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Der ganz große Wurf reißt wohl die Milliardengrenze
06.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Dass die Sanierung der Stuttgarter Oper teuer wird, pfeifen die Spatzen seit Langem von dem Dach, auf dem auch im strengsten Winter nie Schnee liegt, weil Fenster und Isolierung gut hundert Jahre alt sind. Dass aber eine Milliarde Euro irgendwann am Ende der Großumbauten fällig sein werden, hat selbst notorische Pessimisten überrascht. Trotzdem darf der hochkulturbegeisterte Teil der Bevölkerung erfreut sein darüber, dass Stadt und Land bereit sind, diese Summe tatsächlich in die Hand zu nehmen.

Ende Oktober hatte Verdis "Don Carlos" in der französischen Langfassung Premiere. Und diesmal stirbt Rodrigue, der Marquis von Posa, besonders einsam, nicht nur weil ihm der Freund die Hand verweigert im Todeskampf. Auch das Bühnenbild, mit den beiden sich bewegenden hohen Wänden über Eck, ist ganz besonders karg. Immerhin, die Drehbühne arbeitet reibungslos, loben Besucher, die Bescheid wissen über den desolaten Zustand der Innereien des Hauses am Eckensee. Auch vieles andere funktioniert, sonst wäre die - nach der Zahl der Beschäftigten - größte Oper der Welt längst geschlossen. Aber selbst Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) denkt laut über die künstlerischen Beschränktheiten nach und darüber, dass die immer marodere Lage der Tradition und vor allem der großen, auch internationalen Reputation der Stuttgarter Oper nicht entspricht.

Eine Erkenntnis, die das Land und eine seit Monaten im Rathaus tagende und denkende Taskforce motiviert hat, den ganz großen Wurf zu wagen. Auch in der Interimszeit von sechs, sieben oder noch mehr Jahren soll der Betrieb weitergehen auf hohem Niveau. Den Mitgliedern des Verwaltungsrats wurden gestern Nachmittag die bis dahin streng geheimen Entwürfe präsentiert. Nach der sogenannten "optimierten Kostensteuerung", die Finanzministerin Edith Sitzmann (Grüne) unlängst unabhängig von den Württembergischen Staatstheatern präsentiert hat, um "mit noch mehr Transparenz, Offenheit, Gründlichkeit bei der Kostensicherheit von Bauvorhaben neue Wege zu gehen", müssen allein für Umbau und Sanierung 740 bis 960 Millionen Euro investiert werden.

Ausgehend von einer Bauzeit ab 2025 von zehn Jahren, werden den beiden Kostenträgern Stadt und Land per anno also jeweils rund 50 Millionen aufgebürdet. Der Klang dieser Zahl ist schon wesentlich erträglicher als die erwähnte Milliarde, zumal das relativ wohlhabende Baden-Württemberg jedes Jahr über eine Milliarde Euro für Bau oder Sanierung landeseigener Immobilien ausgibt, derzeit für 1 800 Einzelprojekte. Darunter sind ebenfalls über Jahrzehnte unsanierte Bauten wie an der Uni am Pfaffenwald-Ring in Stuttgart-Vaihingen, wo für den neuen naturwissenschaftlichen Campus mit 50 000 Quadratmetern zwischen 600 und 800 Millionen Euro veranschlagt sind.

Vorgelegt für die Oper und ein siebenstöckiges Kulissengebäude samt neuer Verwaltung wurde eine "raumscharfe Studie" mit drei Kostenblöcken. "Es ist uns ein Anliegen", so Finanzstaatssekretärin Gisela Splett, mit "konkreten und belastbaren Zahlen" an die Öffentlichkeit zu gehen. Im März wird sich der Verwaltungsrat turnusmäßig treffen. Dann sollen weitreichende Entscheidungen fallen.

Die Stadt ihrerseits hat aus den Überschüssen 2018 bereits Rücklagen gebildet, die sie gut wird brauchen können. Im Verwaltungsrat vorgestellt wurde, das mehrjährige Intermezzo der ausgelagerten Oper in der künftigen "Makercity" spielen zu lassen, einem Quartier im Stuttgarter Norden, auf dem sich Wohnungen und Arbeitsplätze durchmischen sollen. Dort sollen zwei fünfstöckige Bauten entstehen, die zunächst die Oper und dann Start-ups beherbergen. Hinzu kommen Bühnen und Zuschauerraum, deren Ausstattung nach Nutzungsende veräußert wird, etwa nach dem Beispiel der Olympischen Spiele in London 2012, wo nachher ganze Sportstätten ab- und andernorts wieder aufgebaut wurden. Auch diese Finanzierung steht auf dem Papier und sogar bis hinters Komma: Die Stadt allein gibt 84,1 Millionen Euro, Stadt und Land gemeinsam und nach Abzug der Verkaufserlöse jeweils 47,1 Millionen Euro.

Begraben sind alle Neubau-Ideen, die jahrelang durch den Talkessel waberten. Stattdessen bekommt das Haus seine Kreuzbühne, für den in allen modernen Häusern üblich gewordenen Austausch von Bühnenbildern. Und natürlich die anderen Veränderungen, Isolierung und Fenster inklusive, die für den Spielbetrieb auf jenem Niveau benötigt werden, das die Mehrfach-Adelung zur "Oper des Jahres" einbrachte.

Peter Spuhler, Intendant des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe, packte auf die Frage der "Stuttgarter Zeitung", ob nicht manchmal kleiner besser sei, eine gehörige Portion programmatisches Pathos aus: "Um kleiner oder größer geht es meist nicht, sondern um Ja oder Nein, und die Antwort in einem Land wie Deutschland kann nicht ,Nein' heißen."

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