondern auch herausstellen, dass Südosteuropa im 17. Jahrhundert überdies eine Region der kulturellen Begegnung und des Austausches war.

Sichtbar wird an den reich verzierten Waffen, Satteln und Ausstattungen der Feldherren ein enger kultureller und wirtschaftlicher Austausch, inmitten von Glaubenskonflikten, Unterwerfung und Zerstörung. An Europas Höfen hielt die Kaffeekultur Einzug, die "Türkenmode" und ornamentale Kunst, im Osmanischen Reich technische Innovationen wie Fernrohre oder der Buchdruck; bis in den süddeutschen Raum hinein wurden Säbel, Dolche, Streitkolben in orientalischer Gravur hergestellt. Gleichzeitig entwickelte sich die Diplomatie der prunkvollen Gastgeschenke bereits ab dem 15. Jahrhundert zwischen Kaiser und Sultan. Unter den damals begehrten Automatenuhren war auch die "Tischprunkuhr" (1676-1683) aus der Esterhazy-Schatzkammer von Burg Forchtenstein.

Über den bedeutendsten Schatz osmanischer Kunst in Europa verfügt die Dresdner Rüstkammer, die ihr lebensgroßes Pferde-Exponat mit dem reich geschmückten tatarischen Sattel August des Starken aus der "Türckischen Kammer" nach Karlsruhe entliehen hat. Aus dem Kunsthistorischen Museum Wien kommen glänzende Helme und Kürass. Das Nationalmuseum Krakau hat nicht nur das große "Blaue Zelt" ausgeliehen, ein blütenreich-verziertes osmanisches Zweimastzelt, wie es ähnlich auf dem berühmten Schlachtengemälde von Franz Geffels (1683) bei Kahlenberg vor Wien (das gegenüber hängt) zu sehen ist, sondern auch den Schuppenpanzer des polnischen Feldherrn Jablonowski.

Dem badischen "Türkenlouis" ist ein ganzer Saal gewidmet. Das Porträt des Markgrafen zeigt den späteren Erbauer der Rastatter Residenz in glänzender Rüstung, sein restaurierter Feldschreibtisch ist ausgestellt und die Steinschlossflinte, inszenierter Heldenruhm in Waffen und auf Gemälden.

Trotz aufwendiger Inszenierung, die die historischen Exponate ins Blickfeld rückt, ist die Ausstellung thematisch nicht einfach zu erschließen: Zur Einstimmung gibt es einen Animationsfilm der Filmhochschule Ludwigsburg, der sämtliche Frontverläufe und regionalen Konflikte der Türkenkriege, im vogelwilden Zeitraffer auf drei Minuten gekürzt hat; Schauspieler Christian Tramitz spricht 16 Charaktere.

Bis 19. April 2020 läuft die von der Universität Graz wissenschaftlich begleitete Ausstellung.

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