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Ein radikaler Expressionist
Ein radikaler Expressionist
23.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Hermann Scherer? Ja klar, dieser Expressionist im Süden, ein Deutscher - oder doch ein Schweizer? Früh verstorben jedenfalls, und war er nicht mit Ernst Ludwig Kirchner befreundet? Bis der ihm irgendwann die Freundschaft aufkündigte? - Alles richtig, und man kennt ihn ja, den 1927 mit 34 Jahren verstorbenen deutsch-schweizerischen Bildhauer, Maler und Grafiker.

Scherer gehört vielleicht nicht unbedingt zur allerersten Riege der Expressionisten. Doch immerhin wurde bereits 2004 von einer Schweizer Galerie "Das kleine Mädchen", eine Skulptur von ihm, zu dem beachtlichen Preis von umgerechnet über 280 000 Euro verkauft. Und in einer vergleichsweise kurzen Zeitspanne schuf der Künstler ein Å’uvre, das aller Ehren wert ist. Er, der als ausgebildeter Steinmetz ursprünglich gar nicht für die Kunst bestimmt schien. Sondern fürs Kunsthandwerk.

Unter der Überschrift "Expressionist Scherer" zeigt das Museum für Neue Kunst in Freiburg jetzt eine umfangreiche Retrospektive mit gut 100 Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen, Holzschnitten und Aquarellen. Neben privaten Leihgaben ist die Schau zu einem guten Teil mit Werken aus den eigenen sowie den Beständen des Dreiländermuseums in Lörrach bestückt. In der nur wenige Kilometer von Lörrach entfernt liegenden Gemeinde Rümmingen wurde Scherer 1893 geboren.

Der Besuch einer Munch-Ausstellung im Kunsthaus Zürich Anfang der 1920er Jahre beeindruckte ihn tief - und weckte womöglich den Künstler in ihm. Die Freundschaft mit Kirchner gab seinem Schaffensdrang einen starken Schub - und eine Neuausrichtung. Fortan ist Scherer Expressionist, und das noch "direkter, roher, emotionaler" als sein Lehrmeister Kirchner selbst, wie die Schau im Untertitel konstatiert. Gut möglich, dass Kirchner, als er ihm die Freundschaft aufkündigte, den jüngeren Künstler als Bildhauer-Konkurrenten bereits ungut im Nacken spürte.

Insbesondere als Skulpteur fand Scherer rasch zu einer eigenen, ausdrucksstarken Bildsprache. "Adam und Eva" - eine Dauerleihgabe des baden-württembergischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst an das Freiburger Museum - ist im biblischen Motiv eine psychologisch feinsinnige Studie des Geschlechterverhältnisses von hoher plastischer Präsenz; "Der Redner" mit den Zügen des Politikers und Publizisten Otto Rühle in der expressiven Körperhaltung und Gestik eine bildkräftige Vergegenwärtigung der politischen Kämpfe der Zeit.

Stärker noch und zugleich kühner will das Bildwerk "Mutter, Kind säugend" aus Arvenholz erscheinen. Es erzählt nicht etwa von Innigkeit und Fürsorglichkeit im Mutter-Kind-Bezug. Versonnen, ja innerlich wie abwesend stützt die liegende Mutter mit der Rechten den Kopf des Säuglings an ihrer Brust. Der liegt, mit Oberleib und Kopf schräg nach unten, quer über ihren Leib gestreckt wie ein Gestürzter. Das Leben: ein Sturz, man wird ungefragt einfach hineingeworfen, sagt das Werk in seiner Ausdrucksgestalt.

Die Gemälde zeugen vom starken Einfluss Kirchners - etwa in Motiven wie "Mädchen auf Divan", aber auch in der expressiven, von Naturwahrheit stark abweichenden Farbgebung mit gelben und grünen Gesichtern oder lila Bergen. In den späten "Drei Figuren in Landschaft" löst sich Scherer ein Stück weit von diesem Einfluss. Weichkurvige, fließende Formen herrschen vor. Doch erzeugen sie keineswegs den Ausdruck von Ausgewogenheit und Harmonie. Vielmehr akzentuieren sie den bedrohlichen Aspekt des Zerlaufens, innerer Auflösung. Es scheint hier, als habe Scherer auch als Maler kurz davor gestanden, zu einem eigenen Stil zu finden. Nicht zuletzt in der expressiven Dynamisierung der Natur mit wogenden Bergen geht er in den Landschaftsbildern über Kirchner hinaus.

Ganz stark ist Scherer, schon in "Atelierfest", wiederum in den Holzschnitten. In "Zwei Frauen in Landschaft" spitzt sich die Expressivität seiner Bildsprache zum Ausdruck von Weltverlorenheit zu. Im "Raskolnikov"-Zyklus erreicht der Dostojewski-Bewunderer dann ein Höchstmaß an bildsprachlicher Beredsamkeit. Man erkennt in der innerlich gespaltenen Romanfigur, wie Scherer sie zeichnet - ihn selbst. Dazu stimmen die vielen Selbstbildnisse.

Der Christus am Kreuz im Hintergrund des Selbstbildnisses "Der Kranke" weist den Künstler als Leidenden aus - als "artiste maudit", als Ausgestoßenen. Im Christusalter von 33 Jahren erkrankte Hermann Scherer schwer. Wenige Monate später, im Mai 1927, starb er an einer Streptokokkeninfektion. Bis 15. März 2020 in Freiburg zu sehen.

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