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Virtuoses Spiel mit Figuren und Dokumenten
11.11.2019 - 00:00 Uhr

Von Sabine Rahner

 

Das Rätsel bleibt ungelöst: Gerade als sich diese außergewöhnliche Theaterproduktion entschließen will, wirklich Stellung zu beziehen in der Frage, ob Karl Hau der Mörder seiner Schwiegermutter war, geht das Licht aus. Vorbei. Ende der Vorstellung. Da sind drei Stunden und 15 Minuten gespielt - vor einem konzentriert lauschenden Publikum.

Überragende Leistung der vier Darsteller

Der Mord an Josefine Molitor im Jahr 1906 ist nicht nur ein Stück Baden-Badener Kriminalgeschichte. Er hat auch Justizgeschichte geschrieben und zeichnet allgemein ein Bild seiner Zeit, in der es verkrustete Rollenbilder für Mann und Frau und vielfältige gesellschaftliche Zwänge gab. Vom gleichen Recht für alle war man im Großherzogtum Baden damals auch noch weit entfernt, das zeigen Unterlagen aus dem Mordprozess, bei dem Entlastungszeugen bedroht oder ignoriert wurden.

Bernd Schroeder hat 2006 seinen dokumentarischen Roman "Hau" veröffentlicht, den er eigentlich als Drehbuch konzipiert hatte und in dem er auf verwirrende Weise mit vielen Zeitebenen spielt. Auf diesem Roman baut der Münchner Regisseur Rudi Gaul sein Theaterstück "Der Fall Hau" auf, das jetzt am Theater Baden-Baden uraufgeführt wurde. Die Verwirrung bleibt, wird sogar zum Prinzip seiner grandiosen Inszenierung, die durch Raffinement und Originalität besticht und diese an Wendungen überreiche Geschichte unkonventionell auf die Bühne bringt. Kaum genug würdigen kann man dabei die Leistung der vier Darsteller Rosalinde Renn, Nadine Kettler, Maria Thomas und Mattes Herre, die ständig in Aktion sind. Während Herre dem undurchsichtigen Hau eindringliche Facetten gibt, spielen die drei Frauen nicht nur die Witwe Molitor und ihre so unterschiedlichen Töchter, sondern übernehmen in rasantem Wechsel auch noch Richter, Verteidiger, Kriminalkommissar und Zeugen, dabei jeder Figur individuelle Züge verleihend. Zurecht werden die vier Darsteller am Ende gefeiert.

Sicher hätte man das Stück deutlich straffen können. Aber der Fall ist immerhin historisch und er ist extrem kompliziert. Da ist es reizvoll, alles auszuspielen, was man weiß. Zweifel an der Schuld von Karl Hau, der die Tat stets geleugnet hat, gab es von Anfang an. Seine Schwägerin und Geliebte Olga wäre als Täterin theoretisch auch infrage gekommen.

Rudi Gaul hat das Dokumentarische der Vorlage beibehalten: Die Darsteller halten Abstand zu ihren Figuren, treten zunächst als Archivmitarbeiter auf. Dafür hat Olga Motta ein Riesenregal auf die Bühne gebaut, auf dem sich auch alle Requisiten des Abends befinden. Ein kurzer Steg führt die Schauspieler ins Parkett. Auf den Bühnenhintergrund werden Videos (Thilo Nass, Roman Stocker) projiziert, ohne aufdringlich zu wirken. Manchmal werden Gesichter vergrößert, manchmal Bilder eingespielt von der Begehung des Tatorts bei den Lindenstaffeln - nur wenige Schritte vom Theater entfernt.

Die Archivarinnen übernehmen die aus staubigen Akten erstehenden Figuren und spielen die Szenen nach: Die erste Begegnung Haus mit der Familie Molitor, sein Schwanken zwischen Lina und Olga, dann den Mordtag, die Verhöre, die Gefängnisjahre und schließlich seinen ungeklärten Tod in Italien. Gleich anfangs wird Karl Hau als Gefangener in Bruchsal mit der damals noch üblichen Gesichtsmaske gezeigt. In zwei Büchern hat er später selbst über seinen Prozess und seine Haft berichtet. Darauf und auf die in Karlsruhe archivierten Gerichtsunterlagen greift das Stück zurück.

Sensationslüstern wie er 1907 tatsächlich aufgenommen wurde, wird der Prozess nachgespielt: Das durchschossene Herz des Opfers stand damals auf dem Richtertisch, Zeugenaussagen wurden so zurechtgebogen, dass Staatsanwalt und Gericht ihre rasch gefasste Meinung nicht mehr ändern mussten.

Wer sich mit dem Geschehen bislang nicht beschäftigt hat, dürfte an der intensiven Aufführung zu kauen haben - aber es gibt ja mehrere spannende Bücher über den Fall, in denen man sich detailliert informieren kann.

Rudi Gauls Inszenierung will vieles und erreicht vieles. Natürlich kann auch sie die Frage aller Fragen - schuldig oder unschuldig? - nicht klären, aber sie bringt diesen ganz und gar außergewöhnlichen Kriminalfall in einer angemessen außergewöhnlichen, dabei hochvirtuosen Aufführung fast genau am Ort der Tat auf die Bühne - das ist spektakulär.

Das BT hat hierzu in der Vergangenheit eine Sonderseite veröffentlicht.

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